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Theater E.T.A. Hoffmans „Der goldene Topf“ in Stuttgart - Zirkus der Unheimlichkeiten

Von Christian Gampert

E. T. A. Hoffmann hat seine Novelle „Der Goldene Topf“ von 1814 als „Märchen aus der neuen Zeit“ untertitelt: Der Student Anselmus ist hin- und hergerissen zwischen der erotisch-romantisierten Unterwelt seiner Phantasie und den soliden Versprechungen des braven, bürgerlichen Alltags. Am Schauspiel Stuttgart bringt Regisseur Achim Freyer einen animalisch-schrägen Zirkus der Unheimlichkeiten auf die Bühne - ein wilder Karneval mit verrückten Gestalten, der den Stoff aber nicht allzu weit trägt.

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„Der goldene Topf - ein Märchen aus neuester Zeit“ in Stuttgart

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Mit einem Donnerschlag fallen massenweise seltsame Kugeln von weit oben auf die Bühne – es müssen Äpfel aus dem Korb eines Dresdner Marktweibs sein, den der tollpatschige Student Anselmus versehentlich umgeworfen hat.

Mit einem Donnerschlag fallen massenweise seltsame Kugeln von weit oben auf die Bühne – es müssen Äpfel aus dem Korb eines Dresdner Marktweibs sein, den der tollpatschige Student Anselmus versehentlich umgeworfen hat.

Mit dieser Ungeschicklichkeit wird bei E.T.A Hoffmann ein ganzer Reigen von Ereignissen angestoßen, die den Studenten immer tiefer eintauchen lassen in eine erotisiert-romantische Unterwelt, obwohl er den soliden Versprechungen des braven Bürgertums eigentlich gar nicht abgeneigt ist.

Es wimmelt in Hoffmanns poetischem Paradies mit seinen goldglänzenden Schlänglein nur so von Sexualsymbolen, während auf der bürgerlichen Seite Suppentopf und Kaffeekanne Wohlbehagen versprechen.

In Stuttgart sitzt der Student Anselmus als schwarze Puppe mit verbundenen Augen vorn am Bühnenrand und wartet auf seine Himmelfahrt. Das gesamte Bühnengeschehen spielt sich in einer Art Delirium seinem Kopf ab.

Regisseur Achim Freyer hat aus Hoffmanns Vorlage eine ganz reduzierte Text-Zitat-Collage hergestellt, an der er sich locker entlanghangelt. Entscheidend sind Freyers Bilderfindungen, die eine ganz eigene Welt auf die Bühne bringen, einen allegorischen und manchmal auch animalisch schrägen Zirkus unheimlicher Gestalten.

Die haben nur andeutungsweise etwas zu sagen, aber dafür umso mehr zu zeigen, ein spiegelndes dunkles Drehbühnen-Karussel, dessen Figuren auch von Pieter Breughel oder Hieronymus Bosch oder aus der Fasnet stammen könnten – sie sind nur moderner.

Was E.T.A. Hoffmann ein Märchen nannte, von einem, der einen goldenen Glücks-Topf finden will, ist in Stuttgart ein ziemlich wilder Karneval mit düsteren, schrillen Percussions- und Akkordeon-Sounds.

Wir sehen einen Reigen bedrohlich-skurriler Trugbilder, die die Geschichte des Anselmus sehr frei bebildern: artistisch geturnte Vögel, Tiere, Pflanzen, Gegenstände, Masken, Geisterwesen. Die steigt nicht nur aus dem Bühnendunkel auf, sondern auch aus unserem Unbewussten – und entspricht so der romantischen Weltsicht E.T.A. Hoffmanns.

Je länger man diesem schrägen Treiben aber zuschaut, desto mehr fühlt man sich erinnert an eine Ausstattungs-Show oder ein Kindertheater. Das Feuerwerk der Einfälle, das Achim Freyer mit explodierenden Fröschen und Vogel-Strauß-Parodien in Gang setzt, ist ein Potpourri der Knallfrösche und Effekte.

Alle spielen alles, alles ist da und verschwindet schnell wieder, viele Personen und Akzidentien der Novelle werden angespielt – und doch erfährt man über die Zerrissenheit des biederen Anselmus zwischen Sex, Zauberei, Poesie und bürgerlicher Sicherheit eher wenig.

Dass die Aufführung vor allem ein toller Spuk ist, der aber nicht allzu weit trägt, lässt uns auch der Regisseur am Ende spüren. Die verrückten bunten Gestalten sind nun ganz still und grau und verlieren sich im Dunkel der Hinterbühne.

Der goldene Topf von E.T.H. Hoffmann in der Inszenierung von Achim Freyer läuft noch bis zum 19. Juli. Die nächsten Vorstellungen sind am 23. und 31. Mai und am 8. Juni.

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