Bitte warten...

Mainzer Staatstheater mit "Small Places" im Kloster Eberbach Tanzen und Träumen

Am 28.5.2018 von Natali Kurth

Das Tanzensemble des Mainzer Staatstheaters kennt keine räumlichen Grenzen. Für die neue Produktion der Hauschoreographen Guy Weizmann und Roni Haver zieht es die Kompanie von Mainz in das Kloster Eberbach. In den fast 900 Jahre alten historischen Gemäuern, wo auch „Der Name der Rose“ gedreht wurde, ist jetzt das neue zweistündige Werk „Small Places“ zu sehen.

Ein Grollen in den Klostermauern

Durch die beeindruckenden Klostermauern dringt ein geheimnisvolles Grollen. Eine Art Conférencier, der auch durch die heiligen Hallen führen wird, zitiert aus dem Buch „Der Mann, der schläft“ von Georges Perec, einem der wichtigsten Vertreter der französischen Nachkriegsliteratur. Darin geht es um einen jungen, namenlosen Protagonisten, der sich in die Isolation zurückzieht, um den Sinn des Lebens zu finden.

Leider unterbrechen diese Texte den Abend immer wieder, wirken aufgesetzt und gewollt sinngebend. Der Tanz hätte es nicht nötig gehabt.

1/1

Bildgalerie

"Small Places"

In Detailansicht öffnen

Futuristische Kostüme wie aus Aluminium prägen die Aufführung von "Small Places" im Kloster Eberbach.

Futuristische Kostüme wie aus Aluminium prägen die Aufführung von "Small Places" im Kloster Eberbach.

Ein Teil der Performance findet im Inneren des Kapitelsaals statt, dort, wo einst die Mönche Versammlungen abhielten und Ordensregeln verlesen wurden.

Der Tanz ist ein verblüffend streng konzipiertes Regelwerk mit teils roboterhaften Zügen und starren maskenhaften Blicken. Die Bewegungen sind schnell und abgehackt, wie von außen gesteuert.

Hier in "Small Places" zu sehen: Marija Slavec, Thomas van Praet, Matti Tauru, John Wannehag, Amber Pansters, Bojana Mitrovic.

Anamaria-Klajnscek in "Small Places". Die gesamte Tanzdarbietung findet auf einer Fläche von gerade einmal acht mal acht Metern statt.

An jeder Ecke von "Small Places" warten fragmentarische Traumbilder. Hier die Tänzerin Ada Daniele zwischen Puppenköpfen.

Ein gelungenes Experiment, das abseits der Norm und frei vom Anspruch auf Sinnhaftigkeit funktioniert.

Futuristische Mönchskutten glitzern wie Aluminium

Im Innern des Kapitelsaals, dort, wo einst die Mönche Versammlungen abhielten und Ordensregeln verlesen wurden, findet ein Teil der Performance statt. Roni Haver hat zehn Tänzer in eine Art futuristische Mönchskutte aus aluminiumähnlichem Material gesteckt, in dem sie auf einer nur acht mal acht Meter großen Bühne die komplexe Choreografie abliefern.

Die Zuschauer sitzen auf Steinmauern um dieses Viereck herum. In der Mitte ragt eine mittelalterliche Säule empor, sie ist immer wieder zentraler Treffpunkt der Truppe, Hindernis und Herausforderung.

Roboterhafte Züge und maskenhafte Blicke

Der Tanz ist ein verblüffend streng konzipiertes Regelwerk mit teils roboterhaften Zügen und starren maskenhaften Blicken. Die Bewegungen sind schnell und abgehackt, wie von außen gesteuert.

Akrobatisch, synchron und aufeinander abgestimmt. Nur an einer einzigen Stelle tanzt das Ensemble wie befreit und einem Lächeln im Gesicht in Pas de deuxs um die Säule herum. Ein kleiner Ausbruch aus dem vorgegebenen Algorithmus.

Ausflug in das Reich der Träume

Dem Tanz der Logik und Vernunft folgt - nach einem Ortswechsel - im Refektorium, also dem ehemaligen Speisesaal der Mönche, ein fast irrwitziger Ausflug in eine Traumwelt mit entrückten und verrückten Gestalten.

Guy Weizmann lässt den Besucher an vielen kleinen Stationen, die zwischen den uralten Weinpressen aufgebaut sind, vorbeischlendern, verweilen oder mitmachen.

Szene aus: "Small Places" UA Staatstheater Mainz, Kloster Eberbach, Mai 2018

"Small Places": Anamaria-Klajnscek

Ein Tiefseetaucher wäscht Füße

Man kann sich von einem Tiefseetaucher die Füße waschen lassen und dabei mit Bierdose in der Hand in einen Spiegel gucken. Oder man sieht Zachary Chant zu, wie er beflissen und hochengagiert in aufgeplustertem fedrigen weißen Kostüm versucht, eine riesige Waage zum Ausgleich zu führen. In der einen Schale liegen Steine. Leider hat er nur Federn, die die Besucher ihm aus einer Schüssel reichen können.

Maasa Sakano hüpft eine halbe Stunde mit einem leuchtenden Springseil herum und fragt jeden, wie er heißt und wie es ihm geht. Ein anderer hat sich in einer Badewanne in Erde eingebuddelt und schlüpft irgendwann. An jeder Ecke warten fragmentarische Traumbilder, überall passiert etwas und jeder nimmt etwas anderes wahr.

Gelungenes Experiment im einstigen Irrenhaus

Beide Performances stehen für sich. Es ist ein gelungenes Experiment, das abseits der Norm und frei vom Anspruch auf Sinnhaftigkeit funktioniert. Am Ende marschieren alle Ensemblemitglieder wie Patienten in Bademänteln im Klosterhof auf. Und erinnern an die Geschichte des Klosters als Irrenanstalt. Damit geht ein ebenso abwechslungsreicher wie tänzerisch anspruchsvoller Sommerabend zu Ende.

Weitere Themen in SWR2