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Buch zur Gelbwesten-Bewegung in Frankreich Édouard Louis klagt Frankreichs Politiker an

Von Kathrin Hondl

Mit einer Roman-Abrechnung über seinen Vater ist der französische Autor Édouard Louis bekannt geworden. Im neuen Buch „Wer hat meinen Vater umgebracht“ sieht Louis dessen zerstörtes Leben als Folge einer Politik, die arme Menschen ausgrenzt. In den Körpern der protestierenden Gelbwesten erkennt der Autor geschundene Körper, die dem seines Vaters ähneln. Ein kämpferisches und nicht ungefährliches Identifikationsbuch für die Gelbwesten-Bewegung.

Édouard Louis: Sohn eines Gelbwesten-Vaters

„Jeder, der eine ‚Gelbweste’ beleidigte, beleidigte meinen Vater.“ Diesen Satz schrieb Edouard Louis vor ein paar Wochen in einem Text für das Kulturmagazin „Les Inrockuptibles“. Ein überraschender Satz für Leserinnen und Leser seines Bestsellers „Das Ende von Eddy“.

Dieser Vater kam nicht besonders gut weg in Édouard Louis’ autobiografischem Debütroman: Ein ständig alkoholisierter Dörfler, der mit homophoben Sprüchen und tumbem Männlichkeitsgehabe seinem schwulen Sohn das Leben zur Hölle machte. „Keine einzige glückliche Erinnerung“ habe er an seine Kindheit und Jugend in der nordfranzösischen Provinz, schrieb Edouard Louis.

Édouard Louis hat sich mit seinem Vater versöhnt

Inzwischen hat er sich mit dem Vater versöhnt. Davon zeugt sein neues Buch. In Frankreich erschien es nur wenige Monate bevor die sozialen Proteste der Gelbwesten begannen. Der schmale Band ist eine Hommage, eine Liebeserklärung an diesen Vater, der, obwohl erst Anfang 50, körperlich am Ende ist.

Gelbwesten-Proteste in Paris.

Gelbwesten-Proteste in Paris.

Und: Dieser Text ist eine Anklage. Ein wütendes „J’accuse“, 120 Jahre nach Emile Zola: „...was ich schreibe, was ich erzähle, folgt nicht den Erfordernissen der Literatur, sondern denen der Notwendigkeit, der Dringlichkeit, denen des Feuers!“

„Wir müssten doch eigentlich schreien!“

Édouard Louis erzählt die Vaterfigur, unter der er als Kind litt, noch einmal neu – nicht schön und romanhaft wie in den Büchern davor, sondern schmucklos, hart und pathetisch: „Ich muss mich doch wiederholen, wenn ich von deinem Leben erzähle, denn von einem solchen Leben will niemand hören! Man muss sich doch wiederholen, bis sie uns zuhören! Um sie zum Zuhören zu zwingen! Wir müssten doch eigentlich schreien!“

Buch-Cover von Èdouard Louis - Wer hat meinen Vater umgebracht

Édouard Louis

Wer hat meinen Vater umgebracht. Aus dem Französischen von Hinrich Schmidt-Henkel

Verlag:
S. Fischer Verlag
Länge:
80 Seiten
Preis:
16 Euro
Bestellnummer:
978-3-10-397428-7

Arbeitsunfall ruinierte Leben des Vaters

Da ist der Arbeitsunfall, der die Wirbelsäule des Vaters zerstörte und ihn zum vor der Glotze vegetierenden Säufer machte. Das körperliche Elend, das immer schlimmer wird durch selbst geringfügige Kürzungen bei der Sozialhilfe oder der Erstattung von Medikamenten. Verdauungsprobleme, Diabetes, Atemnot. Zum kaputten Rücken kommen mit jeder neuen Sozialreform neue Leiden hinzu.

Politiker für Dahinsiechen seines Vaters verantwortlich?

Und Édouard Louis nennt die beim Namen, die er für das Dahinsiechen seines Vaters für verantwortlich hält – französische Regierungspolitiker der vergangenen 15 Jahre:
„Jacques Chirac und Xavier Bertrand machten deinen Darm kaputt. (...)“

„Nicolas Sarkozy und Martin Hirsch haben dir das Rückgrat gebrochen.“ - „Hollande und El Khomri haben dir die Luft genommen.“ - „Emmanuel Macron stiehlt dir das Essen direkt vom Teller.“ - „Die Geschichte deines Körpers ist die Geschichte dieser Namen, die aufeinandergefolgt sind, um dich zu zerstören. Die Geschichte deines Körpers ist eine Anklage der politischen Geschichte.“

Gelbwesten-Bewegung: Es bleibt nichts außer dem Körper

Und der Körper ist es ja, der denen bleibt, denen sonst nichts bleibt. In den Körpern der protestierenden Gelbwesten erkennt Edouard Louis geschundene Körper, die dem seines Vaters ähneln.

Dass die Besitzer dieser Körper dazu neigen, absurden Männlichkeitsidealen zu huldigen und alles Weibliche oder Homosexuelle abzulehnen, das hat Louis als Kind erfahren. Ebenso den Rassismus, der ja auch in der Gelbwesten-Bewegung verbreitet ist.

Édouard Louis denkt simpel - vermutlich sogar gefährlich

Doch die eigentliche Verantwortung für Homophobie und Migrantenhass hätte, folgt man Louis, eine Politik, die die Armen immer ärmer macht und ihre Körper zerstört. Das ist höchstwahrscheinlich zu simpel gedacht. Vermutlich sogar gefährlich.

Gefährlich ist es aber auch zu unterschätzen, welche gravierenden Folgen vermeintlich notwendige Sozialreformen haben. Das zeigen die unkontrollierbaren Gelbwesten. Und das zeigt Edouard Louis in seinem neuen kämpferischen Buch, indem er seinen Vater aus der Unsichtbarkeit befreit.

„Für die Herrschenden ist die Politik weitgehend eine ästhetische Frage: eine Art sich zu denken, sich zu erschaffen, eine Weltsicht. Für uns ist sie eine Frage von Leben oder Tod.“

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