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Kulturgespräch 23.7.2013 Reiseweltmeister China

Rainer Fugmann, Tourismusforscher an der Universität Eichstätt, über die Asiaten und ihren Einfluss auf den Tourismus des 21. Jahrhunderts

Am 24.7.2013 ist in Baden-Württemberg der letzte Schultag. Sechs Wochen Ferien liegen dann vor uns, und die Deutschen können mal wieder ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgehen - dem Reisen. Darin sind wir schließlich Weltmeister. Doch halt. Das stimmt nicht ganz. Darin waren wir Weltmeister, denn 2012 ging der Titel an China. Niemand gibt mehr Geld für Reisen aus als die Chinesen. Rund 100 Milliarden Dollar im vergangenem Jahr, Tendenz steigend. Zwar gehen die meisten Auslandsreisen der Chinesen noch nach Hong Kong oder Macao, aber auch Europa liegt zunehmend im Trend.

Chinesische Touristen besichtigen in Frankfurt am Main den Römerberg

Chinesische Touristen besichtigen in Frankfurt am Main den Römerberg

Rainer Fugmann, Tourismusforscher an der Universität Eichstätt, schreibt gerade seine Doktorarbeit über chinesische Touristen. Herr Fugmann, warum reisen die Chinesen eigentlich so gerne?

Da gibt es viele Gründe. An erster Stelle steht aber wohl, dass es lange nicht möglich war, ins Ausland zu reisen. Chinesen können tatsächlich erst seit 2003/04, seit es das bilaterale ADS-Abkommen gibt, als Touristen nach Europa reisen. Und diese Möglichkeit nutzen mittlerweile immer mehr Chinesen, zumindest die, die auch die finanziellen Mittel haben.

Ist Reisen ein Statussymbol in China?

Ein chinesisches Mädchen sitzt auf einem Gepäckwagen und lässt sich schieben.

Ankunft am Flughafen: Urlauber aus China

Ja, definitiv. Es gibt natürlich nach wie vor sehr viele Leute, die noch nicht im Ausland waren und für die zum Beispiel eine mehrtägige Europareise einen sehr hohen Status besitzt. Denn mit so einer Reise will man vor allem Verwandten, Bekannten und Freunden demonstrieren, was man erreicht hat. Anderseits gibt es auch immer mehr Individualreisende aus China, die Reisen mit etwas anderem verbinden. Die Reisen eben nicht nur als Status sehen, sondern auch als Erholung.

Und warum kommen Chinesen auch immer häufiger nach Europa? Was interessiert sie am meisten an Europa?

Europa ist sehr präsent in China. Chinesen machen sich ihr Bild von Europa über die Medien, vor allem aber über Filme. Und das nährt natürlich den Wunsch, selbst einmal dorthin zu reisen. Aber auch hier muss man differenzieren. Ein Großteil der Chinesen kommt als Gruppenreisende nach Europa, bei denen es vor allem darum geht, die Hauptattraktionen abzuklappern und viele Fotos zu machen. Es gibt aber auch chinesische Touristen, die ganz andere Dinge mit Europa verbinden. Beispielsweise ehemalige Studenten, die viel tiefere Einblicke in Europa bekommen haben und ganz individuelle Dinge mit Europa verbinden.

Auffallend ist aber doch, dass man Chinesen vor allem bei Sehenswürdigkeiten und in Museen antrifft, aber eigentlich nie am Strand. Woran liegt das? Sie sagten eben, dass Chinesen auf Reisen durchaus auch Erholung suchen. Ist das Nichtstun denn eine chinesische Eigenschaft?

Sicherlich nicht. Obwohl man sagen muss, dass mittlerweile sehr viele asiatische Stranddestinationen auch von chinesischen Urlaubern profitieren. Zum Beispiel Hainan in Südchina, wo Strandurlaub ganz groß geschrieben ist. Der Strandurlaub, so wie wir ihn kennen - sich in die Sonne legen und bräunen -, ist in China allerdings nicht üblich. Im Gegenteil. Es gibt Chinesen, die sich einen Ganzkörperanzug anziehen, um nicht braun zu werden, wenn sie an den Strand gehen. Das hängt damit zusammen, dass in China weiße Haut als Schönheitsideal gilt. Die Reisen, die nach Europa getätigt werden, sind in der Regel Bildungsreisen, um etwas Neues zu sehen und zu erleben. Da tritt die Erholung eher in den Hintergrund.

Wenn man davon ausgeht, dass die Tourismusbranche auch bei uns in Deutschland die Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts sein wird und sich in Zukunft immer mehr Asiaten den Traum vom Reisen erfüllen werden - wie sollte sich dann Europa auf die neuen Touristen und ihr Reiseverhalten einstellen? Muss es da Veränderungen geben?

Eine chinesische Touristin fotografiert eine  weitere im Innenhof des schneebedeckten Schlosses Neuschwanstein

Chinesische Touristinnen in Schloss Neuschwanstein

Es ist zunächst einmal wichtig, einem neuen Reisemarkt wie China ein klares Bild zu vermitteln: Wer oder was sind wir? Wofür stehen wir? Was haben wir zu bieten? Frankreich beispielsweise konzentriert sich ganz stark auf die Images Paris, Romantik, Wein. Die Schweiz hingegen setzt auf die Images Natur und Gesundheit. Und so muss eigentlich jede Destination ihr eigenes, unverwechselbares Image für diesen neuen Reisemarkt China ausbilden. Und dann geht es ins Detail. Ein wichtiger Punkt dabei ist die bewusste Auseinandersetzung mit den neuen Reisenden. Es wird viele Touristen geben, die zum Beispiel gerne in ein Museum gehen würden, aber einfach keinen Bezug zur Geschichte haben, keinen Bezug zu einem Gemälde. Das heißt, aufbereitete Materialen, vor allem auch in der jeweiligen Sprache, werden hier ausschlaggebend sein.

In London soll ja das erste chinesische Luxushotel entstehen, von Chinesen für Chinesen gebaut. Ist das der Trend der Zukunft? Erwarten Chinesen im Ausland heimisches Ambiente, etwa auch chinesisches Essen?

Ja, das ist tatsächlich ein Phänomen, das sehr präsent ist. Viele chinesische Reisegruppen gehen in chinesische Restaurants essen.

Und sind wahrscheinlich entsetzt, was wir hier unter chinesischem Essen verstehen.

Da haben Sie Recht. Das ist natürlich nicht das chinesische Essen, das sie gewohnt sind. Allerdings spielt bei der Entscheidung, vor allem in chinesische Restaurants zu gehen, auch der Preisfaktor eine Rolle. Die Veranstalter versuchen damit, die Reisekosten zu drücken, denn chinesische Restaurants sind eben günstiger als deutsche. Außerdem gilt deutsches Essen als sehr salzig und ist insofern gerade für Erstreisende, also unerfahrene Touristen, doch eher ungewohnt.

Müsste unser Angebot für chinesische Touristen ein bisschen chinesischer werden?

Das hängt ganz von der Reiseerfahrung des Einzelnen ab. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass die reiseerfahrenen Individualreisenden gerne auch mal etwas anderes probieren. Sie wollen wirklich in neue kulturelle Gegebenheiten eintauchen und das Chinesische auch mal beiseitelassen. Bei Primärreisenden, also Erstreisenden, ist es aber tatsächlich so, dass man ihnen entgegenkommen muss. Beispielsweise mit einem Wasserkocher auf dem Hotelzimmer oder einem warmen Frühstück. Umgekehrt geht es uns ja genauso. Als ich letztes Jahr mit einer Studentengruppe in China war, waren alle ganz erschrocken über das chinesische Frühstück, das eben eher unserem Mittag- oder Abendessen entspricht.

Europäer beschäftigen sich ja auch sehr intensiv mit der Frage, wie man sich im betreffenden Land korrekt verhält. Haben Chinesen auch diesen Drang zur kulturellen Anpassung?

Man kennt ja tatsächlich diese Berichterstattungen über das fehlende Benehmen chinesischer Reisender. Aber auch hier muss man differenzieren. Ich habe bereits die Individualreisenden erwähnt, die reiseerfahren sind und sich ernsthaft mit neuen Gegebenheiten auseinandersetzen wollen. Oder auch Chinesen, die für ein internationales Unternehmen arbeiten oder im Ausland studiert haben und wissen, wie man sich im Ausland verhält. Bei Gruppenreisenden sieht es natürlich anders aus, die kennen diese Regeln nicht. Für diese Reisenden gibt es allerdings eine Info-Broschüre der Regierung, in der genau beschrieben wird, was man im Ausland tun  soll und was nicht. Das heißt, es wird zumindest ein Bewusstsein dafür geschaffen, dass man sich in anderen Ländern anders verhält. Inwieweit der Einzelne sich daran hält, ist natürlich eine andere Sache.

Das SWR2 Kulturgespräch mit dem Tourismusforscher Rainer Fugmann führte Ulla Zierau am 23.7.2013 um 7.45 Uhr.