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Opern von Rihm und Dallapiccola in Stuttgart Verstörende Kammerspiele aus dem Kalten Krieg

Kurzkritik am 27.4.2018 von Susanne Kaufmann

Es gibt nur wenige Frauen, die an großen deutschen Opernhäusern inszenieren. Zu ihnen zählt Andrea Breth. In Stuttgart hatte am 26. April ihr Doppelabend „Der Gefangene – Das Gehege“ Premiere, mit zwei kürzeren Musiktheaterstücken von Luigi Dallapiccola und Wolfgang Rihm. Der Abend wurde ein Erfolg.

Gitterkäfige wie in Guantanamo

Entspannung bietet dieser Abend nicht. Das lassen schon die Titel “Der Gefangene“ und „Das Gehege“ ahnen. Martin Zehetgruber hat eine nackte Bühne mit grauen Wänden entworfen und Käfige hineingestellt: Gitterkäfige wie in Guantanamo bzw. ein Käfiglabyrinth, in dem eine Frau auf einen Adler trifft.

Als Botho Strauß seinen Text schrieb, zu dem Wolfgang Rihm dann später die Musik seines Einakters „Das Gehege“ komponierte, dachte er an den Bundesadler. Die metaphernreiche Geschichte spielt am Ende des Kalten Krieges. Zunächst will die Frau den Adler befreien, dann bietet sie ihre erotischen Reize an – und als der Vogel darauf nicht reagiert, entscheidet sie sich, das Tier zu töten.

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"Der Gefangene – Das Gehege" an der Oper Stuttgart

Die Inszenierung in Bildern

Triumph für die Sänger in den Hauptrollen

An diesem Abend triumphieren vor allem zwei Sänger, und zwar die, die in den Stücken jeweils die Hauptrolle haben: die spanische Sopranistin Ángeles Blancas Gulín und – noch mal überragend stärker – der österreichische Bariton Georg Nigl, der in Stuttgart schon als Gast in früheren Produktionen umjubelt wurde. Er interpretiert die Titelrolle des Gefangenen in dem Stück von Dallapiccola, das während des Kalten Krieges die meistgespielte moderne Oper im Westen war.

Es ist die Geschichte eines Mannes, der schlimmste Torturen durchleiden musste. Sein Wärter weckt in ihm die Hoffnung, die Freiheit sei nah, doch es ist ein falsches Spiel – der Wärter ist der Großinquisitor selbst, der ihn zum Scheiterhaufen führen wird.

Der Gefangene

Georg Nigl als "der Gefangene"

Andrea Breth inszeniert in starken Bildern

Die zwölftönig komponierte Musik von Dallapiccola ist hoch expressiv, und Dirigent Franck Ollu lotet das emotionale Spektrum bis an die Grenzen aus. Dieser Einakter geht unter die Haut. Dass er so verstörend wirkt, liegt auch an den starken, nachgerade archaischen Bildern, die Andrea Breth in ihrer Inszenierung findet: Das ist ganz, ganz große Kunst.

Das Premierenpublikum applaudiert angemessen lang. Sehr groß ist die Erleichterung, doch nur einen Theaterabend erlebt zu haben. Danach im Fernsehen die aktuellen Berichte aus der Türkei: Haftstrafen und Ausreiseverbot. Kunst kann helfen, die Dimension von alledem zu verstehen.

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Im Programm

Mit Katharina Eickhoff

Christina Pluhar:
"La selva", Prologue aus der Oper "Orfeo Chamán"
Luciana Mancini (Gesang)
L'Arpeggiata
Leitung: Christina Pluhar (Theorbe)
Francisco Zumaqué:
"Requiem for the Amazon"
String Quartett Azur
Leitung: Francisco Zumaqué
Nicolò Paganini:
4 Capricen für Violine solo aus op. 1
Thomas Zehetmair (Violine)
John Lennon, Paul McCartney:
"Mother nature's son"
The King's Singers
Ludwig van Beethoven:
Sinfonie Nr. 6 F-Dur op. 68
Berliner Philharmoniker
Leitung: Herbert von Karajan
Clara Schumann-Wieck:
Romanze für Violine und Klavier op. 22 Nr. 3
Christoph Richter (Violoncello)
Dénes Várjon (Klavier)
Chaya Czernowin:
"Breathe", Action Sketch Nr. 1 für 2 Singstimmen und 5 Instrumente
Jeffrey Gavett (Bariton)
Kai Wessel (Countertenor)
International Contemporary Ensemble
Leitung: Steven Schick
Luciano Berio:
"O King" aus der Sinfonia für 8 Stimmen und Orchester
Electric Phoenix
Orchestre de Paris
Leitung: Semyon Bychkov
Johann Hermann Schein:
"O Luft, du edles Element", Villanella für 2 Soprane, Bariton und Basso continuo
Julla von Landsberg, Christine Maria Rembeck (Sopran)
Florian Götz (Bariton)
United Continuo Ensemble
Leitung: Thor-Harald Johnsen
Cole Porter:
"Too darn hot" aus dem Musical "Kiss me, Kate"
Holly Cole (Gesang, Xylophone)
& Ensemble

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