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Sidi Larbi Cherkaoui, Damien Jalet, Marina Abramovic | Debussy in Antwerpen Im Tanz verwobene Seelen

Kulturthema am 5.2.2018 von Natali Kurth

Ein Startrio beeindruckt mit starken Bildern zur Aufführung von Claude Debussys einzig vollendeter Oper "Pelléas et Mélisande" an der königlichen Oper in Antwerpen: Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet sind verantwortlich für Regie und Choreografie. Das Bühnenbild hat die weltweit gefeierte Künstlerin Marina Abramović kreiert.

Kristalle als Hüter des Lichts

Ein Sternenhimmel strahlt in die Düsternis, auch Aufnahmen der Nasa aus dem Weltall sind zu sehen. Marco Brambilla hat die Videos arrangiert. Dazu riesige Kristalle – eine beeindruckende Installation von Marina Abramovich.

Sie hängen wie Hüter des Lichts und der Energie, der Zeit und des Gedächtnisses von oben herab oder liegen auf dem Boden. Mélisande, eindringlich gesungen und dargestellt von der norwegischen Sopranistin Mari Eriksmoen, findet sich inmitten eines Waldes.

Von Tänzerhand gesponnene Fäden

Keine Bäume, sondern von Tänzerhand geheimnisvoll gesponnene lange Fäden stellen das undurchdringliche Dickicht dar, in dem sich Golaud, Mélisandes späterer Mann verirrt.

Die Fäden verlängern auch die Haare von Mélisande, werden zu Strippen, die an ihr zerren. Vielleicht eine Reminiszenz an den Erfinder der Geschichte, Maurice Maeterlinck. Er war fasziniert von Marionetten.

Startrio erzählt Dreiecksgeschichte

Das Choreografenduo Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet haben mit Pelléas et Mélisande zur Musik von Claude Debussy einen Stoff gewählt, der zwar in drei Sätzen erzählt ist, sich aber auf die musikalische Länge von knapp drei Stunden allerdings auch als eine große Herausforderung darstellt.

Mélisande, eine junge verstörte Frau mit unbekanntem Schicksal, wird von Golaud geheiratet. Vielschichtig und nuanciert interpretiert von dem formidablen Bariton Leigh Melrose. Das Paar lebt künftig in einer unergründlichen Welt, die Allemonde heißt. Dort erscheint Golauds Halbbruder Pelléas, der sich ebenfalls in Mélisande verliebt.

Bis auf einen Kuss eine platonische Liebe

Den Schmerz, das Zutrauen, aber auch ihre unmögliche Liebe colorieren beide Protagonisten in Antwerpen facettenreich. Es bleibt aber bei einer leidenschaftlichen, bis auf einen Kuss, beinahe platonischen Liebe. Trotzdem ist das Schicksal vorgezeichnet. Golaud tötet Pelléas. Mélisande stirbt nach der Geburt ihrer Tochter.

Wald, Wasser, Licht, Dunkelheit, die Unbeweglichkeit der Kristalle und das lange blonde Haar von Mélisande - die Inszenierung ist voller Symbole und Gegensätze.

Gefahr, die Oper zu überladen

Cherkaoui und Jalet, von Haus aus beide Tänzer und Choreografen, packen viel hinein in diese Oper und laufen damit Gefahr, sie zu überladen und den Tanz in den Hintergrund zu stellen. Doch es sind gerade die tänzerischen Passagen, die fesseln und berühren und die Statik der Kristalle und des Geschehens durchbrechen.

Die Tänzer stellen keine Personen dar, sondern bringen das Seelenleben der Protagonisten zum Vorschein, vor allem des leidenden Golaud. Sie verweben ihre Körper miteinander zu einem großen Klumpen - Golauds Seele von unlösbaren bedrückenden Problemen gequält und gemartert vor Eifersucht und Wut.

Nackte Tänzerkörper als Spiegel der Seele

Dann wieder reihen sie sich hintereinander auf, die Arme schwingend, als wollten sie sich aus der Lage befreien. Die nackten Tänzerkörper als Spiegel des Inneren, jede Sehne, jeder Muskel mit Licht und Schatten ausmodelliert wie eine Skulptur von Rodin.

Das Leid der Liebenden in Stein gemeißelt – und hier, in der mutigen Arbeit von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet, in Bewegung transformiert. Eine riesige Pupille als Videoinstallation beobachtet alles wie eine geheime beherrschende Macht.

Starke Bilder - aber auch viel Statik

Fazit: Die einzelnen Elemente der Inszenierung, wie Tanz, Gesang und Bühnenbild evozieren für sich sehr starke Bilder und Assoziationen, die sich in den besten Momenten gegenseitig befruchten.

Zuweilen wirkt die Oper über die volle Länge des dreistündigen Abends aber auch zu statisch – zumal die Komposition weder Chöre noch Arien vorsieht. Wirklich problematisch wird es aber nur, wenn der Tanz - wie im zweiten Teil - fast völlig fehlt und sich eine lähmende Schwere über alles legt, die nicht leicht zu ertragen ist.

Insgesamt ist „Pelléas et Mélisande“ von Sidi Larbi Cherkaoui und Damien Jalet trotzdem ein Werk geworden, das nachhaltig in Erinnerung bleibt.


Nächste Vorstellungen: am 6., 8. und 10. Februar in der Opera Antwerpen.

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