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"Chronik einer Entgleisung" Peter Lenk arbeitet an „Stuttgart 21“-Denkmal

Von Barbara Paul

Mit vielen seiner Werke hat Bildhauer Peter Lenk heftige Kontroversen ausgelöst, am stärksten wohl mit seiner riesigen Edelhure „Imperia“ im Hafen von Konstanz. Jetzt arbeitet Lenk an einem neun Meter hohen Laokoon als Denkmal für das umstrittene Bahnprojekt „Stuttgart 21“. Das Werk soll „Die Chronik einer Entgleisung“ heißen.

Ein Ort voller Skulpturen

Schon auf dem Weg zu Peter Lenks Atelierhallen geht es turbulent zu. Überall stehen und sitzen seine Skulpturen, ragen auf hohen Sockeln teils über die Dächer des beschaulichen Bodenseedörfchens Bodman hinaus.

Bildhauer Peter Lenk

Noch dürfen wir ihn nicht ganz sehen. Eines aber steht schon fest: Der Stuttgart-21-Laokoon von Bildhauer Peter Lenk wird nicht von Schlangen geplagt, sondern von einem Intercity...

Skurrile Kreationen, fast alle nackt, manche halb Mensch, halb Tier. Viele der Köpfe kommen einem bekannt vor: hier das Gesicht eines ehemaligen Ministerpräsidenten, dort Claudia Roth, ganz oben Thilo Sarrazin, Merkel und ein Schweizer Bankenchef.

Laokoon, vom Intercity gequält

Im Atelier dann die neun Meter hohe Skulptur eines kämpfenden Laokoons. Peter Lenk lässt die mythologische Figur auf Stuttgart 21 treffen: „Mein Laokoon wird nicht durch Schlangen geplagt, sondern durch eine Volksbefragung und einen entgleisten, wildgewordenen Intercity.“

Auf dem drei mal drei Meter großen Sockel, auf dem dieser Laokoon einmal stehen wird, erzählt Peter Lenk in Reliefs die Geschichten rund um das umstrittene Bahnprojekt. Szenen vom Schwarzen Donnerstag – von Baumbesetzern und Wasserwerfern.

Stuttgart 21 als fröhliche Badeanstalt

Ein Relief thematisiert das von den Kritikern befürchtete Überschwemmungsrisiko: „Stuttgart 21 ist überschwemmt. Es ist eine fröhliche Badeanstalt geworden, mit Rettungsring. Deshalb empfehle ich jedem, der mit dem Zug nach Stuttgart fahren wird, seine Badesachen mitzubringen.“

S21-Gegner wollen 100.000 Euro für Skulptur sammeln

Seit einem Jahr arbeitet Peter Lenk nun an diesem Denkmal. Aufgefordert dazu wurde er von einer Gruppe teils prominenter S21-Gegner, die nun auch im Netz Spenden eintreiben wollen. 100.000 Euro müssen in jedem Fall zusammenkommen.

Bildhauer Peter Lenk

Bildhauer Peter Lenk vor seinen Atelierhallen im Bodenseedörfchen Bodman. Das ganze Gelände ist bevölkert von seinen Skulpturen, die auf hohen Sockeln teils über die Dächer hinausragen.

Lenk selbst will mit dieser Arbeit auch seine Kritik an dem Bahnprojekt äußern. „Ich bin ja Satiriker. Inwieweit das Kunst ist, will ich gar nicht beurteilen. In der pietistischen Kunstszene in Stuttgart ist Satire sowieso keine Kunst, aber das ist mir vollkommen wurscht. Ich bin ja deshalb auch aufs Land abgehauen, damit ich meine Ruhe habe. Natürlich will ich als Künstler etwas bewegen, aber ich kenne auch die Grenzen der Kunst.“

Kunst oder Geschmacklosigkeit?

Dennoch: Aus Sicht mancher überschreitet der 71-Jährige diese Grenzen. Zum Beispiel wenn sich auf seinen Figurenreliefs Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft, nackt dargestellt, gegenseitig an ihre Genitalien greifen - oder Kirchenoberhäupter an das Dekolleté einer Hure.

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Satirische Skulpturen von Peter Lenk aus Bodman

40 Jahre Zoff und Zwinkern

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Ein von Peter Lenk gestalteter Brunnen in der Innenstadt von Überlingen

Ein von Peter Lenk gestalteter Brunnen in der Innenstadt von Überlingen

Hoch über dem Überlinger Brunnen reitet Martin Walser sein "fliehendes Pferd".

Der Wielandsche Esel auf dem Marktplatz von Biberach (2000), nach einer Geschichte von Christoph Martin Wieland: "Auf dem Rücken die Gewalt, im Bauch das Dogma, im Kopf den Sex, so erscheint der Wielandsche Esel und fragt: Wer ist hier eigentlich der Esel und wer hat sonst noch einen Schatten?" schrieb Peter Lenk.

Heftig umstritten und längst ein Wahrzeichen: die Imperia an der Konstanzer Hafeneinfahrt von 1993.

Lenks "Magische Säule" für den Magnetiseur Franz Anton Mesmer in Meersburg.

"Global Players" - auf dem Teilrelief von 2008 vor dem Rathaus von Bodman-Ludwigshafen sind Angela Merkel, Gerhard Schröder, Hans Eichel, Edmund Stoiber und Guido Westerwelle.

Der Schelmenbaum in Emmingen-Liptingen (Ausschnitt) von 2012.

Eine Figur, die mit einer Fernbedienung Panzer dirigiert und der Bundeskanzlerin Angela Merkel ähnlich sieht, an der Skulptur "Kampf um Europa" in Radolfzell

Skulpturengruppe "Hölderlin im Kreisverkehr" auf der Verkehrsinsel eines Kreisverkehrs in Lauffen am Neckar

Eine von drei Figuren der Skulptur "Karriereleiter" an der Fassade der Investitionsbank, Berlin

Für Proteste sorgte 2010 das Wandfries "Friede sei mit Dir" an der Fassade der TAZ Tageszeitung in Berlin.

Gesicht des Laokoon bleibt verhüllt - Angst vor „Riesengeschrei“

So hat Peter Lenk schon viele Geschichten von Macht und Moral, Gier und Größenwahn erzählt. Dabei hat er gelernt: Vor der Enthüllung der Arbeiten an Ort und Stelle dürfen die Namen der bekannten Protagonisten nicht publik werden. Bei einem politisch so brisanten Thema wie Stuttgart 21 schon gar nicht.

Deshalb ist auch der Kopf von Laokoon mit Tüchern zugedeckt: „Es ist immer ein Risiko dabei, wenn es vorher rauskommt. Dann gibt es die sogenannten Verfügungen. Es sind welche dabei, das ist jetzt schon klar, die werden ein Riesengeschrei machen.“

Wo wird der S21-Laokoon aufgestellt?

Von wem könnte es dieses „Riesengeschrei“ geben? Wessen Gesicht verbirgt sich hinter der neun Meter hohen Hauptfigur? Das eines bekannten Bahnmanagers, eines amtierenden Verkehrsministers oder gar das eines baden-württembergischen Ministerpräsidenten?

Eine andere Frage ist: Wo findet diese „Chronik einer grotesken Entgleisung“ ihren Platz? Peter Lenk hat viele seiner provokanten Arbeiten ohne Genehmigung an öffentlichen Plätzen einfach aufgestellt. Oft stellen die Gemeinden dann schließlich auch Zuschauerbänke davor, denn Peter Lenk ist immer ein Anziehungspunkt, für Verehrer und Gegner gleichermaßen.

Skulptur vor dem Tiefbahnhof? Dann kommt die Polizei

„Eine Nacht und Nebelaktion mache ich in Stuttgart nicht“, so Lenk. „In Konstanz etwa machen die Verantwortlichen schon mal ein Schläfle. In Stuttgart vor dem Bahnhof dagegen, da geht das nicht lange. Dann ist die Polizei da, ist doch klar.“

Die S21-Gegner hätten das Denkmal von Peter Lenk gerne auf dem Schlossplatz, wo sie immer noch gegen das Projekt demonstrieren. Das ist Landesterrain. Somit müsste die Kommune die Aufstellung genehmigen.

Im Frühjahr 2020 soll Denkmal präsentiert werden

Für Lenk ist klar: im Frühjahr 2020 soll das Denkmal der Öffentlichkeit präsentiert werden. „Wenn alle Stricke reißen, hätten wir hier am Bodensee noch einen prominenten Ort. Da könnten wir das Denkmal aufstellen. Aber ich glaube an Stuttgart, und da gehört es auch hin.“

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