Bitte warten...

Die 60er Jahre im Haus der Geschichte Baden-Württemberg Sex, Drugs and Pflastersteine

Kulturthema am 22.12.2017 von Silke Arning

Die 60er als Reliquiensammlung. Das Haus der Geschichte in Stuttgart präsentiert Sex, Drugs and Rock´n Roll - als sakralen Ort der Erinnerungstücke. Darunter der Jimi-Hendrix-Stuhl von Stuttgart und Pflastersteine, die aufs Freiburger Uni-Rektorat flogen.

Inszenierung von Reliquien im edlen Schwarz

Es ist wie eine Reliquien-Inszenierung. Ein dunkler Ausstellungssaal, in edlem Schwarz gehalten. Darin dezent beleuchtete Objekte, die sich wie Kultgegenstände präsentieren: ein altes Uher-Tonbandgerät von 1967, eine Schallplatte und – etwas erhöht auf einem Podium – ein fast schon zur Ikone gewordenes Plakat: Gitarrengott Jimi Hendrix, dem einer Medusa gleich zwar nicht Schlangen, aber doch Stromkabel aus dem Kopf wachsen.

Unvermeidlich: Der Jimi-Hendrix-Stuhl

Daneben ein alter Holzstuhl. Natürlich nicht irgendein Stuhl, sondern der Hendrix-Stuhl. Denn die Legende wurde Wirklichkeit. 1969 kam der Rockstar nach Stuttgart, um ein Konzert zu geben. Zuvor versorgte er sich bei dem kleinen Musikgeschäft von Hans Schweizer mit fehlendem Equipment und nahm auf besagtem Stuhl Platz, den seitdem niemand mehr berühren durfte. Ein echtes Spektakel – so die Erinnerung Schweizers in der Ausstellung.

 Stuhl, auf dem Jimi Hendrix in einem Stuttgarter Musikgeschäft saß

Die 60er in Stuttgart: Der Stuhl, auf dem Jimi Hendrix in einem Stuttgarter Musikgeschäft saß

"Das war ja ein sehr ruhiger Typ"

„Da kam auf einmal – ich hatte ja einen kleinen Laden mit zwei Schaufenstern – da kam ein riesiger amerikanischer Straßenkreuzer mit Zürcher Nummer. Das ist gleich aufgefallen. Und dann stieg er aus. Und dann hatte ich da einen Corner, wo er Platz nehmen konnte, wo es ein bißchen ruhiger war. Das war ja ein sehr ruhiger Typ. Ich muss sagen, der Unterschied von privat und dem Hype auf der Bühne - das ist eine Explosion gewesen.“

Anglo-amerikanischer Pop und Rock

Wild, ekstatisch, vor allem anders als die Schnulzen der Eltern – die anglo-amerikanische Pop-und Rockmusik wurde zum Fanal einer eigenständigen Jugendkultur. Englisch zu singen, meinte der Schagzeuger der Rockband „Ton, Steine, Scherben“, reiche völlig aus, um die alte Generation noch einmal den Krieg verlieren zu lassen.

So wurde selbst in der tiefsten Provinz der Plattenspieler ausgepackt. Amateurbands stürmten die überall aus dem Boden sprießenden Clubs und entwickelten ihre eigene, schräge Kultur. Kurator Sebastian Dörfler verweist auf eine sehr exzentrische schrille Tiermaske mit Fühlern – Kreation der Heidelberger Rockband „Guru Guru“.

„Klang der Revolte“ aus der 60er-Ausstellung im Haus der Geschichte Stuttgart

„Klang der Revolte“ aus der 60er-Ausstellung im Haus der Geschichte Stuttgart

Exotische Instrumente und Tiermasken

„Der sog. Krautrock, das ist eine englische Bezeichnung für experimentellen Rock aus Deutschland, steht für einen eigenen Stil mit langen instrumentalpasssagen, auch unter Einsatz exotischer Instrumente. Diese Maske setzt Mani Neumeier von Guru Guru bis heute auf, wenn er das Lied Elektrolurch spielt. Das war ihr größter Hit. Das ist also hier das Ende der musikalischen Entwicklung der 1960er Jahre.“

Die Pille und das Wanken der Rollenbilder

Aufbruch und Befreiung von den alten Zöpfen – das ging nicht nur über die Musik. Minirock und Patchwork-Jeans stehen für die neue Hippie-Mode. Die Pille kündigt einer überholten Sexualmoral den Krieg an. Frauen blasen zur Revolte gegen patriarchalische Strukturen. Eine neue Homosexuellenbewegung formiert sich – die Rollenbilder wanken.

Anovlar 21 – die Antibabypille in der Stuttgarter 60er-Ausstellung

Anovlar 21 – die Antibabypille in der Stuttgarter 60er-Ausstellung

Von den gesellschaftlichen Umbrüchen erzählt die Ausstellung - und natürlich auch von den politischen Erschütterungen dieses Jahrzehnts. Der Tod des Studenten Benno Ohnesorg führt zu Mahnwachen der Studierenden in Heidelberg und Konstanz - und radikalisiert sich in den folgenden Jahren.

Kuriosität: Ausgestellte Steine

Ausstellungsleiterin Paula Lutum-Lenger deutet etwas schmunzelnd auf einen Haufen brauner Steine. „Das sind Steine, die im Dezember 1972 in Heidelberg in das Rektorat geworfen und vom Rektorat verwahrt wurden. Um das auch für das kollektive Gedächtnis zu erhalten, wurde das Datum 21.12.72 aufgeschrieben.“

Steine, die damit zu einer Reihe kurioser Zeugnisse gehören, die die Aufgeregtheit jener Zeit und ihre besonderen Ausdrucksformen widerspiegeln. Die 60er Jahre sind Kult, haben ohne Zweifel vieles in Bewegung gebracht. Doch sie werden gern überschätzt, meint die Historikerin Lutum-Lenger:

60er sind differenzierter und pluralistischer

„Es ist insoweit überschätzt, als man nicht sagen kann, dass hier grundstürzende Ereignisse kommen - sie werden von außen angestoßen. Was vielleicht das Prägendste ist: dass die Gesellschaft differenzierter und pluralistischer wird. Es gibt nicht mehr diese sehr prüde und einseitige und enge Gesellschaft. Das hat vor allem auch mit den finanziellen Möglichkeiten zu tun, mit dem wachsenden Wohlstand, der das auch ermöglicht.“

„Denn die Zeiten ändern sich. Die 1960er Jahre in Baden-Württemberg“. Die Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte Baden-Württemberg ist bis zum 24. Juni 2018 zu sehen.

Weitere Themen in SWR2