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Neues Buch von Winfried Kretschmann: "Worauf wir uns verlassen wollen" Grün ist das neue Schwarz

Von Rainer Volk

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in den Parlamentsferien 2018 ein schmales Buch verfasst. Der Titel: „Worauf wir uns verlassen wollen“. Der ehrgeizige Versuch des Grünen-Politikers: den Unionsparteien die Alleinvertretung für konservative Themen wegzunehmen. Das ist ihm nicht schlecht gelungen.

"Wenn der Wähler nicht mehr weiß, auf wen Verlass ist..."

Politiker schreiben Bücher zumeist, wenn Wahlen anstehen. Das Ergebnis sind in der Regel Produkte, die die intellektuelle Tiefenschärfe des Autors nachweisen sollen.

Winfried Kretschmann hält es da anders: „Ein Buch schreibt man dann, wenn Fragen kompliziert sind und man die Dinge etwas ordnen und sortieren will.“ Oder: Wenn die Zeiten kompliziert sind und der Wähler nicht mehr so recht weiß, auf wen noch Verlass ist im Land.

Mit Hannah Arendt und Jeanne Hersch gegen Rechtspopulismus

Eine einfache Antwort könnte lauten: „Auf mich!“, aber das wäre nicht „kretschmannesk“. Deshalb argumentiert der Landesvater auf breitem philosophischem Sockel. Dort stehen seine Hausheiligen Hannah Arendt und Jeanne Hersch, aber auch Edmund Burke, John Rawls, Hans Jonas und Karl Popper.

6:44 min | Do, 4.10.2018 | 22:45 Uhr | Kunscht! | SWR Fernsehen

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"Worauf wir uns verlassen wollen"

Winfried Kretschmann und sein neues Buch

Interview mit Winfried Kretschmann, Baden-Württembergs grünem Ministerpräsidenten, über sein neues Buch "Worauf wir uns verlassen wollen"!

Sie alle zu bemühen ist nicht intellektuelle Eitelkeit, nach dem Motto: Schaut her, was ich alles gelesen habe!, sondern davon getrieben, dass sich Kretschmann um den Verfall der etablierten Parteien und den grassierenden Rechtspopulismus im Land sorgt.

Kretschmann will dem Unionslager das Konservative entwenden

Winfried Kretschmann: „Es tauchen in einem dramatischen Wandel Fragen auf, an die gar niemand mehr so gedacht hat. Aber auch, dass heute der liberale Verfassungsstaat auf einmal infrage gestellt wird – das hätte ich mir einfach nicht träumen lassen.“

Die Debatte um das Konservative werde immer in Zeiten des Wandels entfacht, schreibt Kretschmann eingangs. Spannend ist sein Versuch auf den 140 Seiten, den Begriff „konservativ“ neu zu definieren. Denn das ist der Kern dieses Buchs: Dem Unionslager das Konservativ-Sein abzusprechen.

Ist Grün das neue Schwarz?

Kurz gesagt behauptet Kretschmann: Grün ist das neue Schwarz. Denn bei CDU und CSU sei der Konservatismus zu naivem Technikglauben geronnen.

Bei den Grünen dagegen werde der ökologische Gedanke des Umweltschutzes dem Lateinischen „conservare“ – bewahren - viel gerechter: „Die Grünen haben eine sehr konservative Wurzel. Das ist sozusagen die Bewahrung der Schöpfung, Erhalt der Natur. Die haben wir ja selber nicht geschaffen – die haben wir nur vorgefunden. Wir können Arten ausrotten, aber keine neuen in die Welt setzen. Das ist ein konservatives Thema.“

Wohltuend wenig Regierungsdeutsch

Wer seinen „Kretsch“ kennt, trifft in diesem Buch viel Altbekanntes: Die Bedeutung biologischer Vielfalt, Politik als Kunst des Kümmerns, Ehe als Ausdruck von Verantwortung, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit, Heimat-Betonung.

Manches hat den Zungenschlag einer Regierungserklärung. Doch fallen solche Passagen wohltuend kurz aus. Denn Kretschmann steuert auf ein anderes Ziel hin: Er will einen Beitrag leisten zur Re-Orientierung der politischen Öffentlichkeit in Deutschland.

"Können nicht wie Sokrates in der Stadt herumrennen"

Schwäbisch-bescheiden macht er dies nur tastend, erklärt sich zum Politiker des „Und“, der Humanität und Ordnung, Sicherheit und Freiheit, des Nachdenkens und Zupackens: „Nehmen Sie mal Sokrates, der hat uns beigebracht, dass wir die Dinge immer kritisch überprüfen wollen. Aber wir können jetzt natürlich nicht so in der Stadt herumrennen, wie das Sokrates gemacht hat. Das müssen wir schon ein bisschen anders machen.“

Pflichtlektüre für die Südwest-CDU

Dieser Balance-Versuch eines grünen Neo-Konservatismus lässt den Schwitzkasten erahnen, in dem der Sokrates aus Sigmaringen seinen Koalitionspartner in Stuttgart gesteckt hat. Für führende Kreise der Südwest-CDU wird dieses Büchlein also Pflichtlektüre werden. Und ein Publikum ohne politisches Mandat hat allemal intelligenten Lesestoff für zwei bis drei Abende.


Winfried Kretschmann: Worauf wir uns verlassen wollen. Für eine neue Idee des Konservativen, S. Fischer-Verlag, 140 Seiten, 13 Euro.

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