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Staatsgalerie Stuttgart „Die jungen Jahre der Alten Meister“: Baselitz, Richter, Polke und Kiefer

Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer: Wie wurden sie zu den großen Meistern der Gegenwartskunst? Das will die Staatsgalerie Stuttgart zeigen und präsentiert 112 Frühwerke der Maler aus den 60er Jahren. In dieser Zeit hätten die Künstler fast alles entwickelt, was ihre Kunst später zur Marke machte, so die These der Ausstellung „Die jungen Jahre der Alten Meister“.

4:51 min | Do, 11.4.2019 | 22:45 Uhr | Kunscht! | SWR Fernsehen

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Ausstellung

"Die jungen Jahre der Alten Meister" in der Staatsgalerie Stuttgart

"Die jungen Jahre der Alten Meister" - Wie es die Staatsgalerie Stuttgart geschafft hat, Baselitz, Richter, Polke und Kiefer in einer Ausstellung zu versammeln!

Wie Götz Adriani die vier Maler zusammengebracht hat

Es könnte eine der erfolgreichsten Ausstellungen der Stuttgarter Staatsgalerie werden – in einer Zeit, in der Museen nicht mehr so viel Publikum erreichen, wie es einst Götz Adriani in der Kunsthalle Tübingen gelang.

Adriani ist der Kopf, der hinter dieser Ausstellung steht. Die Staatsgalerie hat ihn für ihre neue Ausstellung als Gastkurator ans Haus geholt.

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Staatsgalerie Stuttgart

Bilder zu "Die jungen Jahre der Alten Meister"

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Von Susanne Kaufmann

Ohne Kurator Götz Adriani, den langjährigen Leiter der Kunsthalle Tübingen (rechts), wäre diese Ausstellung nie zustande gekommen. Er hat Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer schon früh in Tübingen gezeigt und konnte sie auch vom aktuellen Konzept überzeugen. Bei Eröffnung der Ausstellung begleitete Adriani den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und dessen Frau Gerlinde, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender auf einem Rundgang durch die Ausstellung.

Von Susanne Kaufmann

Ohne Kurator Götz Adriani, den langjährigen Leiter der Kunsthalle Tübingen (rechts), wäre diese Ausstellung nie zustande gekommen. Er hat Gerhard Richter, Sigmar Polke, Georg Baselitz und Anselm Kiefer schon früh in Tübingen gezeigt und konnte sie auch vom aktuellen Konzept überzeugen. Bei Eröffnung der Ausstellung begleitete Adriani den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann und dessen Frau Gerlinde, Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender auf einem Rundgang durch die Ausstellung.

„Die Frühzeit dieser vier Maler“, so erläutert Adriani im Gespräch mit SWR2, „ihre 60er Jahre wurden noch nie in einer gemeinsamen Ausstellung gezeigt, obwohl sie der gleichen Generation angehören.“

Auf dem Bild: Anselm Kiefer in seinem Karlsruher Atelier zwischen 1968 und 1971.

Götz Adriani sei es dabei wesentlich um eine Frage gegangen: „Wie konnte die Kunst anstelle des vom Dichter Paul Celan beschworenen Tod zu einem Meister aus Deutschland werden? Diesen vier ist es gelungen, die Kunst zu einem Meister aus Deutschland zu machen, weil sie die gleichen Nachkriegserfahrungen hatten, letztlich die gleichen Kriegserfahrungen, und sich mit diesen Erlebnissen ihrer Zeit und ihrer Familie auseinander gesetzt haben, vor allem in den 60er Jahren.“

Anselm Kiefer: Glaube, Hoffnung, Liebe, 1973
Kohle, Collage, Hasenblut auf Rupfen, 298,5 x 281 cm,

Die Kunst als „Meister aus Deutschland“ zu bezeichnen, ist gewagt. Auch weil diese Formulierung eine gemeinsame Ebene mit dem herstellt, wovon sich die Maler gerade abzugrenzen suchten: vom Schrecken der deutschen Vergangenheit.

Gerhard Richter: Familie am Meer, 1964
Öl auf Leinwand, 125 x 130 cm (Das Familienporträt zeigt Gerhard Richters spätere Frau Ema als Mädchen und als vermeintlich harmlosen Familienvater Heinrich Eufinger, der als Gynäkologe während der Kriegsjahre Zwangssterilisationen in Dresden durchgeführt hatte).

Wuchtig kommen die gefallenen Helden von Baselitz daher, der von sich selber sagt, er sei nie darüber hinweg gekommen, dass er ein deutscher Maler sei.

Georg Baselitz: Ein Grüner zerrissen, 1967
Öl auf Leinwand, 131,5 x 162 cm

Kiefer spielte Seeschlachten in der Badewanne nach und reiste in den Uniformhosen seines Vaters nach Frankreich und Italien. Dort machte er auf leeren Plätzen den Hitlergruß, weil er wissen wollte, wie sich das anfühlt, und arbeitete das Erlebte dann in Gemälde um. Gerhard Richter malte Fotos ab, von denen man sehr viele kennt.

Anselm Kiefer: Heroisches Sinnbild VII, 1970
Öl auf Baumwolle, 119 X 158,5 x 3,5 cm

Kurator Götz Adriani über die Last der gemeinsamen Erfahrungen: „Ich habe Richter gefragt, wie er diese doch schuldbeladenen Regime des Nationalsozialismus und Kommunismus verarbeitet hat. Und da sagt er: Das beschäftigt mich mein ganzes Leben.“

Auf dem Bild: Gerhard Richter vor dem Atelier, Düsseldorf Fürstenwall 204, 1965.

Sigmar Polke, der als einziger der vier bereits gestorben ist, malte die heile Welt im Wirtschaftswunderland: Urlaubsfreundinnen, Würstchen aus der Dose und den Dürerhasen.

Sigmar Polke: Freundinnnen, 1965/66
Öl auf Leinwand, 150 x 190 cm,

Christiane Lange, Direktorin der Staatsgalerie, erklärt: „Es ist eine Ausstellung, die wir in der Rückschau als durchaus politisch wahrnehmen können. In diesem Jahr sind es 30 Jahre Mauerfall, wir feiern 70 Jahre Grundgesetz, und das Jahr 1968 wurde im letzten Jahr landauf, landab gefeiert. Wir sehen, wie wichtig dieses Jahrzehnt für die Bundesrepublik war.“

Gerhard Richter: Schwimmerinnen, 1965
Öl auf Leinwand, 200 x 160 cm

In der Staatsgalerie werden nun, in aneinandergereihten Kabinetten mit schönen Durchblicken, rund 100 Werke ausgestellt, in jeweils separaten Künstlerräumen. Das ist zum einen atmosphärisch dicht, aber auch ein wenig schlicht. Wie hinter vorgehaltener Hand geredet wird, waren es die Künstler selbst, die sich verbeten haben, dass ihre Werke durcheinander gewürfelt würden.

Georg Baselitz: Der Wald auf dem Kopf, 1969
Öl auf Leinwand, 250 x 190 cm

Götz Adriani will mit dieser Ausstellung noch einmal Kunstgeschichte schreiben. Eine wissenschaftliche Aufbereitung findet im Katalog indes nicht statt. Dort werden nur lange Gespräche abgedruckt, die er mit den Künstlern geführt hat.

Gerhard Richter: Schloß Neuschwanstein, 1963
Öl auf Leinwand, 190 x 150 cm

Wie stehen eigentlich Baselitz, Richter und Kiefer dazu, dass Adriani sie zusammen mit dem bereits verstorbenen Sigmar Polke als „Alte Meister“ tituliert? „Ich glaube, es hat ihnen allen dreien schon auch ein bisschen Spaß gemacht.“

Auf dem Bild: Sigmar Polke und Gerhard Richter, Düsseldorf, 1965.

Was einige Stimmen an dieser Ausstellung schon weit vor der Eröffnung kritisierten: dass sie nur Kunst von großen weißen Männern zeige. Es sei politisch nicht korrekt, solche Positionen heute noch zu feiern, ohne zugleich vernachlässigte Frauen in den Blick zu nehmen, die zeitgleich wirkten.

Anselm Kiefer: Du bist Maler, 1969
Mixed Media, 25 x 20 cm.

Muss die Kunstgeschichte tatsächlich so umgeschrieben werden, dass man verdiente Männer in die Ecke stellt, bloß wegen ihres Geschlechts? Werden als nächstes die Konzertprogramme kritisiert? Dürfen Werke von Mozart und Beethoven nur noch dann erklingen, wenn am selben Abend an eine vergessene Komponistin erinnert wird?

Auf dem Bild: Baselitz in seinem Atelier neben dem Frakturbild "Drei Streifen – Der Jäger", Osthofen, 1967.

3:48 min | Fr, 12.4.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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Ein Coup der Staatsgalerie Stuttgart: „Die jungen Jahre der Alten Meister“

Susanne Kaufmann

„Die jungen Jahre der Alten Meister“ über Baselitz, Richter, Polke und Kiefer könnte eine der erfolgreichsten Ausstellungen der Stuttgarter Staatsgalerie werden. Götz Adriani ist der Kopf, der hinter dieser Ausstellung steht. Die Staatsgalerie hat den früheren Leiter der Kunsthalle Tübingen für ihre neue Ausstellung als Gastkurator ans Haus geholt.

Deutsche Kunst nach dem Ende des Nationalsozialismus

Georg Baselitz, Gerhard Richter, Sigmar Polke und Anselm Kiefer sind die ganz Großen der deutschen Kunst seit den 60er-Jahren. Sie haben den Kunstbetrieb und die Wahrnehmung deutscher Kunst im Ausland entscheidend geprägt. Ihre Werke erzielen Höchstpreise.

Ausstellungskurator Götz Adriani, früherer langjähriger Direktor der Tübinger Kunsthalle, ist es gelungen, die vier Künstler in einer Ausstellung zusammenzubringen. Alle eint die intensive Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus - und die Frage, wie deutsche Kunst nach 1945 aussehen kann und darf.

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