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"Mumien - Geheimnisse des Lebens" in Mannheim Die Wiedererweckung der Mumien

Von Eberhard Reuß am 14.9.2018

Es ist eine beispiellose Erfolgsgeschichte: über drei Millionen Menschen haben die erste, gut zehn Jahre alte Mannheimer Mumien-Schau auf ihrer weltweiten Tournee gesehen. Jetzt kehrt sie in die Reiss-Engelhorn-Museen zurück - ergänzt um neue Forschungsergebnisse: Die aus Ägypten, Lateinamerika, Asien und Europa stammenden Mumien wurden mit Hilfe von Kernspintomografen regelrecht durchleuchtet. Das verschafft den Forschern völlig neue Einsichten in die Lebensgeschichten der Toten.

Geheimnisse der Mumien mit Kernspintomografie entschlüsseln

100 Exponate, darunter 50 Originalmumien von Menschen und Tieren werden im ersten Obergeschoss des Mannheimer Zeughauses präsentiert. Das letzte Objekt der Ausstellung ist gerade aus dem Luxemburger Nationalmuseum eingetroffen.

Der Kopf einer Mumie mit rötlichem Haar, etwa 2.000 Jahre alt. Zu Lebzeiten eine Frau, die im Alter von 30 Jahren Opfer eines Verbrechens wurde. Herausgefunden haben das Michel Polfer und Kuratorin Stephanie Zesch mit Hilfe moderner Kernspintomografie.

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"Mumien - Geheimnisse des Lebens" in den Reiss-Engelhorn-Museen

Wie Mannheimer Mumien zu sprechen beginnen

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"Mumien, die Erhaltung längst verstorbener Körper, mit Haut und Haaren, erkennbaren Gesichtszügen und Körperdimensionen, sind eine Urfaszination für uns Menschen", sagt der Leiter des "German Mummy Projekts", Wilfried Rosendahl, zur Ausstellung "Mumien - Geheimnisse des Lebens" in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (ab dem 16. September). Hier: Rosendahl (links) bei der Computertomographie-Untersuchung einer weiblichen Mumie an der Universitätsmedizin Mannheim.

"Mumien, die Erhaltung längst verstorbener Körper, mit Haut und Haaren, erkennbaren Gesichtszügen und Körperdimensionen, sind eine Urfaszination für uns Menschen", sagt der Leiter des "German Mummy Projekts", Wilfried Rosendahl, zur Ausstellung "Mumien - Geheimnisse des Lebens" in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim (ab dem 16. September). Hier: Rosendahl (links) bei der Computertomographie-Untersuchung einer weiblichen Mumie an der Universitätsmedizin Mannheim.

"Knochenreste können zwar einiges verraten", so Rosendahl über die Arbeit der Archäologen. "An Knochen kann ich erkennen, wie groß jemand war, Mann oder Frau, an Zähnen kann ich viel herausfinden, zum Beispiel über Krankheiten. Kommt aber die Weichteilerhaltung dazu, erhaltene Muskultatur, innere Organe, Fingernägel, Haare, dann erweitert sich mein Forschungsspektrum. Mit modernsten Analysemethoden erfahre ich noch mehr über Ernährung, Drogenkonsum, Krankheiten, die wir nur über genetische Spuren nachweisen können."

"Mit speziellen Röntgenmethoden lassen sich Oberflächenstrukturen sichtbar machen", erläutert der Leiter der Ausstellung. "Wir haben eine Mumie in der Ausstellung, die eine Ganzkörperbalsamierung zeigt. Diese Mumie ist nicht aus Ägypten, sondern aus Südamerika. Sie hält etwas in den Händen. 2007 konnten wir noch nicht genau sagen, was es ist. Jetzt zeigen wir diese Mumie wieder in der Ausstellung und wissen, was sie in den Händen hält, denn wir konnten über die Tomographie den Ausschnitt der Hände herausnehmen und auf einen 3-D-Drucker bringen. Und es hat sich gezeigt: es sind Milchzähne von Kindern. Das Aufbewahren von Milchzähnen kennen viele Eltern und Großeltern - das bringt uns die Menschen dieser Vergangenheit schnell unglaublich nahe." - Auf dem Bild die Weibliche Mumie/Peru, Präkolumbisch, 15. Jh.

Auf diese Weise, so Wilfried Rosendahl, werde die erneuerte Ausstellung viele Geheimnisse des Lebens sichtbar machen. "Wir können einen Mord im alten Ägypten vor 2.000 Jahren zeigen, wir zeigen, was mit Moorleichen passiert ist, aber wir zeigen auch Tiermumien, die uns sagen, wie es vor rund 30.000 Jahren in der Eiszeit gewesen ist." - Auf dem Bild: Aktuelle computertomographische Untersuchungen zeigen einen detaillierten Blick ins Innere einer ägyptischen Kindermumie (rechts: Rekonstruktion).

Kindermumie mit künstlicher Kopfdeformation und Balsamierungsspuren, Peru. Präkolumbisch, 1270-1400 n.Chr.

Das "German Mummy Project" werde weitergehen, freut sich der Direktor an den Reiss-Engelhorn-Museen. "Mittlerweile forschen wir an über 150 Mumien weltweit. An zahlreichen anderen Museen und Instituten sind wir als Kooperationspartner tätig. Mumienforschung ist etwas Internationales. Wir arbeiten zusammen mit den Katakomben in Palermo ebenso wie an ägyptischen Mumien in Berlin oder Turin. Wir haben uns mit der Ausstellung etabliert." - Auf dem Bild: Mumienkopf eines Mannes mit Bandagenresten/Ägypten 200 v.Chr. bis 70 n.Chr., Ptolemäerzeit bis Römerzeit.

"In der Ausstellung", ergänzt Wilfried Rosendahl, "zeigen wir auch nicht nur die Mumien, sondern bieten in speziell gestalteten Bereichen auch Laboreinblicke: als ob Sie durch die Glastür in ein Labor schauen könnten. So wollen wir Besuchern auch die Methoden näherbringen, mit denen wir die Geschichten über die Mumien ans Tageslicht holen." - Auf dem Bild: Kindermumie, Senckenberg Museum Frankfurt/M. Kurz nach Erfindung der Röntgenstrahlen wurde die bandagierte Kindermumie aus Ägypten 1896 als erste Mumie geröntgt.

"Das Paar von Weerdinge". Zwei männliche Moorleichen, Bourtanger Moor, Niederlande 40 v.Chr-50 n.Chr

Eine behutsame Präsentation der Mumien sei wichtig, betont Wilfried Rosendahl. "Wir inszenieren nichts", so der Leiter der Ausstellung. "Wir haben keine akustische Begleitung, eine zurückhaltende Raumgestaltung in Farbigkeit und Licht, wir zeigen alle Mumien so, wie sie sind: ungeschönt. Wir zeigen sie in restaurierter Form. Dann darf der Mensch auch Teil des Wissens sein für den Menschen von heute." - Auf dem Bild: Eine Mumiengruppe Frau und zwei Kinder, Südamerika, andine Küstenregion, Präkolumbisch, 12.-14. Jh.

Mumienkopf einer Frau aus Ägypten (vermutl. Theben, heutiges Luxor), Römerzeit, 17 v.Chr-125 n.Chr

Medizin und Forensik machen aus Mumien sprechende Zeitzeugen

Mit den Mitteln von Medizin und Forensik werden aus den Mumien sprechende Zeitzeugen. Das weckt Neugier – und schafft Nähe. Auch weil die Resultate der Forschungen und erst recht die Exponate dezent präsentiert werden. Wie vor zehn Jahren zeichnet immer noch Wilfried Rosendahl verantwortlich für das Projekt, das nun mit weiteren Fundstücken und Befunden ergänzt worden ist.

Eine sensationelle Ausstellung ohne Sensationsgier

„Mumien – Geheimnisse des Lebens“ ist eine sensationelle Ausstellung, die aber nicht die Sensationsgier befriedigen will. Es wird respektvoll umgegangen mit den heiklen Exponaten. Auf der Höhe ethischer Standards für Museumspräsentationen. Es geht um Aufklärung, wie weltweit verbreitet das Phänomen der Mumifizierung von Toten war.

Das deutsche Mumienprojekt wird weitergeführt

Dabei geht es zwangsläufig stets um die letzten Dinge. Den ewigen Traum der Menschen, den eigenen Tod zu überwinden. Große Hoffnungen – und die traurigen, tragischen Schicksale, von denen all diese Mumienfunde Zeugnis ablegen.

Weltweit haben in den letzten zehn Jahren mehr als drei Millionen Besucher die Mannheimer Mumienschau gesehen. Die Reise ist mit der Rückkehr in die Reiss-Engelhorn-Museen nicht abgeschlossen. Das „German Mummy Project“ von Wilfried Rosendahl hat noch viel zu tun.


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