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Nachtansicht eines Tanzbrunnens auf der Landesgartenschau 1957 in Köln

Der Architekt Frei Otto im Karlsruher ZKM Das Leichte ist das Schwere

Kulturthema am 4.11.2016 von Johannes Halder

Er hat die zeltartige Dachlandschaft des Olympiastadions in München entworfen, war am Bau der als "Wunder" bezeichneten Multihalle in Mannheim beteiligt und gilt weltweit als ein genialer Tragwerkkonstrukteur: Der Architekt Frei Otto war nicht nur ein Pionier der leichten und beschwingten Bauweise, mit dem Deutschen Pavillon auf der Expo 1967 im kanadischen Montreal wurde er auch zum Botschafter eines offenen Deutschlands.

Für sein Lebenswerk erhielt er im vergangenen Jahr den Pritzker-Preis, eine Art Nobelpreis für Architektur – posthum, denn drei Monate zuvor war er gestorben. Eine Ausstellung im Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien zeigt jetzt rund 200 Modelle und fast tausend Bilder, Zeichnungen und Pläne.

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Franz Beckenbauer, der Fußballkaiser, hatte immer ein Problem damit – mit dem Zeltdach über dem Münchner Olympiastadion, das dem Publikum nur einen miserablen Blick aufs Spielfeld erlaubte. Doch was für ein Dach! Kein Deckel, sondern eine transparente Haut zwischen Himmel und Erde, die das Stadion überspannt wie ein luftiger Schirm und sich in die Landschaft schmiegt als wäre sie ein Stück Natur.

So schön und auch so wagemutig konnte die Architektur von Frei Otto sein, und wie es dazu kam, lässt sich Karlsruher ZKM bestaunen. Ein 50 Meter langer Tisch, breit wie eine Straße, schlägt eine diagonale Schneise in die Schau, darauf stehen fast 200 Modelle, vom einfachen Klemmbeschlag bis zur überdachten Stadtlandschaft: mit Netzen bespannt, von filigranen Gestängen gestützt, mit Schnüren und Gewichten in Form gezurrt.

Architekt Frei Otto mit dem Entwurf der Überdachung der Olympiaschwimmhalle in München

Frei Otto mit dem Modell des Olympia-Daches

Denken in Modellen

"Frei Otto hat am Modell gedacht, mit Modellen geforscht. Der Modellbegriff ist also gewissermaßen Materialisierung seiner Ideen und zugleich Erkenntnisinstrument." Georg Vrachliotis, Kurator

Die Ausstellung hat die Atmosphäre eines riesigen Archivs, ja einer Denkwerkstatt. In 18 mächtigen Regalen breiten sich die Theorien und Methoden aus, mit denen Frei Otto an seinem legendären Stuttgarter Institut für Leichtbau die Flexibilität und Tragfähigkeit, die Techniken und Materialien erforschte und erprobte, mit denen die Architektenstars heute ihre Sensationsbauten formen.

Multihalle in Mannheim

Otto Freis Multihalle in Mannheim ist bis heute die größte freitragende Holzkonstruktion der Welt.

Formen der Natur

Und an 18 Tischen lässt sich studieren, wo Otto seine Vorbilder suchte: in der Natur, an Seifenblasen oder Spinnennetzen, an Korallen, Knochen und Kakteen, ja selbst an einem Zahn. Die Natur als Quellcode seines Schaffens.

"Er hat sie ganz bewusst nicht kopiert, sondern er hat versucht, die Gesetzmäßigkeiten der Formfindung in der Natur zu verstehen und sie nutzbar zu machen." Georg Vrachliotis

Organisches Bauen also. Prinzipen, die Materialaufwand minimierten und statische Strukturen optimierten, und damals noch ohne die Hilfe von Hochleistungsrechnern. Das Leichte ist das Schwere, und das Ergebnis ist Offenheit und Transparenz.

Entwurfsmodell King's Office, Riad/Saudi-Arabien, Frei Otto, 1974-1976

Entwurfsmodell King's Office, Riad/Saudi-Arabien, Frei Otto, 1974-1976

Ökologie und Prozess

"Das Stichwort des ökologischen Bauens fällt hier, das Stichwort des anpassungsfähigen Bauens, all das sind Leitmotive, mit denen wir in der Architektur heute zu kämpfen haben, und die natürlich in Projekten wie z.B. den Ökohäusern in Berlin Tiergarten zu finden sind." Georg Vrachliotis

Dabei hat Otto gar nicht viel gebaut, knapp zwei Dutzend Werke nur.

"Qualität geht vor Quantität. Das Spannende an Otto ist vielleicht nicht auch immer das Ergebnis, sondern der Prozess." Georg Vrachliotis

Dass seine vielgerühmte Multihalle in Mannheim, 1975 als temporärer Leichtbau entstanden und bis heute die größte freitragende Holzkonstruktion der Welt, inzwischen als Sanierungsfall kurz vor dem Abriss steht, ist ein Skandal und die Schau nutzt den Bau als ein Diskursobjekt zur Frage, wie denn mit derlei Kulturdenkmälern umzugehen sei.

Stuttgart 21

Entwurf für Tiefbahnhof Stuttgart 21

Entwurf für Tiefbahnhof Stuttgart 21

Auch an "Stuttgart 21" war Frei Otto beteiligt. Er entwarf die kelchartigen Stützen des Bahnhofs, die als Lichtaugen den Blick vom Untergrund nach oben führen. Von dem Gesamtprojekt hatte er sich allerdings deutlich distanziert. Erstmals öffentlich zu sehen sind rund hundert Modelle, die zeigen, wie viel gestalterische Sensibilität er dabei investiert hatte – egal, wie man politisch dazu stehen mag.

Wie hat Frei Otto mal so schön gesagt. "Architektur ist vermutete Zukunft". Das ist bemerkenswert in einer Zeit, in der Architektur in Deutschland – Stichwort Brandschutz – vor allem daherkommt als gebaute Angst.

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