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Die 68er - 50jähriges Jubiläum eines Epochenjahres Gegen das autoritäre Zurück

Kulturgespräch am 9.1.2018 mit dem Sozialphilosoph Oskar Negt

Die 68er - eine überschätzte Bewegung? Das hält der Sozialphilosoph Oskar Negt für falsch. Die 68er hätten das Bewusstsein geformt, mit dem die liberale Demokratie der 70er erst möglich geworden sei. Die Entwurzelung der Menschen in der Globalisierung dagegen sei das Werk der politischen Rechten.

68er sind nicht geschichtsvergessen

Die 68er seien nicht geschichtsvergessen, ist sich der mittlerweile 83jährige Oskar Negt sicher. "Das ist schlicht falsch", erwidert der Sozialphilosoph auf die These von Götz Aly, die 68er hätten den Faschismus internationalisiert und mit dem Finger nach Washington, Saigon oder Teheran gezeigt. Seit dem Auschwitz-Prozess sei die Debatte über die Verbrechen der Nazis vielmehr auch in Deutschland geführt worden.

"Konvertiten" wie Götz Aly

Er habe etwas gegen "Konvertiten", so Oskar Negt. "Götz Aly marschierte ja auch in der ersten Reihe. Wenn die jetzt auftreten und abrechnen, finde ich das nicht in Ordnung."

Heute lasse sich nicht "in einzelnen Kausalitäten sagen, was Produkt der 68er gewesen ist", so Negt. "Es ist eine kulturrevolutionäre Bewegung, die auch mit Schattenseiten aufgetreten ist."

Fahndung nach den RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Im Januar 1972 kontrollieren Polizeibeamte Fahrzeuge in München.

Fahndung nach den RAF-Terroristen Andreas Baader und Ulrike Meinhof. Im Januar 1972 kontrollieren Polizeibeamte Fahrzeuge in München.

Baader und Meinhof vom Humanen abgeglitten

Kritisch sieht der Sozialphilosoph die Gewaltgeschichte der 68er. Was sich in der APO an Gewaltbereitschaft bei Baader und Meinhof angesammelt habe, "hat mit humaner Entwicklung, mit Menschlichkeit und Sozialismus überhaupt nichts zu tun. Ich sehe schon das Abgleiten in ein Revolutionsverständnis, bei dem der humane Gesichtspunkt völlig verschwunden ist."

68er als Begründer der liberalen Demokratie

Trotzdem, so Negt, sei hier "ein Bewusstsein entstanden, das - glaube ich - eine sehr große Bedeutung für die liberale Demokratie der 70er Jahre gehabt hat." In Frage gestellt werde dieses Bewusstsein heute von der globalisierten Wirtschaft: Sie bedeute "so etwas wie eine dreifache Entwertung: die Entwertung von Bindungen, die Entwertung der Erfahrung und die Entwertung der Erinnerungen. Aber das ist nicht das Produkt der Linken, sondern der Rechten."

Die Globalisierung beraubt Menschen weltweit ihrer Heimat. Chinesische Wanderarbeiter in Peking.

Die Globalisierung beraubt Menschen weltweit ihrer Heimat. Chinesische Wanderarbeiter in Peking.

Entwurzelung in der Globalisierung: ein Werk der "Rechten"

Angesichts der wachsenden Angst in der Gesellschaft, so glaubt der Sozialphilosoph, sei ein linker Heimatbegriff erforderlich: "Keiner der Menschen will herumgestoßen werden. Die Entwurzelung ist zwar ein faschistischer Begriff, aber die totale Flexibilität der Menschen, die keinen Ort haben, wo sie sich befestigen und den sie als Heimat fühlen können, das ist ein gesellschaftliches Problem."

Trotz AfD oder Plänen einer konservativen Revolution sieht Negt Grund zum Optimismus: "Man kann darauf hoffen, dass der Geist der Aufklärung bestehen bleibt und nicht verschwindet im Halbdunkel autoritärer Rückentwicklungen."