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Vorbild für junge Journalisten in Kolumbien Das Vermächtnis von Gabriel Garcia Marquez

Kulturthema am 6.3.2017 von Daniel Stender

Etwa 30.000 Dollar verlangte ein Bücherdieb 2014 für die signierte Erstausgabe von "Hundert Jahre Einsamkeit". Der Dieb wurde gefasst, jedoch zeigt die Anekdote: Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez ist in Kolumbien mehr als Literatur. Er ist, spätestens posthum, zum Staatsschriftsteller geworden, die Diebe seiner Bücher werden von einem Großaufgebot der Polizei gesucht. Und der von ihm erfundene Magische Realismus ist ein Slogan der Tourismusindustrie. Was bleibt also von Màrquez? Literatur auch, aber vor allem: eine erzählerische Form des Journalismus. Gelehrt wird der am FNPI, dem von Márquez 1995 gegründeten Institut für neuen Journalismus in Cartagena. Schließlich hat Márquez selbst als Reporter angefangen.

Die Buchhandlung von Alvaro Castillo in Bogotá ist ein Ort für Bibliophile. In den Regalen stapeln sich tausende Bücher, kaum Neuerscheinungen, dafür viele Klassiker und vor allem: signierte Erstausgaben. Das, sagt Alvaro Castillo sei eben der Vorteil seines Berufes. Auch Gabriel García Márquez oder Gabo, wie Márquez in Kolumbien genannt wird, war einer seiner Kunden.

Alvaro Castillo: "Hier, die Erstausgabe von "Hundert Jahre Einsamkeit". Da hat Marquez geschrieben: Für Alvaro den Buchhändler. Wie immer und für immer von seinem Freund Gabriel".

Im Jahr 2014, Gabriel García Márquez war kurz zuvor gestorben, wollte Alvaro Castillo die Buchmesse von Bogotá unterstützen. Er gab ihr leihweise seine signierte Erstausgabe, ein Fehler: denn das mittlerweile wertvolle Buch wurde gestohlen.

Ein Erbstück für alle

Und der zurückgezogene Büchermensch Alvaro wurde plötzlich von allen Nachrichtensendungen des Landes interviewt. Viele Kolumbianer waren empört über den Diebstahl und zeigten sich solidarisch mit Alvaro Castillo. Fünf Tage später wurde das Buch wieder gefunden, es sollte für 30.000 Dollar außerhalb Kolumbiens verkauft werden.

Für Alvaro ein extrem überzogener Preis. Seine Konsequenz aus dem Diebstahl: Er hat das Buch der Nationalbibliothek vermacht. Ein so wertvolles Exemplar sollte dem ganzen Land gehören. Es sei ein "Erbstück für alle".

Gabriel Garcia Márquez, das zeigt die Anekdote mit dem gestohlenen Buch, ist in Kolumbien heute eine Staatsangelegenheit. Und nicht nur das: Der magische Realismus, den er begründete, jene Literatur, die mitten im Alltäglichen die Grenzen zum Fantastischen überschreitet, ist zum Werbeslogan der Tourismusindustrie des Landes geworden. Dabei sei die Art, wie Márquez geschrieben habe, literarisch überholt, meint Alvaro Castillo. Die Literatur Lateinamerikas sei mehr als magischer Realismus. Es gäbe viele unabhängige Stimmen, Schriftsteller wie Roberto Bolano, die ein ganz neues Universum geschaffen haben

Im Institut für neuen Journalismus in Cartagena ist das Erbe von Gabriel Garcia Marquez noch lebendig

Wenn es einen Ort gibt, an dem das geistige Erbe von Gabriel García Márquez noch lebendig ist, dann ist es das Institut für neuen Journalismus in Cartagena an der Karibikküste. "1995 hat Gabriel García Márquez das FNPI gegründet, um den Journalismus in Lateinamerika zu stärken", erklärt Daniel Márquinez, der im Institut arbeitet. Denn Gabo war auch Journalist. Er habe eine eigene Form der Reportage begründet, die Crónica, so Daniel Marquinez.

Daniel Marquinez: "Gabo war Journalist und Erzähler in Personalunion, und seine Romane muten an wie eine Chronik, wie die Schilderung eines historischen Ereignisses. Manchmal ist diese Chronik wie eine fantastische Erzählung, aber dennoch real. Eine tolle Geschichte, die aber wahr ist, das ist der einzige Unterschied".

In Zeiten von Fake News bezeugt der integre Reporter vor Ort journalistische Qualität

Ein Beispiel: Der Journalist José Alejandro Castaño hat ausführlich über die verwilderten Nilpferde des Drogenhändlers Pablo Escobar geschrieben. Escobar hatte in den 80ern einen exotischen Zoo, darunter auch einige Nilpferde. Nach seinem Tod verfiel das Areal, die Nilpferde entkamen und seither gibt es in Kolumbiens Urwäldern eine Spezies, die eigentlich nur in Afrika vorkommt. Daniel Marquinez:

Daniel Marquinez: "In Europa sieht man alles durch so eine Organisationsbrille, aber die Realität ist vielschichtiger, da passiert alles Mögliche. Du gehst spazieren, siehst die Realität, veränderst sie ein bisschen...und schwupp, hast du eine Erzählung. Ich glaube, daher rührt diese Tradition".

Allerdings: Gerade in Zeiten von Fake News ist die lateinamerikanische Form der Reportage auf eine fast schon altmodische journalistische Qualität angewiesen. Die Integrität des Reporters vor Ort.

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