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"Der goldene Handschuh" von Heinz Strunk am Hamburger Schauspiel Brutalität, die Mitleid weckt

Am 20.11. von Katja Weise

Vier Frauen hat Fritz Honka Mitte der 70er Jahre in Hamburg brutal ermordet. Heinz Strunk hat die Geschichte nachgezeichnet und im vergangenen Jahr für seinen Roman „Der goldene Handschuh“ viel Lob bekommen. Am Hamburger Schauspielhaus hat er ihn jetzt zusammen mit seinen beiden "Studio Braun"-Kollegen Rocko Schamoni und Jacques Palminger uraufgeführt. Die Inszenierung macht Elend und Gewalt erträglich - nicht zuletzt dank Charly Hübner in der Hauptrolle als Fritz Honka.

Intimes Kammerspiel und brachiale Revue

Natürlich fragt man sich, wie so etwas gehen kann, auf der Bühne: Ein missgestalteter Serienmörder, der sich konsequent mit Alkohol betäubt. Und die paar Frauen, die überhaupt bereit sind, sich auf ihn einzulassen, weil sie noch elender sind als er, gerne mit Kochlöffel, Banane oder Wurst bearbeitet. "Studio Braun" gibt eine Antwort – mit einer Mischung aus intimem Kammerspiel und brachialer Revue.

"Fans, ihr Bonzen..... hier ist die Welt noch derb und unten, wir hängen rum in den Spelunken..."

Kaum ist der Vorhang oben, ein geflickter Plastiklappen, sieht die Welt noch trüber aus. Dies trotz der unterhaltsamen Einladung eines Katers, einem zur Gestalt gewordenen Hinweis auf das, was nach dem Rausch eintritt. Fritz Honka kennt ihn gut, er gehört zu denen, die sich regelmäßig volllaufen lassen in der Kiezkneipe „Der goldene Handschuh“.

Jacques Palminger, Heinz Strunk und Rocko Schamoni in "Der goldene Handschuh"

Jacques Palminger, Heinz Strunk und Rocko Schamoni in "Der goldene Handschuh"

Saufen, Urinal, Saufen

Der Tresen sieht aus wie ein riesiger runder Aschenbecher. An der Außenseite hat Bühnenbildner Stéphane Laimé Urinale angebracht, da brauchen die Säufer nicht weit zu laufen.

"Was ist denn los mit Dir? Weiß auch nicht, es tut heute wieder so weh, als würden Hammerstiele in mir rumwurschteln und außen ordentlich Nägel rausschießen..."

Charly Hübner spielt Fritz Honka, und auch sein Leben ist ziemlich treffend beschrieben mit den Worten:

"Guck dir die Leute mal an hier, die sind ihr Leben lang beschissen worden, selbst von der Sonne. Musst du dir mal vorstellen, selbst von der Sonne sind diese Leute hier beschissen worden."

"Mit allem einverstanden, was er mit mir macht"

Anni gehört zu den Frauen, die er später in seine Wohnung locken wird, eine vollkommen verdreckte Dachkammer, um dort mit ihr weiter zu saufen und Sex zu haben. Doch erst kommt Gerda:

"Vorlesen und unterzeichnen: Erklärung: Hiermit erkläre ich, Gerda Voss, dass ich es im Leben noch nicht so gut hatte wie bei Herrn Honka. Und deshalb erkläre ich, dass ich von jetzt an mit allem einverstanden bin, was er mit mir macht."

Charly Hübner - ein idealer Honka

Charly Hübner ist ein idealer Honka. Nur wenige Schauspieler können so gut gleichzeitig Brutalität und Sentimentalität ausstrahlen - und dann auch noch Mitleid erregen. Kaum wiederzuerkennen ist der große Mann: Schief, mit merkwürdig nach hinten geneigtem Körper, das Gesicht eine Fratze. Erst, als er eine Stelle als Nachwächter findet, entspannt es sich. Honka beschließt, sein Leben umzukrempeln:

"Ich führe jetzt ein stinknormales Leben, stinknormal. Ist sowieso das Allerwünschenswerteste, stinknormal. Und wenn ich frei habe, dann mache ich auch alles stinknormal, so wie Hafenrundfahrt, Zoobesichtigung und das alles."

Ensemble des Hamburger Schauspiel in "Der goldene Handschuh". Im Vordergrund Lina Beckmann

Ensemble des Hamburger Schauspiel in "Der goldene Handschuh". Im Vordergrund Lina Beckmann

Viel überflüssige Action

Diese ruhigen, kammerspielartigen Momente sind die intensivsten in dieser Inszenierung. Hübners Kolleginnen Lina Beckmann und Bettina Stucky teilen sie ebenbürtig mit ihm. Drum herum macht "Studio Braun" viel action, die es in diesem Maße nicht braucht: Fliegeralarm, Bomben, später noch eine Art Hafenrundfahrt. Da verliert der Abend seinen Fokus. Großartig hingegen, wie mit Musik gespielt wird, beispielsweise mit dem Lied "Der goldene Handschuh, das ist unsere Heimat".

Trotz solcher folkloristischen Elemente ist dieser „Goldene Handschuh“ harter Tobak, obwohl der teilweise nassforsche Umgang mit Elend und Gewalt letztere irgendwie erträglich macht. Nicht zuletzt deshalb funktioniert diese Zwitter-Inszenierung. Sie wäre jedoch nichts ohne die tollen Schauspieler.

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