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Der Club Manufaktur aus Schorndorf wird 50 Der Rock-Mythos von Schorndorf

Von Andreas Langen

Der Club "Manufaktur" aus Schorndorf ist ein lupenreines 68er-Projekt. "Geselligkeitsverein" nannte er sich bei seiner Gründung, eine spießige Tarnkappe. Tatsächlich ist er ein Zentrum für offene Ohren und neugierige Menschen, mit Kabarett, Kino und politischen Workshops. Der Club hat Musikgeschichte geschrieben, mit Hannes Wader und Black Sabbath, Udo Lindenberg und den White Stripes.

Allen Biedermännern gezeigt, wo es langgehen soll

Schon mit dem ersten Konzert zeigte man allen Biedermännern, wo es hier musikalisch langgehen sollte. "Albert Mangelsdorf hat das Haus mit seinem Quintett eröffnet. Ein Statement für alle, die gedacht haben, da wird jetzt ein Dixiland-Laden aufgemacht", erinnert sich Werner Schretzmeier, einer der Gründer.

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50 Jahre Club Manufaktur in Schorndorf

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Die Kleinkunst kam auch nicht zu kurz in der Manufaktur, Hannes Wader bei seinem ersten Auftritt in der Manufaktur, 1968

Die Kleinkunst kam auch nicht zu kurz in der Manufaktur, Hannes Wader bei seinem ersten Auftritt in der Manufaktur, 1968

Keith Emerson tanzt auf seiner Orgel beim Auftritt von "The Nice" in der Manufaktur, 1969 (Text: Christoph Wagner)

Am 20.12.1969 spielte die Rockgruppe Black Sabbath in der Manufaktur, Gmünder Straße in Schorndorf

Tanzmusik in einer Rockbandbesetzung und Instrumentierung der Gruppe "The whitest boy alive", am 6. April 2009 traten sie in der Manufaktur auf. Anja Wasserbäch schrieb darüber: "Euphorisch, entzückt und ekstatisch reagiert das Publikum. Schon lange nicht mehr, hat man so viele Menschen an einem Montag Abend ausgelassen tanzen sehen".

Free Jazz mit Peter Brötzmann am Saxophon, mit dabei waren am 27. Februar 2015 Steve Swell - Posaune und Paal Nilssen-Love am Schlagzeug.

Im Sommer 2015 wurde so manches kleine Konzert im Garten der Manufaktur gespielt.

Am 29. April 2017 spielt die Frauenband Candelilla in der Manufaktur in Schorndorf ihre experimentierfreudige punkige Musik.

Im Jubiläumsjahr spielt am 27. April 2018 die Rockband DIE NERVEN ihr neuestes Album "Fake" in der Manufaktur in Schorndorf.

Mit Rudi Dutschke durch die Institutionen

Der Club in einem alten Industriekeller war von Anfang an mehr als nur eine Musikbühne, nämlich auch ein politisches Projekt. Zweimal etwa war Rudi Dutschke zu Gast. Dessen Aufforderung zum "Marsch durch die Institutionen" wirkt wie eine Blaupause für das, was in der Manufaktur stattfand.

Werner Schretzmeier: "Es hat ihn brennend interessiert, was man so fernab der großen Theorie wirklich an Veränderung herstellt. In Form von Identität in Räumen und Treffpunkten."

Geburtstagsfilm der Manufaktur Schorndorf



Rockmusik als Stimme, um sich gegen alles zu wehren

Es ging um das große Projekt einer offenen Gesellschaft im Kleinen, um Teilhabe für alle. Kein Wunder, dass der Erregungspegel also immer besonders hoch war, wenn es um die Frage der Eintrittspreise ging.

Ab fünf Mark sei man im Grunde genommen als hemmungsloser Kapitalist verschrien worden, erzählt Schretzmeier. Ökonomisch saß das Haus deshalb oft zwischen allen Stühlen. Was hingegen das politische Anliegen und die Musik anging, herrschte stets Einigkeit mit dem Publikum. Werner Schretzmeier: "1968 war Rockmusik für uns alle eine Stimme, sich gegen vieles zu wehren."

Konzert im Manufakturgarten

Im Sommer 2015 wurde so manches kleine Konzert im Garten der Manufaktur gespielt.

Erst Schorndorf, dann Berlin und Hamburg

"Black Sabbath" rockten dank der Manufaktur damals in der schwäbischen Provinz. Kurz danach wurden sie Weltstars. Bis heute haben es die Macher immer wieder geschafft, Bands zu buchen, die man eher in Fußballstadien erwartet.

Die White Stripes hatten hier 2002 ihr Europa-Debut. Volltreffer wie diese haben im Laufe der Zeit dazu geführt, dass die alternativen Kultur-Aktivisten in ihrer Heimatstadt von allen politischen Strömungen respektiert werden. Andrea Kostka: "Die Stadt hat das inzwischen natürlich auch realisiert, dass wir ein super Werbeträger in der ganzen Bundesrepublik sind, weil es viele Tourplakate gibt, da steht: Schorndorf, Berlin, Hamburg, München."

Buch-Cover "50 Jahre Club Manufaktur" im aufgeschlagenem Buch

Buch-Cover "50 Jahre Club Manufaktur" im aufgeschlagenen Buch

Kabarett, Theater, Tanz und Musikunterricht

Die Manufaktur hat immer schon mehr geboten als Abende zum Abrocken. Es gibt Kabarett, Literatur, Theater, Kinderprogramme, Tanz, Musikunterricht, politische Workshops, ein kommunales Kino. Und die Möglichkeit, selbst mitzumachen. "Grundsätzlich gilt bei uns: Soziokultur macht, was sie für wichtig hält. Wenn man aktiv werden will kann man das und hat hier offene Türen," bekräftigt Werner Hassler, seit 2000 Programmleiter.

"Solange es Neugierige gibt, wird es auch uns geben"

Die abgedroschene Floskel von der Vielfalt als gesellschaftlichem Reichtum – in der Manufaktur wurde und wird sie erlebt, von mittlerweile hochgerechnet zwei Millionen Besuchern. Insofern blickt man in Schorndorf sehr gelassen in die Zukunft. Werner Hassler: "Wir sind einfach ein Laden für offene Ohren, für neugierige Menschen. und solang es diese Leute gibt, wird’s auch uns geben, schätz ich mal."


Zum 50jährigen Jubiläum ist ein reich bebildertes Buch erschienen, erhältlich unter ISBN 978-3-00-057439-9 und im Club selbst, 19 Euro.

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