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„Sieben Todsünden“ am Staatstheater Stuttgart Peaches schlägt Brecht k.o.

Von Bernd Künzig

Die „Sieben Todsünden“ waren 1933 Brechts erste Arbeit im französischen Exil. In der Stuttgarter Koproduktion von Oper, Ballett und Schauspiel mit Elektro-Clash-Sängerin Peaches wird daraus ein mit viel Gedröhn in Szene gesetzter Geschlechterkampf - ohne überzeugendes Ergebnis.

Brecht zeigte die Südstaaten - meinte aber Deutschland

Bertolt Brechts Amerikabild in den „Sieben Todsünden der Kleinbürger“ ist erfunden - wie in seinen Stücken „Dickicht der Städte“ oder „Mahagonny“. Gemeint war eigentlich das präfaschistische Deutschland der Weimarer Republik.

Nun kehrt dieses Amerikabild in Stuttgart auf die Bühne zurück. Denkt man an den amerikanischen Präsidenten Trump, der gerne den Repräsentanten der Kleinbürger gibt, könnte der Klassiker von Brecht und Weill aktuell sein.

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„Die sieben Todsünden“ von Kurt Weill und Bertolt Brecht

Elektroclash-Sängerin Peaches mischt das Staatstheater Stuttgart auf

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„Die sieben Todsünden“ ist ein satirisches Ballett mit Texten von Bertolt Brecht und Gesang von Kurt Weill. In der Inszenierung des Staatstheater Stuttgarts steht auch Peaches mit auf der Bühne. Die kanadische Elektroclash-Sängerin und Aktivistin ist bekannt für ihre provokanten Aufritte und ihr Engagement für Gleichberechtigung und sexuelle Freiheit.

Im Bild: Josephine Köhler, Peaches

„Die sieben Todsünden“ ist ein satirisches Ballett mit Texten von Bertolt Brecht und Gesang von Kurt Weill. In der Inszenierung des Staatstheater Stuttgarts steht auch Peaches mit auf der Bühne. Die kanadische Elektroclash-Sängerin und Aktivistin ist bekannt für ihre provokanten Aufritte und ihr Engagement für Gleichberechtigung und sexuelle Freiheit.

Im Bild: Josephine Köhler, Peaches

Mit Zynismus und Humor erzählt Bertolt Brecht die Geschichte von Anna, die Opfer des kapitalistischen Systems geworden ist. Anna wird von ihrer Familie zur Prostitution gezwungen, damit endlich Geld für das Eigenheim in die Kasse kommt.
„Die Sieben Todsünden“ sei aktueller denn je, sagt Peaches in SWR2. Die heutige Gesellschaft sei getrieben vom Hyperkapitalismus.

Im Bild: Christopher Sokolowski, Gergely Németi, Louis Stiens, Florian Spiess, Elliot Carlton Hines, Peaches, Staatsorchester Stuttgart

Zum ersten Mal seit 23 Jahren arbeiten die Sparten Schaupiel, Ballett und Oper des Staatstheater Stuttgart in der Inszenierung zusammen. Die Familie von Anna wird gespielt von Sängerinnen und Sängern der Staatsoper Stuttgart. Die Rolle der Anna ist gleich mehrfach besetzt. Sie wird verkörpert von Schauspielerin Josephine Köhler und dem Tänzer und Choreographen Louis Stiens. Peaches spielt die ältere Anna, die als Erzählerin ihre eigene Geschichte rückblickend kommentiert.

Im Bild: Melinda Witham (hinten), Louis Stiens, Peaches, Josephine Köhler

Regisseurin Anna-Sophie Mahler hat für die Ausbeutung des Individuums ein Symbol gefunden: Den Boxkampf. Er versinnbildlicht, wie Menschen sich vom System benutzen lassen und sich dabei selbst zerstören. Zu der Vorlage von Brecht und Weill hat die Regisseurin im zweiten Teil neue Texte hinzugefügt.

Im Bild: Josephine Köhler, Louis Stiens

Hier gerät die Inszenierung zu einer Peaches-Performance. Die Künstlerin beeindruckt mit Stimme und Spiel - ein Spektakel für Auge und Ohr. langweilig ist das Stück jedenfalls nicht. Das Staatstheater Stuttgart zeigt „Die Sieben Todsünden“ noch bis zum 30. März. Alle Vorstellungen sind ausverkauft.

Im Bild: Josephine Köhler, Peaches, Louis Stiens

Knallhart choreographierter Geschlechterkampf

Diese Aktualität spielt bei der Regie von Anna-Sophie Mahler nun allerdings keine Rolle. Sie verlegt das Geschehen in eine Boxarena. Das Orchester ist an den drei Seiten verteilt.

Die Schauspielerin Josephine Köhler ist die weibliche Anna, der Choreograph Louis Stiens eine männliche. Annas Familie gibt die Kampfrichter. Und so kommt es zum knallhart choreographierten Geschlechterkampf.

Auf die Dauer ist das redundant und greift als Metapher für die antikapitalistische Sozialmelancholie der „Todsünden“ auch zu kurz. Peaches begleitet stimmsicher, wenngleich etwas zu musicalhaft.

Zeigefinger-Theater und Peaches als One-Woman-Show

Wie das Orchester ist auch sie verstärkt und tönt zu laut aus den Lautsprechern. Und irgendwie rauschen der Brecht- und Weill-Teil des Abends vorbei.
Es folgt ein zeigefingerhaftes Metatheater, mit dem die Schauspielerin Josephine Köhler das gerade Abgespielte reflektiert.

Schluss mit dem Boxkampf - und die Arena entschwebt in den Schnürboden. Auftritt Peaches, auf die der Abend eigentlich fokussiert ist. Ab jetzt wird er zur Light-Show der Electro-Clash-Popikone aus Berlin. Sie ist der Star. Die übrigen: körperliches Ornament.

3:43 min | Do, 31.1.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Peaches: Wir sind "auf einem superkapitalistischen Weg"

Karin Gramling

Die kanadische Elektroclash-Sängerin Peaches engagiert sich mit provokanten Auftritten für die Gleichberechtigung von Frauen, für gesellschaftliche Randgruppen und sexuelle Freiheit. Sie spielt mit im satirischen Ballett „Die 7 Todsünden“ am Staatstheater Stuttgart mit Texten von Bertolt Brecht und Gesang von Kurt Weill. Die heutige Menschheit sei getrieben vom Hyperkapitalismus. „Die 7 Todsünden“ seien aktueller denn je, so Peaches in SWR2.

„Fuck the pain away“

Es wird sprachlich vulgär und darstellerisch queer. Peaches singt ihren Hit „Fuck the pain away“. Provokation als politische Korrektheit fürs „MeToo“-Zeitalter. Eine akustisch hochgefahrene One-Woman-Show der sich selbstverwirklichenden Frau jenseits der reaktionären Geschlechterrollen, die Brecht und Weill in ihrem kritischen Szenario über die Ausbeutung der Kunst noch darboten.

Vertane Chance für Melinda Witham

Am Ende gibt es noch einen dürftig choreographierten Epilog vor Scheinwerferlicht für Melinda Witham. Für sie ist es ihre letzte Choreographie vor dem Ruhestand. Eine vertane Chance.

Dazu hat man Charles Ives „The unanswered question“ selten so lieblos gespielt gehört, unmagisch verstärkt aus den seitlichen Lautsprechern dröhnend. Der Schluss eines Frauenlebens, der ratlos entlässt.

Eine Kooperation ohne Harmonie der Einzelteile

Alles in allem, eine Kooperation der drei Sparten des Staatstheaters. Mehr aber auch nicht. Die drei Teile gehen nicht zusammen und so ist der Abend nichts Ganzes und nichts Halbes.

Opernliebhaber werden dabei genauso wenig befriedigt, wie die Anhänger des Schauspiels oder Balletts. Nur die Fans von Peaches kommen auf ihre Kosten, wenn auch zu kurz.


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