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Uraufführung "Gerron" am Theater Konstanz Puppenspiel über Nazi-Propaganda in Theresienstadt

Von Karin Wehrheim

Von der SS gezwungen drehte der jüdische Filmregisseur Kurt Gerron 1943 im Ghetto Theresienstadt den Propagandafilm „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“. Zuvor hatte er in mehr als 60 Filmen der 20er Jahre mitgewirkt, für die UFA mit Marlene Dietrich, Heinz Rühmann und Hans Albers gedreht. Am Theater Konstanz wird jetzt eine Bühnenfassung des Romans von Charles Lewinsky über Gerron uraufgeführt. Das verzweifelte Theresienstädter Filmprojekt wird darin zu einem düsteren Puppenspiel.

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Uraufführung "Gerron" am Theater Konstanz

Düsteres Puppentheater über Nazi-Propaganda

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Ein winziges Häuschen aus Holzlatten, zwei Pritschen, zwei zerschrammte Koffer – das ist alles, was Kurt Gerron (André Rohde) und seiner Frau Olga (Magdalene Schaefer)geblieben ist im Ghetto Theresienstadt. Durch das Fenster dringt der Gestank der Latrinen.

Ein winziges Häuschen aus Holzlatten, zwei Pritschen, zwei zerschrammte Koffer – das ist alles, was Kurt Gerron (André Rohde) und seiner Frau Olga (Magdalene Schaefer)geblieben ist im Ghetto Theresienstadt. Durch das Fenster dringt der Gestank der Latrinen.

Dann ruft Obersturmführer Rahm (Sebastian Fortak, Mitte) den abgemagerten, Davidstern tragenden, berühmten Regisseur zu sich. Er soll einen Film über Theresienstadt drehen. Einen glücklichen Film aus einer glücklichen Stadt. Wo die Menschen fröhlich ins Kaffeehaus gehen. Gerron ist entsetzt. Aber er weiß: Er hat kaum eine Wahl.

Die Dreharbeiten für den Film würden die Mitwirkenden drei Monate vor dem Abtransport in die Vernichtungslager bewahren. Olga redet Kurt zu. In drei Monaten könne der Krieg vorbei sein. Gerron dagegen glaubt, als Mensch, der nicht nach Auschwitz geschickt werde, verdiene er es umso mehr, nach Auschwitz geschickt zu werden.

Im Bild: Kurt (André Rohde) diktiert seiner Frau (Magdalene Schaefer) den Drehplan.

Auf der Konstanzer Werkstattbühne wird die Geschichte von Kurt Gerron mit drei Schauspielern und zehn unterarmlangen Puppen erzählt. Für die Ausstattung mitverantwortlich: Janna Skroblin: „Wir haben sozusagen vier Gerrons, das Gerron-Kind, den jungen Mann, den dicken Gerron in der Blüte seiner Jahre und den Theresienstadt-Gerron, der schon abgemagert und 47 Jahre alt ist.“

Im Bild: Vier der zehn Puppen, Kurts Eltern, der Großvater und Kurt als Kind.

Regisseurin Annette Gleichmann setzt die Puppen immer dann ein, wenn Erinnerungen in Gerron wach werden – an den Großvater, an den Schützengraben im Ersten Weltkrieg (Bild), die frühen Ehejahre. „Puppen können manchmal mehr als Schauspieler“, so Gleichmann. „Puppen können fliegen, alles Mögliche machen, was Menschen nicht können. Und ich fand es in dem Punkt sehr reizvoll, weil es dabei immer um die Rückerinnerungen geht.“

Gleichmann macht aus dem 500-Seiten-Roman von Charles Lewinsky gut 90 eindrückliche Minuten auf der Konstanzer Bühne. In Theresienstadt 1944, hungernd wie die anderen KZ-Insassen, arbeitet Kurt Gerron hart an seinem Drehbuch, diktiert Szenen und erforderliche Requisiten – Badeanzüge, eine Wohnung mit Teppichen und Polsterstühlen, Tomaten.

Gerron (André Rohde) will einen guten Film machen, auch wenn er eine Lüge ist. Der Film wird nie öffentlich gezeigt werden und ist heute bis auf einzelne Szenen verschollen. Gerron hadert aber auch mit sich, dass er die Zeichen der Zeit nicht erkannt hat und in die USA gegangen ist.

Für die Regisseurin Annette Gleichmann hat das große Aktualität. „Das passiert, wenn man im Theater arbeitet oder beim Film arbeitet“, so Gleichmann. „Da gibt es ganz viele Leute, die nicht mehr nach links oder rechts gucken, also die wirklich nur noch in ihrem Werk drin sind und sind dem Leben entrückt. Und das ist ihm auch passiert.“

Als die letzte Szene im Kasten ist, verschwinden immer mehr Menschen. Gerron hofft noch durchhalten zu können, bis die Alliierten kommen. Doch den Filmschnitt übernimmt ein anderer. Für Kurt und Olga ist es das Ende. Am 30. Oktober 1944 werden beide in Auschwitz ermordet. Drei Tage später werden dort die Vergasungen eingestellt.

500-Seiten-Roman von Charles Lewinsky in 90 Minuten auf der Bühne

2:52 min | Fr, 1.2.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Uraufführung "Gerron" am Theater Konstanz

Puppenspiel über Nazi-Propaganda in Theresienstadt

Karin Wehrheim

Für die Nazis drehte der jüdische Regisseur Kurt Gerron 1943 im Ghetto Theresienstadt einen Propagandafilm. Das Theater Konstanz macht aus diesem Stoff ein düsteres Puppenspiel.

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