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Gespräch mit dem Soziologen Heinz Bude Gesellschaft der Gereizten

Interview in SWR2 Journal am 15.3.2016 mit Prof. Heinz Bude, Soziologe Universität Kassel

Gereiztheit, Misstrauen, Fremdenhass - die Wahlerfolge der AfD sind nicht zuletzt Ausdruck einer wachsenden Stimmung Teilen der Bevölkerung, die sagen: "Die haben es verbockt, haben den Überblick verloren, wirtschaften nur in die eigenen Tasche."

Heinz Bude, Professor der Soziologie an der Universität Kassel, versucht in seinem Buch "Über die Macht von Stimmungen. Das Gefühl der Welt" die aktuelle Stimmungslage der verschiedenen Milieus in Deutschland zu beschreiben und zu deuten.

Dieser Artikel gibt die Antworten Prof. Budes aus dem Interview vom 15.3.2016 in SWR2 Journal am Morgen in leicht gekürzter Fassung wider. Das vollständige Interview können Sie hier im Audiobeitrag hören:

Grundstimmung der Gereiztheit

Ich vermute, es gibt ganz viele, die diese Erfahrung gemacht haben im letzten halben Jahr, dass sie mit Leuten, die sie seit 20, 30 Jahren kennen, sich plötzlich über das Flüchtlingsthema in die Haare geraten sind, und plötzlich den Eindruck hatten: Mein Gott, kannte ich die Leute eigentlich, was sagen die für merkwürdige Dinge? Und dies ist die Situation zur Zeit, glaube ich: Man weiß eigentlich nicht mehr so ganz genau, wie die Dinge zusammengefügt werden können.

Es gibt Milieus in unserer Gesellschaft, die von der Stimmung der Bedrohtheit beherrscht sind. Es gibt natürlich auch sehr wichtige Milieus, die die Stimmung der Offenheit und der Aufgeschlossenheit haben, und es gibt dazwischen wiederum Milieus, die sich eher in eine Stimmung der Verhaltenheit, Reserviertheit - oder vielleicht etwas positiver - der Gesammeltheit sich befinden.

Also, wir haben ein interessantes Reservoir von Stimmungen in dieser Grundstimmung der Gereiztheit, und dies, habe ich den Eindruck, kommt nicht wirklich zusammen. Das zeigte sich auch in den Reaktionen auf die Wahl vom Sonntag, dass die Politiker sehr, sehr große Schwierigkeiten haben diese Situation zu erfassen.

Irritationen der Finanzkrise dauern an

Ich finde es sehr wichtig sich klarzumachen, dass jetzt mit dem Flüchtlingsthema eine Verdichtung von Stimmungen stattfindet, die vorher eigentlich auch schon da waren. Zwei Kontexte werden zu wenig berücksichtigt: Das Nachleben der Irritation der Krise von 2008 und dann die nachfolgende so genannten Staatschuldenkrise von 2011 und folgenden Jahren.

Inkompatible Stimmungen der "heimatlosen Antikapitalisten" und der "entspannten Systemfatalisten"

Viele Leute haben milieuübergreifend den Eindruck: wir fahren die Geschichte an die Wand, der Finanzmarkt, der Kapitalismus, die Finanzialisierung von allem und jedem ist über uns gekommen, und man findet eigentlich keinen Ausweg daraus.

Denen gegenüber stehen andere, die sagen: "Ach, weil es keinen Ausweg gibt und weil die Dinge so vielfältig sind, können wir uns ein bisschen zurücklehnen. Die Tatsache, dass wir die Dinge nicht mehr richtig überblicken können, ist gerade die Chance, dass was Unerwartbares passiert."

Konkurrenzdruck spaltet die Mitte der Gesellschaft

Diese beiden Stimmungsparteien sind quasi gar nicht mehr miteinander kompatibel. Und das hängt, glaube ich, damit zusammen, dass die deutsche Gesellschaft in den letzten 15, 20 Jahren eine stille Revolution erlebt hat unter dem Motto "Steigerung der Konkurrenzfähigkeit", die die deutsche Gesellschaft noch gar nicht wirklich kapiert hat. Wenn man sagt, die Zukunft mit Flüchtlingen ist schwierig, dann steckt dahinter auch das Empfinden, dass wir eine ganz andere Gesellschaft in der Zwischenzeit geworden sind: Spaltungen sind da in der Mitte der Gesellschaft, zwischen einer oberen und einer unteren Mitte,

Dienstleistungsproletariat hat sich von politischer Teilhabe verabschiedet

und dazu kommt ein weites Dienstleistungsproletariat, das wir in Deutschland haben. 12 bis 15 Prozent der Beschäftigten in einfachen Dienstleistungen, Gebäudereinigung, Transportwesen, Zustellgewerbe, die hart arbeiten, vollzeitig beschäftigt sind, nicht irgendwie terminiertet Beschäftigungsverhältnisse haben, aber dafür vielleicht 1.000 Euro netto verdienen.

Das ist eine Klientel, die sich im Grunde innerlich schon von der Gesellschaft, von der politischen Gesellschaft, verabschiedet hat und die nun zusammenkommt mit den Verbitterten aus der gesellschaftlichen Mitte. Das ist eine Stimmungslage, die glaube ich, deutlicher wird in unserer Gesellschaft, und die in der Flüchtlingsfrage sich noch mal intensiviert hat.

Heinz Bude: Das Gefühl der Welt (Buchcover)

Heinz Bude

Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen

Verlag:
Hanser-Verlag
Produktion:
2016
Länge:
160 Seiten

Hass als Mittel gegen das Gefühl der Ohnmacht

Menschen, die verbittert sind oder sich übergangen fühlen, fragen sich, wie sie die "Handlungsmächtigkeit" oder "Selbstwirksamkeit", wie die Psychologen das nennen, zurückzugewinnen können. Und da gibt es eine sehr einfache Antwort: Hass.

Hass ist gesellschaftsfähig geworden, nicht nur in Deutschland, sondern in vielen Gesellschaften, denken Sie nur an die USA, das hat jetzt eben auch Deutschland erreicht. Hass ist eine Form, mit der man Aufmerksamkeit erregen kann, sich wichtig fühlen, etwas bewirken kann. Ich glaube, dieser Mechanismus, der Steigerung des Selbstwertgefühls über Hasskommunikation, ist das eigentliche Problem, das wir haben.

Und die Frage ist: wie kann man individuelle Hasszusammenballung in möglicherweise kollektive Wut transformieren, denn Wut ist etwas anderes als Hass. Wut hat eine kollektivierende Dimension, Wut sagt: es ist irgendwie alles nicht richtig hier, wir müssen einen anderen Weg finden, auch in der affektiven Aufladung. Das passiert aber im Augenblick nicht, es verharrt sich einer Art von Anti-Elitismus.

Etablierte Politik flüchtet sich in Selbsttäuschung

Und die politische Klasse flüchtet sich scheinbar in die Situation, das zeigt wieder der Wahlsonntag, es sind doch 80 Prozent für die Politik von Angela Merkel und es sei doch im Prinzip alles in Ordnung. Das ist, muss ich soziologisch sagen, eine große Selbsttäuschung.

Es ist sehr interessant, dass der einzige Politiker, der am Sonntag das Gespür für die Situation gehabt hat, Winfried Kretschmann ist.

Winfried Kretschmann hat in seiner ersten Einlassung zum Wahlausgang gesagt: Wir müssen vielleicht doch bestimmte Übertreibungen der politischen Korrektheit zurücknehmen und wir müssen versuchen, in einem Land wie Baden-Württemberg, dem es gut geht .... auch klarzugelegen, dass zu diesem Land auch Leute gehören, die einem auf den ersten Blick vielleicht nicht sonderlich sympathisch sind, die verbittert sind, die das Gefühl haben, dass die Zukunft verbaut ist, und die versuchen in einer politischen Haltung mit ins Boot zu holen."

Selbstgerechtes Kleinbürgertum kann nicht ausgebürgert werden

Ich sag’s mal übertrieben: Wenn wir ein selbstgerechtes Kleinbürgertum in Deutschland haben, das sagt, sich nicht stören lassen will durch irgendwelche Flüchtlinge und AfD wählt, können wir das auch nicht nach Madagaskar verfrachten. Die sind dabei. Und man muss auch eine Art von Inklusion dieser Art von Bevölkerung erreichen, durch politische Ansprache.

Konzepte der Inklusion dringend erfordert

Und ich habe den Eindruck, dass das nur ganz wenige Politiker kapieren. Die Sozialdemokraten tun sich sehr, sehr schwer mit dieser Situation, bei den Christdemokraten ist die Situation innerlich außerordentlich angespannt, wir haben auch quasi eine Gereiztheit, eine Stimmung der Gereiztheit innerhalb des rechtsdemokratischen Blocks.

Und es ist sehr, sehr wichtig und auch für die Zukunft sehr, sehr wichtig, wenn wir kollektive Handlungsfähigkeit zurückführen wollen, wenn Mehrheitskonzepte auf längere Frist möglich sein sollen, braucht es, wenn Sie so wollen, eine Art von inklusiver, reparativer Stimmung und die Repräsentanten dieser Tendenz.

Das Interview im "Politischen Feuilleton" am 15.3.2016 mit Prof. Heinz Bude, Soziologe Universität Kassel führte Claus Heinrich

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