SWR2 Hörspiel-Studio | Votum der Frau (4) Zimmerstunde

Hörspiel von Marlene Streeruwitz

Dieses Hörspiel steht für sechs Monate zum Download bereit.

Die vielfach ausgezeichnete österreichische Dramatikerin und Romanautorin Marlene Streeruwitz, die sich selbst als Feministin definiert, schreibt immer wieder Hörspiele. In ihrer neuesten Radioarbeit nutzt sie radikal das Hörspiel als genuin technisches künstlerisches Medium in seiner Rezeptions- wie Produktionsästhetik - gerade bei der Thematisierung weiblicher Identität.

Aufwendige Umsetzung im Studio

Konsequenterweise ist ihr Stück für Kopfhörer (und 5.1. Technik für die Radiosendung) konzipiert, mit denen heute nicht nur die Handy- und iPad Generation ihre akustischen Vorlieben wahrnimmt. Für die Umsetzung einer anfänglich realistischen, zunehmend aber irritierenden und schließlich sich auflösende Identitäts- und Raumzuordnung, durch die Streeruwitz einen Moment weiblicher Freiheit jenseits der Konditionierungen aufscheinen lässt, hat die Regie konsequent die Schauspielerinnen zuerst in situ, d.h. in den realen Außenräumen und an den realen Orten agieren lassen und dies aufgenommen, um später im Studio die Ebenen ineinander zu schieben.

Raumtextkonstruktionen als Hörpanorama

Die Autorin notiert: "Am Ende ergeben die vielen Stimmen meines Stückes eine einzige Person. Denn heute regieren die Räume in dem, was und wie gesprochen wird. Arbeit, Leben, Liebe und Trauer sind streng getrennt auf einzelne Räume aufgeteilt. In sich getrennt muss die neoliberale Person der Dienstleistungsgesellschaft in diesen Räumen entsprechend funktionieren. Der Sprechakt der Frau wird dort zurechtgeschneidert und bestimmt das Sprechen, nach dem die erzwungene Verwirtschaftlichung des eigenen Schicksals erledigt werden muss. Mein Hörspiel überträgt den gesellschaftlichen Vorgang der Festsetzung der Person in sich selbst auf die Technik. So arbeiten sich 'die Stimmen' der Person in jedem einzelnen Raum zur Erkenntnis voran, dass es im ganzen Leben nur darum ging, sich selbst zu verkaufen. Auch in der Liebe muss die Person sich eingestehen, dass das nicht anders war. Die Liebeleien der Zimmerstunden stehen für diesen Vorgang des alles erfassenden Selbstverkaufs, der belohnungslos nur mehr das Überleben sichern kann. Am Ende sind die einzelnen Raumtextkonstruktionen zu einem Hörpanorama aufgebreitet, in dem die Person aber dann doch einen Augenblick lang zu einem ungeteilten Selbst in einem dafür hergestellten Raum finden kann. Die radiophone Technik wird so zur subversiven Helferin einer Subjektwerdung. Die neoliberale Domestizierung der Person wird für einen Augenblick mit Hilfe der Technik überwunden."

Marlene Streeruwitz, geboren in Baden bei Wien, zählt mit ihren ausdrücklich als feministisch ausgewiesenen Dramen und Erzählwerken zu den wichtigsten österreichischen Autoren. Für ihre Romane erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen, zuletzt den Bremer Literaturpreis (2012) und den Franz-Nabl-Preis (2015). Hin und wieder schreibt sie Original-Hörspiele.

Mit: Heidi Ecks, Kathrin Hildebrand, Caroline Junghanns, Hedi Kriegeskotte und Christiane Roßbach
Musik und Komposition: Martina Eisenreich
Regie: Bernadette Sonnenbichler
(Produktion: SWR 2018)

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