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Clemens-Brentano-Preisträger der Stadt Heidelberg 2018 Der Essayist Philipp Stadelmaier

Der Autor Philipp Stadelmaier ist am 19. Juli für seinen Essayband „Die mittleren Regionen – Über Terror und Meinung“ mit dem Clemens-Brentano-Preis der Stadt Heidelberg ausgezeichnet worden. Der Brentano-Preis wird im jährlichen Wechsel in den Sparten Lyrik, Erzählung, Essay und Roman vergeben. Er ist ein Nachwuchspreis und mit 10.000 Euro dotiert. Eine Besonderheit des Preises: In der Jury sitzen neben Literaturprofis auch Studierende der Universität.

Reaktion auf die islamistischen Anschläge in Paris

„Als die Anschläge auf Charlie Hebdo stattfanden am 7. Januar 2015 und zwei Tage später die Angriffe auf den jüdischen Supermarkt, war ich in Paris und war gerade in einer Phase, wo ich ohnehin sehr viel geschrieben habe. Als dann die Anschläge stattfanden, hatte ich relativ schnell das Bedürfnis verspürt, auch darauf zu reagieren. Vor allem zu reagieren auf die Reaktionen auf die Anschläge in den Medien, in den Sozialen Netzwerken.“

So erzählt Philipp Stadelmaier von der Entstehung des Essays, der nun den Heidelberger Brentanopreis erhalten hat. Stadelmaier ist Mitte 30, geboren in Stuttgart, aber aufgewachsen in der Nähe von Frankfurt. Gerade schreibt er an seiner Doktorarbeit über ein französisches Filmthema. Aber er arbeitet auch als Filmkritiker – unter anderem für die Süddeutsche Zeitung – und hat einen Roman und ein Theaterstück in der Schublade.

Ein rastloses Protokoll der Emotionen

Der schmale Essayband „Die mittleren Regionen – Über Terror und Meinung“ ist in Form eines Tagebuchs geschrieben. Mit genauen Uhrzeitangaben, die einzelnen Einträge oft nur mit ein paar Minuten Abstand verfasst. Das wirkt rastlos und erinnert natürlich in der Form an die Rastlosigkeit, mit der Informationen im Internet auftauchen. Dazu Philipp Stadelmaier:

„Gerade die Form des Tagebuchs ist eine, die es einem erlaubt, die eigenen Affekte, die eigenen emotionalen Reaktionen, erst einmal zu dokumentieren. Ich hab sehr viel nachts geschrieben, ich hab in nur zwei drei Wochen diesen Text geschrieben. Ich habe also auch erst beim Schreiben entdeckt, warum ich schreibe. Und mir ist klar geworden, dass ich etwas schreiben wollte, was nicht in eine stereotype Reaktion, in eine vorgefasste Reaktion auf terroristische Anschläge hineinfällt.“

Was bedeutet Meinungsfreiheit?

Der Text kreist um die Begriffe Meinung und Meinungsfreiheit, Terror und Karikatur. Wie wird Meinung gebildet? Was bedeutet Meinungsfreiheit? Welcher Missbrauch wird mit ihr getrieben? Der Autor geht der Beantwortung dieser Fragen nach, indem er Begriffe und angebliche Sinneinheiten zerlegt, ganz so wie die französischen Dekonstruktivisten das in den 60er-Jahren gemacht haben. Dabei geraten manche Passagen bisweilen etwas abstrus.

Aber klar ist: da ringt ein junger Mann darum zu verstehen, was gerade passiert in der Welt; warum sich alles in Einheiten aufspaltet, von der jede denkt, sie sei der Nabel der Welt und das Maß dazu. Das ist es, was der Autor mit den mittleren Regionen meint. Ein Textauszug:

Man muss den Leuten helfen, Dinge zu sagen wie „Für mich ist ein Afrikaner kein Mensch.“ Denn folgen wir einmal ein wenig dem Argumentationsfaden unseres Gesprächspartners, der bald an einen toten Punkt kommen muss. Man könnte ihm etwas die Frage stellen, warum sich jemand aus Afrika nicht hier niederlassen sollte. Antwort: „Weil er ein Wirtschaftsflüchtling ist, ein Wohlstandsschmarotzer. Wir sind also im Grunde diesen „Anderen“, die an unserem Wohlstand partizipieren wollen, völlig ähnlich, denn wir betrachten beide Wohlstand als etwas, an dem es wert ist teilzuhaben.

„Das Denken selbst wird transparent“

Die Jury hat sich für Philipp Stadelmaier als Brentano-Preisträger in der Sparte „Essay“ entschieden, weil seine Prosa das Einrasten von gängigen Antworten verhindere. „Das Denken selbst wird hier transparent.“ urteilt sie. Und das Denken selbst ist schlichtweg unsere Aufgabe, das wird einem auch klar und das ist letztendlich die zentrale Botschaft, die der Nachwuchsautor mit seinem Essayband vermittelt.

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