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Mode-Ausstellung Zwischen Schönheit und Diktat - „Contemporary Muslim Fashions“ in Frankfurt

„Contemporary Muslim Fashions“ ist die weltweit erste umfassende Ausstellung zum Phänomen zeitgenössischer muslimischer Mode. Inhaltlich wurde die Schau an den „de Young Fine Arts“-Museen in San Francisco erarbeitet. Initiiert hat sie der frühere Frankfurter Städel-Direktor Max Hollein. Das Museum Angewandte Kunst Frankfurt ist ihre erste Station in Europa. Frauenrechtlerinnen, Islamgegner und rechte Gruppen kritisieren die angebliche „Kopftuchausstellung“ seit Wochen.

Sicherheitskontrollen und Hassmails

Die heftig diskutierte Ausstellung sorgt für Aufsehen. Beim Einlass finden Taschenkontrollen statt. Sicherheitsleute stehen am Eingang. Bei der Pressekonferenz zur Eröffnung will eine Journalistin wissen, ob das Spektakel inszeniert sei.

Nein, sagt Matthias Wagner K., der Leiter des Museums. „Dass wir jetzt zu derartigen Sicherheitsvorkehrungen greifen müssen, ist für uns neu und hat natürlich damit zu tun, was das Haus an Hassmails bekommen hat.“

Spekulationen über saudi-arabische Finanzierung

Der Vorwurf: Die Ausstellung relativiere Praktiken wie Kopftuchzwang und Ganzkörperverschleierung und übernehme damit das fragwürdige Frauenbild islamischer Staaten.

Spekuliert wurde auch über eine mögliche Finanzierung der mutmaßlichen Propagandaschau durch Geldspenden aus Saudi-Arabien. Die Ausstellungsmacher verneinen das.

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Mode

Bilder zur Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“

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In der Ausstellung selbst fällt eines sofort auf: Hier geht es um Selbstbewusstsein. Den Soundtrack dazu liefert ein Video der syrisch-amerikanischen Rapperin Mona Haydar. Junge Frauen mit Hijabs besingen genau dieses umstrittene Kleidungsstück, das islamische Kopftuch, das die Haare bedeckt, aber das Gesicht frei lässt

In der Ausstellung selbst fällt eines sofort auf: Hier geht es um Selbstbewusstsein. Den Soundtrack dazu liefert ein Video der syrisch-amerikanischen Rapperin Mona Haydar. Junge Frauen mit Hijabs besingen genau dieses umstrittene Kleidungsstück, das islamische Kopftuch, das die Haare bedeckt, aber das Gesicht frei lässt

Die Frauen kritisieren, dass es ständig darum gehe, wer wie und warum Hijab trägt. Dass sich nicht jede Frau freiwillig verhüllt, wird dabei nicht angezweifelt.

Auf dem Bild: Zeina Nassar, Boxerin für Nike pro Hijab, Fotoserie von Rick Guest. Agentur: East, 2017.

Fakt ist: Die Frankfurter Ausstellung zeigt, was ihr Titel verspricht: Contemporary Muslim Fashions, zeitgenössische muslimische Mode. Rund 80 Kleiderpuppen in Entwürfen unterschiedlichster Herkunft, Stilrichtung und Materialien.

Auf dem Bild: Datin Haslinda Abdul Rahim für Blancheur, 2017.

Es sind lässige, elegante und regionaltypische Oufits.

Auf dem Bild: Habib Yazdi, Stills aus dem Video Somewhere in America #Mipsterz, 2013.

Dazu gehört auch die tatsächlich etwas sehr zugeknöpft wirkende Sport- und Schwimmbekleidung, der berühmte Burkini.

Auf dem Bild: Shereen Sabet für Splashgear Hawai‘ian Colorway Collection, 2006.

Aber es gibt auch märchenhaft schöne, kunstvoll bestickte Abendroben, die man so problemlos in westlichen Modehäusern anbieten könnte.

Auf dem Bild: Raşit Bağzıbağlı für Modanisa Desert Dream Collection, 2018.

Oft, aber nicht immer, werden solche Kleider ergänzt um ein Kopftuch, einen Turban oder einen Hut, die entgegen aller Behauptungen aber nicht im Zentrum der Modenschau stehen.

Auf dem Bild: Victoria Kaempfe, Leah Vernon 2017.

Fast alle Entwürfe, die hier gezeigt werden, stammen von jungen, modernen Frauen wie Windri Widiesta Dhari aus Indonesien, erklärt Jill D`Àllesandro, die die Designerinnen für die Ausstellung ausgewählt hat. Bei Kopftuch und Hosen arbeitet sie mit traditionellen islamischen Mustern. Sie entwirft diese wunderschönen, mehrschichtigen Ensembles.

Zu sehen sind Ornamente und geometrische Muster aus hochwertigen Stoffen, schlichte und trotzdem raffinierte Schnitte. Tragen kann das jede Frau. Es sieht einfach gut aus.

Auf dem Bild: Habib Yazdi, Stills aus dem Video Somewhere in America #Mipsterz, 2013.

Natürlich, die Modelle zeigen alle wenig Haut. „Modest Fashion“, so heißt dieser Stil, der am besten als „dezent“ oder „wenig körperbetont“ übersetzt werden kann. Der Markt für diese Art der Mode wächst rasant. Längst ist die „modest fashion“ auf den Fashion Weeks in New York oder in Italien angekommen.

Auf dem Bild: Kleid von Imen Bousnina.

Im Netz gibt es zahlreiche Blogs zum Thema. Bei Instagram posten junge, strahlende Kopftuchträgerinnen Fotos von sich, von denen einige auch in der Frankfurter Ausstellung zu sehen sind.

Auf dem Bild: Tanya Habjouqa, Ohne Titel aus der Serie Occupied Pleasures, 2013.

Die unterschiedlichen Modelle auch kulturhistorisch einzuordnen fällt nicht leicht, die Kurzbeschreibungen sind dann doch zu kurz. Mehr Information ist auch deswegen erforderlich, weil es eben auch um Kleidung geht, deren Gestaltung durch religiöse Vorschriften beeinflusst wird.

Auf dem Bild: Wesaam Al-Badry, Valentino #X aus der Serie Al-Kouture, 2018.

So hat der Besuch der gar nicht so großen Ausstellung tatsächlich zwei Seiten, eine politische und eine ästhetische - ein Angebot zum Dialog. Das kann vielleicht das „Contemporary Muslim Fashions Forum“ leisten, das vom 12. bis 14. April im Museum stattfindet, mit Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen, Bloggerinnen und Influencerinnen, die nicht nur über muslimische Mode sprechen wollen, sondern über kulturelle Identität, Gender, Nachhaltigkeit, Politik und Gleichberechtigung.

Auf dem Bild: Anzug von Imen Bousnina.

Kunscht!-Video: Wie eine Mode-Ausstellung für Diskussionen sorgt

6:11 min | Do, 11.4.2019 | 22:45 Uhr | Kunscht! | SWR Fernsehen

Mehr Info

"Contemporary Muslim Fashions" im Frankfurter Museum Angewandte Kunst

Übernahme HR/Hauptsache Kultur

Wie eine Mode-Ausstellung im Frankfurter Museum Angewandte Kunst für Diskussionen sorgt!

Seyran Ates: Nach westlichen Standards nicht akzeptabel

Die Frauenrechtlerin Seyran Ates kritisiert inSWR2 die Ausstellung „Contemporary Muslim Fashions“. Der Anspruch, „modest“ Fashion, bescheidene Mode, zu zeigen, ist aus ihrer Sicht „scheinheilig“.

Niemand, so Ates, würde sich in der westlichen Welt erlauben, das Ideal einer solchen „moderaten“, womöglich sogar „unterwürfigen“ Mode zu propagieren. Ates gilt als Vertreterin eines liberalen Islam und ist Mitbegründerin einer liberalen Berliner Moschee.

5:29 min | Do, 4.4.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

Mehr Info

Seyran Ates: Gegen die Selbstverhüllung der Frau in der islamischen Mode

Kathrin Hondl im Gespräch mit Seyran Ates

Letztlich gehe es darum, Frauen zu verhüllen, so die Kritik der Frauenrechtlerin Seyran Ates an der Ausstellung "Contemporary Muslim Fashions" im Frankfurter Museum für Angewandte Kunst. Dass dort nicht nur Kopftücher, sondern muslimische Mode insgesamt gezeigt werde, sei in ihren Augen "scheinheilig". Niemand würde sich in der westlichen Welt erlauben, das Ideal einer "moderaten", "unterwürfigen" Mode zu propagieren. Ates gilt als Vertreterin eines liberalen Islam und ist Mitbegründerin einer liberalen Berliner Moschee.


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