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Waschbär mit Ahornblatt

Invasionsbiologie "Von 1000 fremden Arten wird nur eine problematisch"

Waschbären sind eigentlich in Nordamerika zuhause. Inzwischen fühlen sie sich aber auch bei uns so richtig wohl: im Osten und in der Mitte Deutschlands längst eine regelrechte Plage. Gleiches gilt für das Beifußgewächs ''Ambrosia''. Die eingeschleppte Pflanze verbreitet sich rasant und sorgt bei Allergikern für Atemnot. In dieser Woche hat das Bundesamt für Naturschutz ein Handbuch mit möglichen Gegenstrategien vorgestellt. Der plakative Titel ''Immer mehr – immer schneller. Was stoppt invasive Arten?'' Dr. Silvia Haider ist Fachfrau für Invasionsbiologie und forscht am Institut für Geobiologie und Geobotanik der Universität Halle/Wittenberg.

Werden die invasiven Arten bei uns wirklich ''immer mehr'' und kommen sie immer schneller?

Ja, das stimmt insgesamt schon. Natürlich hat sich durch den immer größeren und höher frequentierten Transport weltweit auch die Einfuhr von gebietsfremden Arten erhöht. Damit stimmt eben ''Immer höher, immer mehr'' schon.

Die Ambrosia löst Allergien aus und hat sich stark ausgebreitet. Aber zum Beispiel die Bisamratte, welche auch schon bei uns eingewandert ist, ist das letzte Beutetier für die deutschen Fischotter. Die wären möglicherweise schon längst ausgestorben – das ist ja eigentlich etwas Positives. Bedeutet invasiv zwangsläufig ''Bedrohung''?

Da haben Sie ein gutes Beispiel gewählt. Es ist in der Tat so, dass die allerwenigsten Arten, welche bei uns eingeführt, invasiv im Sinne von problematisch werden.

Es gibt eine sogenannte ''10er Regel'' und man besagt, dass nur 100 von 1000 eingeführten Arten etablieren können. Von diesen können sich 10 ausbreiten und nur eine davon wird problematisch. Das ist also nur ein kleiner Prozentsatz.

Otter - Kuss

Invasiv bedeutet nicht zwangsläufig "Bedrohung": durch die Einwanderung der Bisamratte konnte der Fischotter überleben

Ein anderes, sehr populäres Beispiel sind die Eichhörnchen. Es wird immer wieder gesagt, dass das amerikanische Grauhörnchen viel größer und durchsetzungsfähiger als unsere europäischen Eichhörnchen wäre und die europäischen also braunen und roten Eichhörnchen bedrohen. Ist das wirklich ein ökologisches Problem oder einfach ''survival of the fittest''?

Letzten Endes können alle Naturschutzfragen nicht nur von der Ökologie an sich als  Wissenschaft beantwortet werden, sondern es kommt darauf an, was wir als Menschen wollen. Gewollt ist häufig die Erhaltung einer eher historischen Kulturlandschaft, und da passen diese fremden Arten nicht hinein. Das ist an manchen Stellen eher eine Ideologie, als eine wissenschaftlich begründete Haltung.

Das heißt wir haben eine Sehnsucht nach dem Status Quo. Muss man dem gegenüber nicht sagen, dass die Natur eigentlich ständig im Wandel ist? Experten wie der Biologe Josef H. Reichholf sagen sogar, man sollte eigentlich gar nicht mehr zwischen fremd und heimisch unterscheiden. Was sagen Sie denn dazu?

Diese Unterscheidung zwischen fremd und heimisch ist teilweise schon sinnvoll. Es kommt darauf an, unter welchem Aspekt man das Ganze betrachtet. Für uns als Wissenschaftler ist die Unterscheidung sehr sinnvoll. Arten die sich klimabedingt ausbreiten können unterliegen also anderen Bedingungen als Arten, die von einem fremden, fernen Gebiet auf einen Schlag eingeführt worden sind.

Zum Beispiel?

In meiner Forschung befasse ich mich im Moment auch damit, was passiert, wenn sich durch den Klimawandel Arten aus niedrigeren Lagen in höhere Gebiete, zum Beispiel in den Alpen, ausbreiten. Und wir sind zu dem Schluss gekommen, dass bei einheimischen und eingewanderten Arten ganz unterschiedliche Mechanismen zum Tragen kommen, die eine Ausbreitung fördern oder nicht. Bei Pflanzen ist es so: wenn sich eine Art aus Nordamerika bei uns ansiedelt, kann es sein, dass sie hier ankommt und ihre ganzen natürlichen Fressfeinde zurückgelassen hat. Dann hat die Pflanze einen Konkurrenzvorteil.

Ambrosiapflanze im Detail

Die Unterscheidung zwischen Fremd und Heimischen Pflanzen hält Dr. Silvia Haider in der Wissenschaft für sinnvoll

Wenn sich aber eine Art, die bei uns heimisch ist, klimabedingt weiter ausbreiten kann ist es unwahrscheinlich, dass die Fressfeinde das nicht auch schaffen. Dort hat dann eben keine Co-Evolution mit der Pflanzen- oder Tiergesellschaft, die man im neuen Gebiet antrifft, stattgefunden. Deshalb ist es hier sehr wichtig zu unterscheiden. Wenn es jetzt aber um Naturschutzfragen geht, macht die Unterscheidung ''Fremd'' und ''heimisch'' oft wenig Sinn.

Aber wie trennt man es überhaupt? Weil sehr viele Arten, die wir inzwischen eigentlich als einheimisch betrachten sind irgendwann mal eingewandert.

Genau und das macht es in gewisser Weise problematisch. Es sind ja nicht nur in der letzten Zeit Arten durch den Menschen in großen Massen eingebracht worden, absichtlich oder unabsichtlich, sondern das Ganze findet schon seit einem langen Zeitraum statt.

Auch schon vor 2000 Jahren wurden Arten einbracht. Damals vor allem mit Ackerbau, oder zum Beispiel mit Saatgut, das mit Wildkraut verunreinigt war. Und diese Arten stehen heute bei uns auf der roten Liste, die werden als besonders schützenswert angesehen. Deshalb kann man das nicht über einen Kamm scheren und es pauschalisieren, dass alles Fremde gefährlich oder schlecht ist.

Wenn wir von den Pflanzen jetzt nochmal zu den Tieren gehen, da ist ja ein ganz extremes Beispiel Australien. Das Land will mit Gift und Fallen rund 30 Millionen wildlebende Katzen töten. Das wird jetzt massiv voran getrieben. Die Tiere haben sich massiv vermehrt, haben im Land praktisch keine natürlichen Feinde und rund 120 Arten gelten deshalb als bedroht, vor allem Vögel und kleine Beuteltiere. Ist das aus ihrer Sicht eine sinnvolle Strategie?

Australien und auch Neuseeland, haben eine ganz besondere Situation, weil sie sich sehr früh schon vom restlichen Urkontinent getrennt haben, haben sie eine ganz spezielle Flora und Fauna entwickeln können. Dort gab es solche Arten, wie die verwilderten Katzen, nicht. Es konnten sich dann dort beispielsweise bodenbrütende Vögel entwickeln, die anderswo gar keine Chance haben.

Wildkatze Australien

In Australien sollen die 30 Millionen Wildkatzen getötet werden, da sie 120 Arten bedrohen und keine natürlichen Fressfeinde haben

Und genau diese Tiere sind jetzt bedroht und genau diese Tiere sind das besondere an Australien oder Neuseeland. Das man das schützen möchte, kann ich durchaus nachvollziehen aus naturschutzfachlicher Sicht. Die Frage ist aber, wie viel Erfolg errechnet man sich, mit solchem, sicherlich nicht ganz günstigen, Aktionen aus?

Bei kleineren Inseln wurden solche Aktionen, mit Erfolg, schon durchgeführt und man konnte einzelne Arten ausrotten. Aber auf einem ganzen Kontinent kann ich mir nicht vorstellen, dass das funktionieren wird.

Ist es nicht auch ethisch problematisch, Millionen gesunde Tiere zu töten, zum Teil auf sehr schmerzhafte Art?

Wenn man das Ganze aus naturschutzethischer Sicht heraus betrachtet, kann man das im Prinzip nicht rechtfertigen. Gerade wenn man eine holistische Position einnimmt, wo eben alle Lebewesen eine Bedeutung haben und ein Recht zu leben, kann man es überhaupt nicht rechtfertigen, warum das eine einen höheren Stellenwert hat als das andere.

Jetzt kann man ja beim Fall Australien nochmal auf einen anderen Gedanken kommen: Australien ist ja auch dafür bekannt, dass es sehr rabiat gegen die Einwanderung von Menschen vorgeht. So könnte man sagen gibt es fast eine Parallele zwischen fremden Arten im Tierreich und der Abwehr von Flüchtlingen. Ist das Zufall? Oder schwingen in dieser Diskussion um invasive Arten manchmal Projektionen mit, die mit Wissenschaft eigentlich gar nichts mehr zu tun haben?

Das ist durchaus gar nicht mehr so selten der Fall. Das Ganze Thema ''Biologische Invasionen'' ist einfach sehr emotional geladen. Und weil Sie vorher Josef Reichholf angesprochen haben: es gab 1999 einen Artikel im Spiegel über ein Streitgespräch zwischen ihm und Rüdiger Disko. Rüdiger Disko hat genau die gegensätzliche Position eingenommen, dass alles Fremde eben weg muss.

Es wurde durchaus auch Vokabular verwendet, das kriegsähnlich, militärisch ist. Es wurde von der Front gesprochen und Vergleiche wurden gezogen, dass die heimischen Arten verdrängt werden, wie die Indianer damals mit der Kolonialisierung durch die Europäer.

Mohn-Gerstenfeld

Warum werden manche Pflanzen invasiv und andere nicht? Fragen wie diese beantwortet die Grundlagenforschung der Invasionsbiologie

Was sind die derzeit wichtigsten Fragen in der invasionstheoretischen Forschung?

Das kommt darauf an, wo man hinsieht. Wenn ich nach Afrika gehe, geht es um ganz andere Themen als bei uns in Europa. In Europa haben wir nicht das Problem, dass eine invasive Art unsere Wasserversorgung gefährdet. Deshalb findet bei uns eher Grundlagenforschung statt. Hier interessieren wir uns zur Zeit für die Frage, warum manche Arten invasiv werden und andere nicht.

Haben manche Arten bestimmt Eigenschaften, die sie dazu befähigen, sich auszubreiten gegenüber anderen, die sie nicht haben? Welche Rolle spielt die Genetik? Spielt genetische Vielfalt innerhalb der Population, die jetzt in das neue Gebiet gelangt ist, bei der Ausbreitung eine Rolle? Und ergeben sich zusätzliche Probleme, wenn sich fremde Arten mit heimischen Arten kreuzen?

Wie geht es Ihnen, wenn Sie eine invasive Pflanze sehen? Würden Sie sie am liebsten rausrupfen? Müssen Sie sich da manchmal zurückhalten?

Teilweise ja. Mir passiert es schon dann, wenn ich sehe, dass sich ein bestimmtes Gebiet sehr stark verändert hat und ich im angrenzenden Gebiet dann bemerke, dass die Art dort jetzt auch schon anzutreffen ist. Und da kann es schon sein, dass ich beim Spazierengehen ein einzelnes indisches Springkraut schon mal schnell rausziehe.