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Debatte um Tabu-Bruch im deutschen Rap Gegner mit Sprache vernichten

Interview am 19.4.2018 mit Murat Güngör

"Mein Körper ist definierter als von Auschwitz-Insassen", heißt es in krudem Deutsch bei Kollegah und Farid Bang. Die beiden Rapper waren trotz solcher antisemitischen Töne mit dem Echo-Musikpreis ausgezeichnet worden. Murat Güngör, früher selbst Rapper, heute Lehrer, Buchautor und Mitbegründer des antirassistischen Netzwerks "Kanak Attak", erklärt, der sogenannte "Battle-Rap" ziele darauf, eigene Gegner mit sprachlichen Mitteln zu vernichten.

Boxkampf mit Sprache

Das Prinzip des "Battle Rap" ist aus Sicht von Murat Güngör einfach: "Das ist wie ein Boxkampf, der nicht mit Fäusten praktiziert wird, sondern mit Sprache".

Der Lehrer und Autor Murat Güngör

Der Lehrer und Autor Murat Güngör war früher selbst Rapper und wirft in seinem Buch "Fear of A Kanak Planet. HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap" einen kritischen Blick auf die Rap-Kultur.

Der frühere DJ und Buchautor erklärt, die Abwertung anderer gehöre zum Rap deshalb dazu: "Ein Stilmittel ist die Grenzverschiebung, dass man den imaginären Gegner, den man vor Augen hat, diffamiert, schlechtmacht und sich selbst dabei überhöht."

Kaum Selbstzweifel in der Szene

Was fehle, so Güngör, sei eine Diskussion solcher Grenzübertretungen in der Szene selbst. Die habe es bislang nur in kleineren Kreisen gegeben. Auch der Skandal um Kollegah und Farid Bang werde bislang eher als Medienthema der älteren Generationen betrachtet, die den Rap nicht verstünden.

Kendrick Lamar bei den Brit Awards 2018 in London

Kendrick Lamar bei den Brit Awards 2018 in London

Beispiel Kendrick Lamar: "Es geht auch anders"

Murat Güngör: "Wenn man in die USA schaut - da hat mit Kendrick Lamar ein angesehener Rapper den Pulitzer-Preis bekommen. Man sieht also: Es geht auch ganz anders. Wir reden hier über Deutschland und eine Battle-Rap-Tradition, über Jugendliche, die pubertär eine Grenzverschiebung praktizieren und Aufmerksamkeit erreichen wollen."

Fans achten oft nicht auf den Inhalt

Rapper wie Kollegah und Farid Bang, so Murat Güngör hätten genau das erreicht - Aufmerksamkeit. Die lasse sich beispielsweise dank hoher Klick-Raten und Werbung bei YouTube in klingende Münze verwandeln. Für die Fans stehe dabei der Inhalt oft weniger im Vordergrund, eher der Sound, die Ästhetik.


Von Murat Güngör ist als Taschenbuch erschienen: "Fear of A Kanak Planet. HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap"

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