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Robert Menasses "EU-Roman" Ein Schwein läuft durch Brüssel

Kulturthema am 8.9.2017 von Carsten Otte

Robert Menasse hat den ersten "EU-Roman" geschrieben - und er ist ihm gut gelungen, findet SWR2 Literaturredakteur Carsten Otte: "Er ist nach Brüssel gefahren, hat dort gelebt, sich die Bürokratie genau angesehen und festgestellt, wie gut die Europäische Union dann doch funktioniert. Robert Menasse hat sehr schnell begriffen, dass viele Beamte eben doch kleine Helden sind, nicht nur Lobbyisten und ordnungsfanatische Gesetzesentwickler, und dass sie gerade deshalb literaturfähig sind". Zwar ist das Buch auch ein Stück Arbeit, denn als Leser muss man sich auf das Textmosaik des Autors einlassen. "Doch man wird mit der Erkenntnis belohnt, dass die europäische Bürokratie nicht nur literaturfähig, sondern bei aller Kritik auch ein lebendiges System ist, das sich um die Menschen kümmert", findet Carsten Otte.

Drecksau und Glücksschwein

Am Anfang des Romans läuft ein Schwein durch Brüssel. Eine lustige, eine hochsymbolische und damit auch eine politische Szene, denn sie erzählt sehr viel von jenem Ort, der zur negativen Projektionsfläche in ganz Europa geworden ist: Die Hauptstadt der EU, Hort der europäischen Bürokratie, die sich anmaßt, über das Leben in so vielen Ländern zu bestimmen. Ja, das Image der Brüsseler Beamten ist bei den Bürgern denkbar schlecht, was den Schriftsteller Robert Menasse, den großen Dialektiker in der deutschsprachigen Literatur, seit Jahren herausfordert, ein anderes Bild der EU zu zeichnen. Für ihn gibt es nicht nur die Drecksau, sondern immer auch das Glücksschwein, und so steht dieses domestizierte Tier, das in den Straßen der Hauptstadt auch seine weggezüchtete Wildheit auslebt, nicht nur für den Gegenstand des Romans, sondern auch für Menasses literarisch-philosophisches Gesamtprojekt, das historisch versiert und zugleich wirklichkeitsgesättigt ist.

"Man spricht ja immer von überbordender Bürokratie. Von weltfremden, überbezahlten Beamten, die ohne Kenntnis der Lebensrealität der vielen Völker in Europa sich irgendwas ausdenken, mehr oder weniger aus Langweile sich mit der der Gurkenkrümmung beschäftigen. Das ist natürlich alles Unsinn. Aber ich habe es auch nicht besser gewusst. Ich habe nur gewusst, wie schlecht das Image ist. Ich hatte zunächst keine andere Idee, ob man das verstehen kann, ob man da hineinkommt, ob man recherchieren kann, wie die arbeiten, wie das System funktioniert, und ich wollte sehen, ob man das erzählen kann, habe wissen wollen, ob man diese Beamten typisieren kann, das heißt: Sind die überhaupt literaturfähig?"

Die EU ist literaturfähig

Robert Menasse ist also nach Brüssel gefahren, hat dort gelebt, hat sich die Bürokratie genau angesehen, hat festgestellt, wie gut die Europäische Union dann doch funktioniert, hat sehr schnell begriffen, dass viele Beamte eben doch kleine Helden sind, nicht nur Lobbyisten und ordnungsfanatische Gesetzesentwickler, und dass sie gerade deshalb literaturfähig sind. Aber Menasse hat die Arbeit an seinem großen EU-Roman schon bald unterbrochen, um zunächst einen Essay zu schreiben, um sozusagen die Sachfragen vor der Fiktion abzuhandeln. Es erschien das vieldiskutierte Buch "Der europäische Landbote", in dem der Autor die EU differenzierter und freundlicher beschrieb als viele Literaten und Philosophen von rechts bis links, die inzwischen einer nach dem anderen wohlfeile Abgesänge auf dieses große Projekt zur europäischen Friedenssicherung formuliert hatten. Nach diesem Essay, nach der Arbeit am Sachhaltigen, kehrte der Schriftsteller wieder in die Roman-Werkstatt zurück. Sehr schnell war ihm klar, dass er seine Geschichte nicht aus einer einzigen Perspektive schreiben kann, dass es mehrere Stimmen geben muss in einem Roman, der von der europäischen Vielfalt handelt. So hat sich, gibt der Autor zu, in gewisser Weise auch die Struktur des Textes aus dem Geist der europäischen Hauptstadt entwickelt.

"Ich habe lange Zeit nicht gewusst, wie ich ihn schreiben soll. Ich habe Material gesammelt und Material gesammelt, aber mir war nicht klar, wie man das alles unter ein Dach bringen kann. Mir ist es klar geworden, als ein Beamter einmal zu mir sagte: Weißt du, unser Leben ist ganz einfach zu verstehen. Brüssel ist Konfetti, und wir schauen es an, als wäre es ein Mosaik. Und manchmal ist es auch umgekehrt".

Robert Menasse spielt klug mit Klischees

Tatsächlich werden wir Leser mit einem bunten Szenenkonfetti beworfen und wissen zunächst nicht genau, wie sich aus diesen Schnipseln ein Erzählmosaik bilden soll, aber dann fügen sich die Stränge doch so beeindruckend zusammen, dass man wiederum an die EU-Bürokratie erinnert wird, die ganz offenbar besser zu funktionieren scheint als in den eigenen Vorurteilen. Robert Menasses Roman reflektiert nicht nur Form und Inhalt, er hat auch ein Figurenensemble entwickelt, das klug mit den Klischees spielt, indem sie aufgenommen und immer wieder gebrochen werden: Da gibt es zum Beispiel die ehrgeizige, aber keinesfalls unsympathische Griechin Fenia Xenopoulou, zuständig für die Generaldirektion Kultur in der Kommission, die ihren österreichischen Referenten Martin Susman beauftragt, eine Kampagne zur Imageverbesserung der EU zu entwickeln.

"Er hat eine Idee, die vollkommen naheliegend ist, die auch ich gehabt hätte, wenn ich dort arbeiten würde und ich diesen Auftrag bekommen hätte. Ich hätte nämlich gesagt: Das schlechte Image der Europäischen Kommission beruht nicht zuletzt darauf, dass sie eine neoliberale Agenda hat, dass sie sich vor allem um die Interessen der Konzerne kümmert. Man muss nun zeigen, denkt sich der Martin Susman, dass die Idee der europäischen Institutionen, die Gründungsidee und auch die tägliche Arbeit von nichtökonomischen Zwängen getragen wird, nämlich als Hüterin der Verträge für die Menschenrechte einstehen und den Nationalismus überwinden muss".

Die EU als moralische Instanz

Der eifrige Referent Susman, der froh ist, dem elterlichen Bauernhof entkommen zu sein und der es kaum aushält, mit seinem Bruder über Schweinezucht, grassierenden Vegetarismus und den EU-Handel mit Schweineohren zu streiten, begreift die EU nicht nur als Wirtschaftsraum, sondern als moralische Instanz, und so liegt es auf der Hand, dass er mit seiner Imagekampagne an die schlimmsten Auswüchse des Nationalismus erinnern will und an den Schwur, Auschwitz dürfe nie wieder stattfinden. Nein, denkt sich der Mann aus Österreich, diese EU ist kein Schweinesystem, sondern ein Glücksfall der Geschichte. Wie dieses Projekt in den Instanzen schließlich aber doch zerrieben wird, ist durchaus als Kritik zu verstehen am europäischen System der nationalen Macht und Eitelkeit, dennoch bleibt die Hoffnung, dass im Zentrum der Bürokratie Menschen arbeiten, die den Glauben an die historische Mission nicht verloren haben. Erstaunlich ist bei all dem theoretischen sowie politischen Über- und Unterbau des Romans, dass die Dialoge humorvoll sind und der Fortgang der Handlung auf sehr anschauliche Weise erzählt wird. Das liegt auch daran, dass die Wege, die die vermeintlichen Nebenfiguren in diesem weitverzweigten Text beschreiten, jene Sinnlichkeit beisteuern, die anderen Erzählsträngen zuweilen abgeht. Da besucht etwa Alois Erhart, ein emeritierter Professor einen Ort, der ausgedacht erscheint, den es aber tatsächlich gibt.

"Das ist wirklich eine interessante Geschichte, auf die ich im Zuge der Recherchen gestoßen bin. Da hat ein sehr reicher Bürger für seine im Kindsbett verstorbene Frau, die er abgöttisch geliebt hat, ein Mausoleum errichten lassen, das er das Mausoleum der bedingungslosen Liebe genannt hat. Er hat das ganz kompliziert berechnen lassen: Da war im Dach ein Stück ausgespart, und durch dieses Loch scheint immer am Todestag ein herzförmiger Spot auf den Sarg. Und dieses Mausoleum ist heute verfallen".

Ein Lesevergnügen, aber auch ein Stück Arbeit

Wenn schon das Mausoleum der bedingungslosen Liebe in der Hauptstadt der europäischen Bürokratie verfällt, kann es mit den Aktivitäten der Kulturabteilung in der EU-Kommission nicht weit her sein. So wird der beklagenswerte Zustand dieses auf der touristischen Landkarte völlig unbekannten Bauwerks zum Symbol und Mahnmal – gerade für das, was uns in Europa verbinden sollte. Menasse bietet uns mit seinem Roman "Die Hauptstadt" ein Lesevergnügen, das auch ein Stück Arbeit ist: Wir müssen uns auf sein Textmosaik einlassen, wenn wir das Gesamtbild erkennen wollen. Selbst wenn uns der durchaus notwendige Konfetticharakter des mit vielen Thesen und Antithesen gespickten Romans anstrengen sollte, werden wir mit der Erkenntnis belohnt, dass die europäische Bürokratie nicht nur literaturfähig, sondern bei aller Kritik auch ein lebendiges System ist, das sich um die Menschen kümmert.

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