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Das Beste aus 2017: "Babylon Berlin" - Koproduktion von ARD und Sky Swing, Sex und Revoluzzer

Kulturthema am 13.10.2017 von Karsten Umlauf

"Babylon Berlin" ist für SWR2 die beste Filmserie des Jahres. Zugleich ist das Werk über das Berlin der 20er Jahre die teuerste deutsche Fernsehserie aller Zeiten. Sie geht jedoch über Klischees weit hinaus. Die Regisseure und Autoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten haben mit ungewöhnlich üppiger Ausstattung eine außergewöhnliche Fernseherzählung geschaffen. Endlich einmal eine deutsche Serie auf der Höhe internationaler Produktionsstandards.

Berlin ist lasziv und gefährlich. So wollen es die Werbebilder für die Serie "Babylon Berlin" vermitteln: draußen schummerige Gaslaternen, drinnen Sodom und Gomorrha. Sex & Crime sind in der kollektiven Vorstellung von den verruchten 20er Jahren verankert, all das bedient die Serie auch und dennoch geht sie weit über das Klischee hinaus. Alkoholschmuggel und organisiertes Verbrechen, Menschen im Tanzrausch, treibende Swingrythmen, Wimperntusche und Schiebermütze. Und mittendrin Kommissar Gereon Rath, neu in Berlin, weil abgeordnet von der Kölner Polizei, angeblich um einem deutschlandweiten Pornoring auf die Schliche zu kommen.

Vielstimmiger Kessel von Ideen, Zukunftsängsten und Erinnerungen an den 1. Weltkrieg

Berlin, der ultimative Sündenpfuhl der Zeit? Ja, aber so wie es Autor Volker Kutscher in der Romanvorlage "Der nasse Fisch" schon angelegt hat, ist die Stadt vor allem der vielstimmige Kessel, in dem die verschiedensten Ideen, Moden und Zukunftsängste hochkochen. Da ist einmal die Erinnerung an den 1. Weltkrieg, die vielen, auch Gereon Rath noch im wahrsten Sinn in den Knochen stecken.

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Ab 13.10 auf Sky und Ende 2018 im Ersten

Babylon Berlin von Tom Tykwer, Henk Handloegten und Achim von Borries

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Berlin, im Frühjahr 1929: Eine Metropole in Aufruhr. Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt - alles befindet sich in radikalem Wandel.

Berlin, im Frühjahr 1929: Eine Metropole in Aufruhr. Ökonomie und Kultur, Politik und Unterwelt - alles befindet sich in radikalem Wandel.

Spekulation und Inflation zehren bereits an den Grundfesten der immer noch jungen Weimarer Republik.

Wachsende Armut und Arbeitslosigkeit stehen in starkem Kontrast zu Exzess und Luxus des Nachtlebens und der nach wie vor überbordenden kreativen Energie der Stadt.

Gereon Rath (Volker Bruch), junger Kommissar aus Köln, wird nach Berlin versetzt, um den Kriminalfall eines von der Berliner Mafia geführten Pornorings zu lösen.

Was auf den ersten Blick eine simple Erpressung zu sein scheint, entpuppt sich bald als Skandal, der Gereons Leben und das seiner engsten Vertrauten für immer verändern wird.

Zusammen mit der Stenotypistin Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) und seinem Partner Bruno Wolter (Peter Kurth) sieht sich Rath einem Dschungel aus Korruption, Drogen- und Waffenhandel gegenüber, der ihn in einen existentiellen Konflikt zwischen Loyalität und Wahrheitsfindung zwingt. Denn wer ist Freund, und wer ist Feind in dieser Geschichte?

Selbst eine Institution wie die „Rote Burg”, das Polizeipräsidium von Berlin und Zentrum des Rechtsstaates und der Demokratie, wird in den politischen Unruhen zwischen kommunistischer Maidemonstration und aufkommendem Nationalsozialismus immer mehr zum Schmelztiegel einer umkämpften Demokratie.

BABYLON BERLIN ist die erste deutsche TV-Serie, die die politische Entwicklung der Weimarer Republik in allen Facetten und Gesellschaftsschichten erzählt.

Mit den Augen eines jungen Kommissars aus Köln blicken wir hinter die Kulissen der „Golden Zwanziger“.

"In den 20er Jahren ist Partystimmung: Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sind die Väter nicht zuhause, und die Söhne und Töchter tanzen auf den Tischen. Möglich ist dies durch die Abwesenheit von Autorität, wie in Berlin nach dem Mauerfall. Aber dann, gegen Ende der Zwanziger, geht es immer mehr Leuten zu schnell, die Welt wird zu verwirrend, zu unübersichtlich und der Ruf nach der eisernen Faust wird lauter und lauter. Im Laufe unserer Arbeit an BABYLON BERLIN glich sich die Welt immer mehr dieser Stimmung an. Unsere Serie ist von zwingender Aktualität." Regisseur Henk Handloegten (l.) - im Bild mit den beiden anderen Regisseuren Tom Tykwer (m.) und Achim von Borries (r.)

Eine Serie prallvoll mit Geschichten: Kommunistische Umsturzpläne, russische Agenten und Kommissare, die in ihrer Haltung oftmals noch mehr an eine schlagende Verbindung erinnern als an abgebrühte moderne Ermittler. Berlin brummt, überall entsteht Neues aber ein Großteil der Bevölkerung ist doch bettelarm, lebt auf engstem Raum. So wie die junge Charlotte Ritter, die tageweise bei der Polizei als Sekretärin aushilft und sich abends im Nachtclub mit älteren Herren noch etwas dazuverdient, um Eltern, Schwestern und Schwager über die Runden zu bringen.

Liv Lisa Fries und Volker Bruch sind in den Hauptrollen grandios besetzt, sie sind noch unbekannt genug, um voll mit der Rolle zu verschmelzen und ziehen einen mit ihrer Mischung aus Jugendlichkeit, Geheimnis und Melancholie schnell in ihren Bann.

Außergewöhnliches Stadt- und Gesellschaftsportrait

Mit "Babylon Berlin" haben die drei Regisseure und Autoren Tom Tykwer, Achim von Borries und Hendrik Handloegten mit ungewöhnlich üppiger Ausstattung eine außergewöhnliche Fernseherzählung geschaffen: kein geglättetes Stück History-TV, sondern ein nervöses aufgekratztes Stadt- und Gesellschaftsportrait, dem die Unsicherheit, die Mischung aus Aufbruch- und Endzeitstimmung aus allen Poren dringt. Auch das einer der Gründe, warum die Weimarer Epoche so bestürzend nah an unserer Gegenwart zu liegen scheint

Endlich einmal eine deutsche Serie mit einem aufregenden Plot

Leicht und klug dosiert werden filmische Mittel der 20er Jahre eingestreut, von der sich öffnenden Irisblende bis zum expressionistischen Farbenspiel. Aber nicht nur deswegen ist "Babylon Berlin" endlich einmal eine deutsche Serie, die internationalen Produktionsstandards nicht hinterherhecheln muss, sondern einen aufregenden Plot souverän erzählt. Weltoffen und kratzbürstig, also unverwechselbar berlinerisch. Die, die angesichts dessen von Gebührenverschwendung schwadronieren, sind die gleichen die im nächsten Atemzug dem deutschen Fernsehen einen desaströsen Zustand konstatieren. Beides ist falsch. Nur der ARD-Sendetermin erst Ende 2018 scheint bei dieser Vorzeigeproduktion viel zu spät und geht leider an den schnell getakteten Sehgewohnheiten der meisten Serienfans vorbei.

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