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Sean Scully "Vita Duplex" in der Kunsthalle Karlsruhe Ein karger Romantiker

Am 22.3.2018 von Marie-Dominique Wetzel

„Ich bin ein Romantiker“ sagt der irisch-amerikanische Maler Sean Scully. Das überrascht, denn Scullys Bilder sind auf den ersten Blick streng formalistisch und abstrakt. Und doch haben Farbgebung und Brechung der Bilder starke Sogwirkung und emotionale Kraft. Die Kunsthalle Karlsruhe widmet dem 72jährigen Künstler eine große Einzelausstellung.

Farben wie bei van Gogh

„Arles-Nacht-Vincent“ - in dem großen Gemälde von Sean Scully finden sich nicht nur die Farben, sondern auch die abendliche, südfranzösische Stimmung wieder, die van Goghs berühmtes Werk „Terrasse du café le soir“ zum beliebten Postkartenmotiv gemacht haben.

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SEAN SCULLY - VITA DUPLEX

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Sean Scully - Arles-Nacht-Vincent, 2015

Sean Scully - Arles-Nacht-Vincent, 2015

Sean Scully - Vita Duplex, 1993

Sean Scully - Window With, 2015

Sean Scully - Overlay 2, 1973

Sean Scully - Landline Bend, 2016

Scullys Gemälde sind unglaublich stark, sagt die Karlsruher Kuratorin Kirsten Voigt. Sie haben eine emotionale Tiefe, die im Gegensatz zu ihrer strengen Formensprache zu stehen scheint. Raster, Gitter, Streifen, abgegrenzte Farbflächen.

Den Minimalismus aufbrechen

Nüchtern betrachtet, geht es um Horizontale und Vertikale, sagt Kirsten Voigt: „Die Grundstruktur, die er benutzt, ist das Gitter. Das ist von Mondrian vorgeprägt als moderne Metapher. Die ganz klare Strukturierung der Welt in einen binären Code. 'Männlich – Weiblich' oder wie man das jetzt auch immer besetzen will. Dieses polare Prinzip ist bei ihm zuerst sehr streng, auch durch den Minimalismus mitgeprägt. Dann aber merkt er: der Minimalismus hat kein Leben mehr. Er will damit brechen, Zwischentöne finden, Abweichungen.“

Von der Abstraktion zurück ins Organische

Diese Brechungen werden vor allem in den aktuellen Bildern sichtbar, zum Beispiel in der Serie „Landline“. Die Farben fransen über die Ränder aus. Streifen werden immer mehr zu organischen Wellenlinien.

Sean Scully   Landline Bend, 2016

Sean Scully - Landline Bend, 2016

Farben mit Geschichte - wie bei Menschen

Auch die äußeren Rahmen brechen auf: Scully malt auf Holz- oder Aluminiumplatten, die er dann zu großen Tafelbildern zusammenfügt. Meist zu gleichmäßigen Rechtecken. Aber immer wieder gibt es Lücken und Fehlstellen.

Dort werden auch die Farbschichtungen sichtbar. Denn bei Scully ist ein Blau nie nur ein Blau, sondern es war vielleicht einmal ein Grün oder ein Rot. Schicht um Schicht trägt er die Ölfarbe mit breiten kräftigen Pinselstrichen auf.

Jede Farbe hat eine Geschichte – genau wie bei Menschen, sagt Sean Scully. Und so gibt es denn auch Bilder nur in Grautönen. Die Karlsruher Ausstellung widmet diesen Bildern einen eigenen, großartigen Raum.

Sean Scully   Window With, 2015

Sean Scully - Window With, 2015

Scully verehrt die karge Welt von Beckett

Die Kuratorin Kirsten Voigt hat bei ihren Besuchen in Scullys Atelier am Starnberger See über diese Bilder mit ihm gesprochen. Sie weiß um die Bezüge im Werk des belesenen Künstlers, der, als gebürtiger Ire, natürlich Beckett verehrt. „Wenn ich mir manche Bilder von Scully angucke, denke ich: Das ist eine ähnliche Welt, mitunter grau, rudimentär, die zurückgeführt wird auf das Allerkärglichste und Wesentliche.“

Auch der Künstler selbst hat sich - vor allem in Vorlesungen - zu seiner künstlerischen Entwicklung, seinen Einflüssen und Vorbildern geäußert. Zur Karlsruher Ausstellung hat Kirsten Voigt erstmals einen umfangreichen Band mit Schriften Scullys herausgebracht.

Sean Scully   Overlay 2, 1973

Sean Scully - Overlay 2, 1973

Offene Kunstwerke, die den Betrachter einladen

Trotz aller Verweise in seinem Werk und des intellektuellen Überbaus sind Scullys Werke unakademisch, sie stellen die großen Menschheitsfragen und sind vor allem sinnlich zu begreifen.

Die Kuratorin Kirsten Voigt: „Das ist auch für mich das besonders Schöne an Scully. Das ist im besten Sinne das, was Umberto Eco in den 70er Jahren als das ‚offene Kunstwerk‘ bezeichnete. Das heißt, wir sind aufgefordert, mit dem Bild in Dialog zu treten, zu kommunizieren. Und man hat das Gefühl, dass es Bilder sind, die einen einladen, die einen angehen, die einem etwas vermitteln.“


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