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Berliner Theatertreffen 2018 - zehn Inszenierungen eingeladen Die im Dunkeln sieht man nicht

Kommentar am 31.1.2018 von Eva Marburg

Die begehrten Einladungen zum Berliner Theatertreffen 2018 sind heraus. Aus über 400 Inszenierungen hat die Jury die "zehn bemerkenswertesten Inszenierungen" des vergangenen Theaterjahrs gekürt. Es wird ein Theatertreffen der Großspieler, eine Schau der großen Häuser, der Stars und der monumental angelegten Gesamtkunstwerke. Ein Kommentar von Eva Marburg.

Ein Sieg der großen Häuser

Ausschließlich die deutschsprachigen Theaterhauptstädte wie Hamburg, Berlin, München, Wien, Zürich und Basel dürfen der Einladung im Mai folgen.

SWR2-Redakteurin und Theaterkritikerin Eva Marburg

SWR2-Redakteurin und Theaterkritikerin Eva Marburg

Geringste Überraschung ist die Einladung der umjubelten Inszenierung „Faust“ von Frank Castorf, übrigens schon seine 15. Einladung, mit der er letztes Jahr seine Intendanz an der Volksbühne in Berlin mit einem siebenstündigen Knall beendete.

Und noch ein Denkmal für Castorf

Dass seine Abschiedsinszenierung den Zuschlag bekam - und nicht Susanne Kennedys „Women in Trouble“ unter der neuen Volksbühnenleitung von Chris Dercon - beweist auch, dass man dem Theaterdompteur Castorf hier noch einmal ein zusätzliches Denkmal setzen wollte.


Im letzten Jahr wurden Stimmen laut, dass die Auswahl zu wenig Frauen in der Regie berücksichtige. Hier konnte sich die Jury zumindest von einer auf zwei Einladungen steigern. Doch man kann auch keine Regisseurin einladen, wenn sie an deutschen Theatern kaum inszenieren.

Karin Beier: Feministisches Ausrufezeichen

Karin Beier wird ihre Inszenierung „Beute, Frauen, Krieg“ aus Zürich zeigen, eine feministische Auseinandersetzung mit Krieg aus konsequent weiblicher Sicht. Die 1989 geborene Theatermacherin Anta Helena Recke ist mit ihrer Neuinszenierung von „Mittelreich“ eingeladen.

Die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Karin Beier.

Die Intendantin des Deutschen Schauspielhauses in Hamburg, Karin Beier.

Diese vielleicht politischste Einladung des Jahres geht an eine Inszenierung ausschließlich mit schwarzen Schauspielerinnen und Schauspielern, die damit den Repräsentationsraum des deutschsprachigen Theaters auf den Prüfstand stellt: Wer darf auf den Bühnen sprechen und erzählen? Wer wird angesehen, welchen Themen und Geschichten überhaupt Gehör verschafft?

Integration einmal umgesetzt - nicht bloß gefordert

Das ist ein auch ein deutlicher Kommentar zur Integration - die gerade von Kulturinstitutionen immer lautstark gefordert, selbst jedoch in den wenigsten Fällen geleistet wird.

Mit Antú Romero Nunes und seiner Inszenierung von der „Odyssee“ am Thalia Theater Hamburg ist neben Recke zumindest ein zweiter verspielter Nachwuchsregisseur zum Theatertreffen eingeladen, unter den ansonsten so namhaften Platzhirschen wie Thomas Ostermeier, dessen internationale Koproduktion „Rückkehr nach Reims“ mit Nina Hoss gezeigt werden wird, oder Falk Richter und Christopher Rüping.



Hang zur Wiederholungstat

Ihren Hang zur Wiederholungstat offenbart die Jury auch mit der erneuten Einladung des Regisseurs Ulrich Rasche, der letztes Jahr mit den „Räubern“ vertreten war. Dieses Jahr kommt er mit „Woyzeck“ aus Basel, wieder mit einer deterministischen Maschinenwelt, in der die Menschen in Ketten liegen und im Weltlauf mitmarschieren müssen.

Die Auswahl spiegelt in Teilen eine Orientierung zu überwältigungsästhetischen Formen, allemal bei Rasche, Castorf und Richter, aber auch in der Einladung der Radikalästheten Vegard Vinge und Ida Müller mit ihrem „Nationaltheater Reinickendorf“, einem zwölfstündigen, dionysischen Theaterparcours.

Joachim Meyerhoff im März bei einer Probe des Stücks "Die Welt im Rücken"

Joachim Meyerhoff im März bei einer Probe des Stücks "Die Welt im Rücken" nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Melle im Akademietheater in Wien.

Glückliche Ausnahme: "Die Welt im Rücken" von Jan Bosse

Eine glückliche Ausnahme bildet im Gegensatz dazu der schlichte und dabei intensivste Theaterabend „Die Welt im Rücken“ von Jan Bosse. Der begnadete Schauspieler Joachim Meyerhoff erspielt in einem ebenso zarten wie brachialen Soloabend die verschiedensten Stadien und Zustände eines manisch-depressiven Menschen und macht das Theater zu einem emotionalen Erfahrungsraum, wie es so lange nicht mehr zu erleben war.

Wieder keine Einladung für kleinere Theater

Was wieder im Dunkel bleibt, sind die Produktionen der sogenannten Provinz, der freien Szene und Entdeckungen im Nachwuchsbereich. Der allgemeine Trend zur Eventisierung des Theaters, der Groß- und Koproduktionen der ohnehin schon gut ausgestatten Häuser wird in der Auswahl abgebildet und macht auch dieses Theatertreffen zu einem Blockbuster-Ereignis für Theatergenießer.

Was die Unsichtbarkeit der kleinen Theaterhäuser und ihrer Leistungen auf lange Sicht bedeutet, wird man hoffentlich nicht erst absehen, wenn sie, wie teilweise in Mecklenburg im großen Stil schon geschehen, ihre Türen schließen müssen.


Die zum Theatertreffen 2018 eingeladenen Inszenierungen


  • „Am Königsweg“ von Elfriede Jelinek (Regie Falk Richter | Deutsches Schauspielhaus Hamburg)
  • „BEUTE FRAUEN KRIEG“ Ein Zyklus im Schiffbau (Regie Karin Henkel | Schauspielhaus Zürich)
  • „Die Odyssee. Eine Irrfahrt nach Homer“ (Regie Antú Romero Nunes | Thalia Theater, Hamburg)
  • „Die Welt im Rücken“ nach dem Roman von Thomas Melle (Regie Jan Bosse | Burgtheater, Wien)
  • „Faust“ nach Johann Wolfgang von Goethe (Regie Frank Castorf | Volksbühne Berlin)
  • „Mittelreich“ Musiktheater nach dem Roman von Josef Bierbichler (Konzept und Regie Anta Helena Recke | Münchner Kammerspiele)
  • „Nationaltheater Reinickendorf“ von Vegard Vinge / Ida Müller (Nationaltheater Reinickendorf, Berlin. Produktion Vinge/Müller & Berliner Festspiele/Immersion)
  • „Rückkehr nach Reims“ nach dem gleichnamigen Roman von Didier Eribon (Regie Thomas Ostermeier | Schaubühne am Lehniner Platz, Berlin)
  • „Trommeln in der Nacht“ von/nach Bertolt Brecht (Regie Christopher Rüping | Münchner Kammerspiele)
  • „Woyzeck“ Schauspiel von Georg Büchner (Regie Ulrich Rasche | Theater Basel)
  • Jury: Margarete Affenzeller, Eva Behrendt, Wolfgang Höbel, Andreas Klaeui, Dorothea Marcus, Christian Rakow und Shirin Sojitrawalla

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