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Filmkritik Fatih Akins Horrorfilm "Der Goldene Handschuh"

Von Anja Höfer

Der deutsch-türkische Regisseur Fatih Akin wollte schon immer einen Horrorfilm drehen. In "Der Goldene Handschuh" erzählt er die Geschichte des Serienkillers Fritz Honka, der im Hamburg der frühen 70er Jahre vier Frauen ermordete. Alle lernte er in der Kiez-Kneipe "Zum goldenen Handschuh" auf St. Pauli kennen.

Einen Oldesloer Korn, bitte!

Irgendwann hört man auf zu zählen, wie viele Flaschen "Oldesloer Korn" in diesem Film gekippt werden. Zwischendurch wünscht man sich sogar, der abgeklärte Tresenmann des "Goldenen Handschuh" würde einem selbst mal unauffällig einen Klaren durch die Leinwand reichen. Nur um das ganze Elend, den Ekel, das Gemetzel, etwas leichter zu ertragen.

Zwei zersägte Frauen-Leichen zum Auftakt

Denn was Fatih Akin hier auffährt, ist härtester Stoff und stellenweise schwer auszuhalten. Schon in den ersten fünf Minuten zwei Frauen-Leichen, die mit dem Fuchsschwanz zersägt werden müssen, weil der Mörder, klein und verwachsen von Gestalt, sie anders nicht transportieren und in den Verschlägen der eigenen miefigen Dach-Wohnung verstauen kann.

Großes Gruselkino auch auf der Tonspur

Das matscht und ritscht und ratscht und spritzt: Schon die Soundeffekte sind großes Grusel-Kino, von den Bildern ganz zu schweigen. Später werden den Nachbarn Maden durch die morsche Decke ins Abendessen fallen.

1/1

Deutscher Filmpreis

"Der Goldene Handschuh" von Fatih Akin

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Für seinen Film "Der goldene Handschuh", der auf wahren Begebenheiten beruht, erhielt Regisseur Fatih Akin sogar Einblick in die originalen Prozessakten des Honka-Falls.

Für seinen Film "Der goldene Handschuh", der auf wahren Begebenheiten beruht, erhielt Regisseur Fatih Akin sogar Einblick in die originalen Prozessakten des Honka-Falls.

St. Pauli in den Siebzigerjahren: Fritz "Fiete" Honka (Jonas Dassler) ist Alkoholiker und verbringt seine Freizeit in der Kiezkneipe "Zum goldenen Handschuh".

Honka, der mit seinem schiefen Gesicht überall auffällt, gilt als umgänglich. Bei Korn und Fanta sucht er im "Goldenen Handschuh" den Kontakt zu Frauen.

Obwohl sich im "Goldenen Handschuh" der Rand der Gesellschaft trifft, kommt Honka bei den Frauen nicht unbedingt gut an.

Wenn Honka dann eine Frau für sich begeistern kann, möchte er sie überhaupt nicht mehr aus seiner Wohnung lassen.

Der Außenseiter lauert immer weiter Frauen auf, die seine potenziellen nächsten Opfer werden könnten: Fritz Honkas dunkles Geheimnis ist Mord.

Die Grundlage für die Verfilmung ist der Roman "Der goldene Handschuh", der 2016 von Autor Heinz Strunk veröffentlicht wurde.

Horror-Film nach allen Regeln der Kunst

Einen Horror-Film nach allen Genre-Regeln der Kunst wollte Akin laut eigener Aussage machen. Das ist ihm auch gelungen. Nur fragt man sich, ob die wahre Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka, ein armer, selbst schwer misshandelter Schlucker, den geeigneten Stoff dafür bietet.

Drastische Romanvorlage von Heinz Strunk

Wie man mit dieser zutiefst elenden Biographie angemessen umgehen kann, hat der Schriftsteller Heinz Strunk mit seiner Romanvorlage beeindruckend vorgeführt: Auch er beschreibt ungeheuer widerliche Details der sexuellen Obsessionen Honkas und seiner blutigen Taten.

Trockener Hamburger Sprach-Witz im Buch

Mit trockenem Hamburger Sprach-Witz erkundet der Roman die Lebensumstände des zurückgebliebenen, schwer alkoholabhängigen Hilfsarbeiters. Er stellt sie auch in den größeren Kontext einer in den 70ern immer noch schwer kriegstraumatisierten Gesellschaft. Das gibt dem Mörder Honka ein zwar hässlich entstelltes, aber letztlich noch menschliches Antlitz.

Honka, der mit seinem schiefen Gesicht überall auffällt, gilt als umgänglich. Bei Korn und Fanta sucht er im "Goldenen Handschuh" den Kontakt zu Frauen.

Honka, der mit seinem schiefen Gesicht überall auffällt, gilt als umgänglich. Bei Korn und Fanta sucht er im "Goldenen Handschuh" den Kontakt zu Frauen.

Akin zeigt im Film nur die Bestie Fritz Honka

Akin hingegen zeigt ihn nur als irre Bestie, als Freak. Der erst 23-jährige Jonas Dassler verkörpert den knapp 40-jährigen, schielenden, leicht buckligen Honka unter beeindruckendem Maskenaufwand als eine Mischung aus Quasimodo, Horst Schlämmer und Jack the Ripper, mit beängstigender Intensität. Doch wirklich nah kommt man ihm nicht.

Film will authentisch und gruselig gleichzeitig sein

Das Grundproblem dieses Films ist, dass er sich um Authentizität bemüht und versucht, den blutigen Tatsachen irgendwie historisch gerecht zu werden. Gleichzeitig will er aber auch ein Horror-Schocker mit allen Mitteln der grotesken Überzeichnung sein.

Obwohl sich im "Goldenen Handschuh" der Rand der Gesellschaft trifft, kommt Honka bei den Frauen nicht unbedingt gut an.

Obwohl sich im "Goldenen Handschuh" der Rand der Gesellschaft trifft, kommt Honka bei den Frauen nicht unbedingt gut an.

Splatter-Kammerspiel

Das erzeugt eine ungute Schieflage, was sich besonders bei den Opfern Honkas zeigt: ältere Prostituierte, körperlich und seelisch schwer vom Leben und der Alkoholsucht gezeichnet. Der Film weckt durchaus Mitleid und Empathie, aber am Ende dienen diese ärmsten Kreaturen doch nur als Fleisch-Futter für die Exzesse eines Splatter-Kammerspiels.

Wärme und Witz lässt der Film lediglich in den schummrig ausgeleuchteten Kneipenszenen aus dem Goldenen Handschuh aufblitzen, wo all die zahnlosen, aber in ihren Sprüchen immer noch ziemlich bissigen Dropouts von St. Pauli unter dem Klang süßlicher Schlager zusammen kommen:

Es bleibt ein schaler Nachgeschmack

An Schauspielkunst, üppiger 70er-Jahre- Ausstattung und knalligen Horroreffekten bietet Akins "Goldener Handschuh" einiges auf. Dennoch bleibt danach das schale Gefühl zurück, sich hier über echtes menschliches Elend amüsiert und vor allem schrecklich gegruselt zu haben.

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