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Ausstellung Feministische Kampfansagen von Miriam Cahn in Bern

Von Christian Gampert

Zu ihrem 70. Geburtstag würdigt das Kunstmuseum Bern die politische Künstlerin und Feministin Miriam Cahn mit einer großen Ausstellung, die alle Werkphasen ihrer hochexpressiven Malerei umfasst. „Ich als Mensch“ heißt die Werkschau von Cahn, die auch bei der letzten „documenta“ in Athen und Kassel zu Gast war.

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Ausstellung

Bilder von Miriam Cahn im Kunstmuseum Bern

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Zwei Themen stehen im Mittelpunkt dieser Ausstellung: Sex und Politik. In den monumental weiten Räumen des Berner Kunstmuseums hat die Künstlerin ihre Werke selbst gehängt. Vor allem im Parterre ist das grandios gelungen: in zwei kleineren Räumen sehen wir wilde, expressive Aktmalerei, monströse Frauenakte zumeist, gesichtslose Mutter-Kind-Bilder, aber auch Szenen, die das Gewalttätige der Sexualität betonen.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, rufen, 26.01.2017. Pastell auf Papier, 57 x 83 cm.

Zwei Themen stehen im Mittelpunkt dieser Ausstellung: Sex und Politik. In den monumental weiten Räumen des Berner Kunstmuseums hat die Künstlerin ihre Werke selbst gehängt. Vor allem im Parterre ist das grandios gelungen: in zwei kleineren Räumen sehen wir wilde, expressive Aktmalerei, monströse Frauenakte zumeist, gesichtslose Mutter-Kind-Bilder, aber auch Szenen, die das Gewalttätige der Sexualität betonen.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, rufen, 26.01.2017. Pastell auf Papier, 57 x 83 cm.

In den großen Sälen dann Bilder zur Migration: einsame, verlorene Menschen am Strand, Fliehende, Besitzlose, Nackte, Ertrinkende.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, am strand, 14.12.2016. Pastell auf Papier, 74 x 70 cm.

Seltsamerweise ist die Farbigkeit, die satte Bläue des Meers, in das die Ertrinkenden hinabtauchen, ästhetisch durchaus verführerisch. Die bleichen Leiber der Migranten bilden dazu einen Gegenpol. „Mare Nostrum“ heißt diese Serie (nach der italienischen Seenot-Rettungsaktion), aber das ist pure Ironie: „unser Meer“, wie die Römer den von ihnen besetzten Mittelmeer-Raum nannten, ist das schon lange nicht mehr.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, meine rechte ist meine linke, 22.08.2017. Öl auf Holz, 36 x 30 cm.

Die Werke von Miriam Cahn haben alle einen appellativen, moralischen und politisch natürlich völlig folgenlosen Impetus. Aber man muss unterscheiden: zwischen den leicht unterkomplexen Selbsterklärungen der Künstlerin, die genau weiß, wer schuld ist am Sterben im Mittelmeer – und dem malerischen Duktus der Bilder, die, besonders in den gesichtslosen, traurigen Porträts, enorm viel von der Entfremdung in den modernen Gesellschaften erzählen.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, meredith grey (gestern im TV gesehen), 15.7.2015. Öl auf Holz, 26 x 28 cm.

Der Prozess des Malens selbst ist für Miriam Cahn eine Art performativer Akt, meditative Versenkung und Ekstase gleichzeitig. Hineintauchen ins Werk, arbeiten, wieder raus.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, o.t., 18.04.2017. Aquarell auf Papier, 27,5 x 25,5 cm.

Innerhalb von wenigen Stunden ist ein Bild fertig, egal, ob Klein- oder Großformat, ob Ölbild oder Zeichnung. Miriam Cahn: „Die Idee, der Umgang kommt aus den 1970er Jahren. Auch die ersten Performances kommen aus dieser Zeit. Und ich hatte das Glück, mit diesen Leuten auch reden zu können. Die sind nach Basel gekommen und haben dort auch ausgestellt.“

Auf dem Bild: Miriam Cahn, haus, 2017. Öl auf Holz, 100 x 143 cm.

Gemeint sind mit den ersten Kontakten in Basel Künstler wie Vito Acconci und Jochen Gerz, aber auch Valie Export. Von ihnen hat Miriam Cahn etwas über Produktionsprozesse gelernt, wenngleich bei Cahns Bildfindungen natürlich kein Publikum im Atelier ist.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, liebenmüssen, 30.05.2017. Pastell auf Papier, 60 x 83 cm.

Ihre Selbsterkundung führt Miriam Cahn aber schon früh zu einer radikal feministischen Haltung: Sie wolle „Frau sein und wie ein Mann leben“, „niemals niemandem dienen“, „nie gattin mutter muse freundin partnerin werden wollen sein“, heißt es in Cahns Buch „Das zornige Schreiben“, das jetzt erscheint.

Miriam Cahn, Porträt.

Der Ausstellungstitel „Ich als Mensch“ zeigt, dass Cahn sich dabei in der Schweiz nicht gut aufgehoben fühlt. „Ich als Mensch“ sei eine Kampfansage, so die Künstlerin. „Rechtlich ist die Gleichberechtigung verankert, aber es funktioniert nicht. Und darüber rege ich mich mit 70 natürlich wahnsinnig auf. Bitte nehmt doch endlich mal wahr: auch ich bin ein Mensch. Das ist die Kampfansage.“

Auf dem Bild: Miriam Cahn, gezeichnet, 22.02.2017. Öl auf Holz, 160 x 90 cm.

Das Irritierende an vielen von Cahns Bildern ist, dass man nicht weiß, ob sie ein Wutausbruch oder ein Hilferuf sind. All diese leeren, zum Schrei verzogenen Gesichter (wie bei Edvard Munch), diese auseinanderfließenden Figuren (wie bei Marlene Dumas) – das macht Effekt, das trifft. Es ist eine Gegenwarts-Diagnose, vielleicht aber auch eine Selbst-Diagnose der Künstlerin. Insofern ist diese – auch – gewalttätige Schau eine Herausforderung für das Publikum, der man sich stellen sollte.

Auf dem Bild: Miriam Cahn, o.t., 14.12.2017. Aquarell auf Papier, 34 x 44 cm.

3:40 min | Do, 21.2.2019 | 6:00 Uhr | SWR2 am Morgen | SWR2

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Feministische Kampfansagen von Miriam Cahn in Bern

Christian Gampert

Zum 70. Geburtstag würdigt das Kunstmuseum Bern die politische Künstlerin und Feministin Miriam Cahn mit der großen Ausstellung "Ich als Mensch", die hochexpressive Bilder zeigt.


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