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Ausstellung in Karlsruhe „Licht und Leinwand“ - wie Fotografen von den Malern lernten

Von Kathrin Hondl

Kaum etwas ist heute banaler als Fotografieren. Eine faszinierende Ausstellung in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe führt jetzt zurück in die Zeit, als die Fotografie aufregend neu war – ins 19. Jahrhundert. Und zeigt unter dem Titel „Licht und Leinwand“, dass die Fotografie von der Malerei stärker beeinflusst war als angenommen.

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Ausstellung

Bilder zu "Licht und Leinwand" in der Kunsthalle Karlsruhe

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Die Fotografie war ein Schock für die Bilderwelt des 19. Jahrhunderts. Und ein Zitat gleich am Anfang der Ausstellung verdeutlicht das Ausmaß der Erschütterung: „Wer wird künftig malen“, fragte die Wiener Satirezeitschrift Der Humorist, „wenn das Daguerrotyp alle Bilder der Welt heißhungrig verschlingt?“

Auf dem Bild: Wilhelm Carl Friedrich Bandelow, Selbstbildnis, 1902.

Die Fotografie war ein Schock für die Bilderwelt des 19. Jahrhunderts. Und ein Zitat gleich am Anfang der Ausstellung verdeutlicht das Ausmaß der Erschütterung: „Wer wird künftig malen“, fragte die Wiener Satirezeitschrift Der Humorist, „wenn das Daguerrotyp alle Bilder der Welt heißhungrig verschlingt?“

Auf dem Bild: Wilhelm Carl Friedrich Bandelow, Selbstbildnis, 1902.

So dramatisch wurde es bekanntlich nicht. Totgesagte leben länger – und die Malerei, deren Tod ja auch später noch oft verkündet werden sollte, ist da ein Präzedenzfall. Sie behauptete sich nämlich überraschend tapfer und bewies schon vor der Medienrevolution Fotografie ihre ganz eigene revolutionäre Kraft.

Auf dem Bild: Charles Nègre, Der Leierkastenspieler, 1853.

Kuratorin Leonie Beiersdorf: „Die Ausstellung möchte betonen, dass in der Malerei bereits ganz viele Prinzipien sichtbar werden, bevor die Fotografie überhaupt erfunden wurde. Prinzipien, die wir heute aber der Fotografie zuschreiben würden. Etwa ein ganz radikaler Bildausschnitt. Oder ein ganz naher Fokus. Das zeigt sich bei uns in der Ausstellung mit den Ölstudien Johann Wilhelm Schirmers an der normannischen Küste.“

Auf dem Bild: Johann Wilhelm Schirmer, Wolkenstudie, wohl 1855/60.

Tatsächlich überraschen diese Ölskizzen des Felsenstrandes von Etretat aus dem Jahr 1836. Drei Jahre vor der Erfindung der Daguerrotypie präsentieren sie ungewöhnliche Perspektiven auf Wellen und Felsen, die wirken als habe der Maler da mal eben mit der Smartphone-Kamera rangezoomt – extrem realistische, fast schon illusionistische Darstellungen der Natur bis in die kleinsten Details von Gischt und Steinformationen.

Auf dem Bild: Johann Wilhelm Schirmer, Kahle Hochgebirgslandschaft, 1837. Oel auf Leinwand, 26,5 x 38 cm.

Die Fotografie hatte es da sichtbar schwerer. Gegenüber von Schirmers Ölskizzen hängen zwei Meerlandschaften von Gustave Le Gray. Der Franzose war ein Pionier der künstlerischen Fotografie. Er erfand eine neue Methode und kombinierte zwei Negative – kurz belichtet für das Meer, lang belichtet für den Himmel. So gelang es Le Gray, der übrigens Malerei studiert hatte, Wellen und Wolken so dramatisch wie in gemalten Seestücken abzubilden.

Auf dem Bild: Gustave Le Gray, Brig Upon the Water, 1856.

„Die Fotografie wurde sehr stark von der Malerei beeinflusst“, so Kuratorin Leonie Beiersdorf. „Viele der frühen Fotografen waren ursprünglich als Maler ausgebildet. Und was sie in Sachen Bildkomposition, Motivauswahl und Dramaturgie gelernt haben, konnten sie tatsächlich übertragen auf ihre fotografischen Werke.“

Auf dem Bild: Heinrich Kühn - Holländische Wäscherin, um 1900

In zehn Kapiteln spürt Leonie Beiersdorf in der Ausstellung dem spannungsreichen Dialog zwischen Fotografie und Malerei nach. Nicht nur Landschaftsbilder, auch Porträts, Aktmalerei, Blumenstilleben, Architektur- und Reisebilder werden einander gegenübergestellt. Und natürlich profitierten auch die Maler von den Möglichkeiten des neuen Mediums.

Auf dem Bild: Anselm Feuerbach, Ruhende Nymphe, 1870.

Landschafts- und Architekturaufnahmen zum Beispiel erleichterten vieles: Statt im Schweiße des Künstlergesichts - etwa im heißen Wüstensand des Nahen Ostens - „sur le motif“ Skizzen anzufertigen, konnten sich die Maler auf die Fotografen verlassen.

Auf dem Bild. Francis Frith, Sphinx und Große Pyramide in Gizeh, 1856/59.

Architektur war übrigens ein beliebtes Motiv der frühen Fotografen. Gebäude und Denkmäler hielten ja auch still und konnten nicht weglaufen, anders als Menschen oder Tiere. Sie waren also wie gemacht für die noch extrem langen Belichtungszeiten damals.

Auf dem Bild: Eadweard Muybridge - Motion Study #47: Study of an Animal in Motion, 1881

Bis die Fotografie allerdings selbst als eigenständige Kunstform Anerkennung fand, dauerte es eine ganze Weile. Leonie Beiersdorf: „Mitte des 19. Jahrhunderts musste es die Fotografie schaffen, mehr als nur die schnöde Wirklichkeit abzubilden. Sie hatte zum Ziel, die Wahrheit zu zeigen. Wahrheit ist all das, was sich hinter der Oberfläche, hinter dem Banalen verbirgt. Dann wurde ihr auch etwas Künstlerisches zugestanden.“

Auf dem Bild: Anonym, Bismarck im Atelier Franz von Lenbachs, drei Ansichten.

„Licht und Leinwand“ – Viele Fotografien der Ausstellung wurden im 19. Jahrhundert nicht als Kunstwerke angesehen. Dabei sind es vielleicht gerade die „nicht-künstlerischen“ Fotoexperimente, die heute besonders interessant sind. Zu sehen ist - neben Mondgestein - auch Unsichtbares, zum Beispiel die materialisierte Seele einer gewissen Eva C. Allein dafür lohnt sich der Besuch dieser faszinierenden Ausstellung.

Auf dem Bild: Paul Henry/Prosper Henry, Der Mond, ca. 1885.

3:45 min | Fr, 8.3.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Austellung in Karlsruhe

Wie Fotografen von den Malern lernten

Kathrin Hondl

Wie stark die Anfänge der Fotografie von der Malerei beeinflusst waren, zeigt die faszinierende Ausstellung „Licht und Leinwand“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.


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