SWR2 Ohne Limit - Hörspiel

Tender Buttons, verknüpft.

STAND
AUTOR/IN
Cathy Milliken und Dietmar Wiesner

Mit Gedichten aus Gertrude Steins "Tender Buttons"
übertragen aus dem Englischen von Barbara Köhler
sowie Texten frei nach William Carlos Williams und e. e. cummings

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Words and music – Was können Worte ausdrücken, wo Musik still sein muss, was Musik, wo Worte wie Wörter stumm... Das Kompositions-Duo Cathy Milliken und Dietmar Wiesner umkreist hierzu die Poesie der Moderne.

Im Zentrum ihres Hörstücks stehen Gedichte von Gertrude Steins 1914 Band „Tender Buttons“ sowie Texte von William Carlos Williams. Sie hinterfragen amüsant wie sprachspielerisch den von Gefühlen geleiteten Blick auf die Alltagsdinge - von der Vase, dem Wohnzimmer bis zur Obstschale. Und die Musik antwortet über eine Palette von Instrumenten und Stilen, die von Leidenschaften erzählt.

Ausgangsmaterial

„Tender Buttons“, auf Deutsch so viel wie „Zärtliche Knöpfe, oder „zärtlich knöpfen“ oder „zärtliche Knospen, Spitzen“, das ist der Titel von Gertrude Steins literaturgeschichtlich wegweisendem Gedichtband, der 1914 zu Beginn des Ersten Weltkriegs erschien. Er poetisiert Alltagsdinge witzig wie hintersinnig – vom Papier, dem Piano, dem Apfel, dem Petticoat bis zur Farbe Braun und zum Sprengen des Rasens. Ähnlich wie bei Steins „Rose“-Gedicht können auch in diesen Texten die „Zarten Knöpfe“ mit erotischem Hintersinn aufgeladen werden, der die Bedeutungen „zart auf-, ver- oder zuknöpft“.

“A rose is a rose is ... / Eine Rose ist eine Rose ist ...” – Avantgardistische Dichtung kann populär werden. Dieser Vers ist in seiner tautologischen Form auch komisch, wenn er nichts anders aussagen will, als dass wir die Dinge so belassen sollen, wie sie sind oder sprachlich arbiträr benannt bzw. bezeichnet werden. Bitte nicht mehr hineingeheimnissen, wäre vielleicht als Unterschrift noch hinzuzufügen. Das stimmt und stimmt auch wieder nicht.

Gertrude Stein hat diesen Vers gedichtet. 1847 in Pittsburgh/USA geboren, ging sie 1903 nach Paris und starb 1946 in Frankreich. Die Mäzenatin kubistischer Kunst von Juan Gris und Pablo Picasso, die Förderin von so unterschiedlichen Schriftstellern wie James Joyce und Ernst Hemingway, diese Gertrude Stein war nicht zuletzt selbst eine bedeutende Autorin der literarischen Moderne und überflügelte gar mit ihren Sprachexperimenten die männlichen Kollegen, von denen solche „Rosen“-Sätze nicht ins populäre Zitatenlexikon eingegangen sind.

Avantgarde ist nicht zuletzt hintersinnig. Steins Vers von 1939 ist eine Variation. Denn mit der Rose – ob knospend oder in voller Blüte stehend – ist eine Frau mit Namen „Rose“ gemeint - im Gedicht „Sacred Emily“ von 1913: „Rose is a rose is a rose is a rose ...“. Dieses Spiel mit Bedeutungen über konkrete Metaphern im erotisch-sexuellen Grenzgebiet - mit dem eine Rose schon immer spielte – wird bei Gertrude Stein und der Avantgarde um 1910/20 häufig mitbedacht. Nur eben nicht platt oder anzüglich. Dieses lustvolle Spiel mit Bedeutungen über konkrete Metaphern im erotisch-sexuellen Grenzgebiet - mit dem immer schon „die Rosen“ spielen – wird bei Gertrude Stein und der Avantgarde um 1910/20 vielfach mitbedacht. Nur eben nicht platt, klischiert oder anzüglich. Es geht hier um Vieles: um die Freiheit von den Vorgaben erstickender Metrik in der Dichtung, um den neuen modernen Blick auf die Dinge und Formen des Lebens – und es geht nicht zuletzt um den Kampf für ein selbstbestimmtes Leben frei von einengenden gesellschaftlichen Konventionen. So lebte Gertrude Stein in Paris mit Alice B. Toklas zusammen und umkreist in ihrem Werk so selbstverständlich wie es sein sollte auch ihre gleichgeschlechtliche Liebesbeziehung.

Cathy Milliken im Wald (Foto: Cathy Milliken)
Cathy Milliken - Autorin Cathy Milliken
Dietmar Wiesner stehend (Foto: Dietmar Wiesner)
Dietmar Wiesner - Autor Dietmar Wiesner

DAS DUO / DAS KONZEPT

Die in Berlin lebende Australierin Cathy Milliken ist Oboistin und Komponistin. Sie war als Solistin Mitbegründerin des Ensemble Modern und leitete von 2005 bis 2012 die Education Programme der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. International hat sie sich mittlerweile als Komponistin einen Namen gemacht mit Auftragswerken für u.a. ARTE, die Donaueschingen Musiktage und Berliner Musikfeste oder für die Oper Sydney. Der Frankfurter Dietmar Wiesner ist als Solo-Flötist Mitglied des Ensemble Modern und realisiert Kompositionen im Grenzbereich von Neuer Musik, Performance und Theater, u. a. für das Hamburger Schauspielhaus und die Comédie-Française in Paris.

Als ein erprobtes Komponisten-Duo reizt sie alle Jahre wieder, das Hörspiel als eine Form des künstlerischen Ausdrucks aufzusuchen und dabei Lyrik musikalisch zum Leuchten zu bringen, zeitgenössische Musik über Poesie zum verführerischen Klangerlebnis zu erheben. Der Mensch, er bleibt ein Rätsel; und wo Wörter schweigen müssen, spricht Musik - wo Musik stumm bleibt, erklingt das Wort. Und manchmal setzen beide zugleich ein.

Das gelang dem Duo bisher überzeugend auch im Hörspiel. 2008 wurde ihr Hörstück „Haus aus Stimmen“ mit dem Libretto von Silke Scheuermann mit dem Deutschen Kritikerpreis Kategorie Radio 2009 ausgezeichnet, 2015 ihre Arbeit „Bunyah“ mit Gedichten von Les Murray mit dem Prix Italia gekürt, 2019 entdeckten sie die „kubistischen“ Gedichte Picasso als „Stillleben – Still Lifes“.

Ihre neue Arbeit in Deutsch und Englisch rückt mit Steins „Tender Buttons“ einen Klassiker der modernen, vermeintlich abstrakten Lyrik ins Zentrum. Das Duo verknüpft Musik und Dichtung, aber auch Steins Texte mit Gedichtperformances frei nach Texten von William Carlos Williams und e.e. cummings, amerikanischen Dichtern im Geiste Steins. Thematisch geht es um die Wahrnehmung von Objekten, die unseren Alltag strukturieren, im Hörspiel um die Wiederentdeckung ihres Zaubers jenseits der reinen Funktion. Der von auch erotisch durchwirkten Gefühlen geleitete ungewohnte Blick auf die Alltagsdinge wird in diesem Stück, das bewusst in Englisch und Deutsch konzipiert wurde, in ein Kontinuum von Assoziationen und Klangfärbungen überführt. Nicht alles muss verstanden werden, vieles erklingt einfach nur schön oder schön irritierend. Und wer will, kann auch durch mehrmaliges Hören weitere Bedeutungs-Schichten entdecken. Wie in der Musik.

So wurden die Einzel-Gedichte als Material „dekonstruiert“. Im Gegensatz zum klassischen Ansatz der Gedicht- oder Gedichtzyklus-Vertonung, der bis in die Neue Musik sich fortschreibt und die Vertonung des je einzelnen Gedichts mit z.B. Auftakt und Coda vorsieht, steht hier ein Konzept, das auf ein 50minütiges Stück angelegt ist, aber auf eines der verknüpften Assoziationen und Motive ohne festes Zentrum. Dafür war die die kompositorische Arbeit des Arrangements nötig, das die Einspielungen studiotechnisch neu behandelte.

Die Texte und die Musiken werden als Material behandelt, auseinandergerissen und nach mal semantischen, mal musikalischen, vorwiegend rhythmisch-metrischen Vorgaben wieder zusammengesetzt. Das gilt von einzelnen Versen bis hin zum Prinzip der Verwendung der deutschen Übersetzung, sodass manches nicht übersetzt wird, manches auch nur in Deutsch verbleibt, das englische Original von Stein als Leerstelle fehlt. Alle Dinge sind gleichberechtigt. Die Kompositionselemente, die bewusst hin und wieder vor der Textauswahl und dann wieder auf die Texten erstellt wurden, entsprechen so einer Textur, die aus einer Palette von auch außereuropäischen Instrumenten und Stilen besteht. Sie erzählt/erzählen von den Leidenschaft und neuen Perspektiven in Absetzung von der Behauptung, dass es nur einen gültigen Diskurses gäbe.

Neben der Schauspielerin Dagmar Manzel und dem Jazzvokalisten Michael Schiefel wirken in dem international besetzten Ensemble renommierte Solisten mit, u.a. Brett Dean an der Bratsche, der chinesische Sheng-Spieler Wu Wei oder der australische Aborigine William Barton am Didgeridoo.

Mitwirkende

Deutsche Stimme | Dagmar Manzel 
Englische Stimmen | Julian Day, Brett Dean, Cathy Milliken, Michael Schiefel und Vanessa Tomlinson

Didgeridoo | William Barton
Violine | Yael Berolsky
Duduk | Sören Birke
Orgeln | Julian Day
Viola | Brett Dean
Field Recordings | Karen Power
Percussion | Vanessa Tomlinson
Oboe | Cathy Milliken
Klarinette und Bass-Klarinette | Carol Robinson
Gestrichener Gong | Robyn Schulkowsky
Flöte und Bass Flöte | Dietmar Wiesner
Sheng | Wu Wei
Klavier | Hermann Kretzschmar

Ton | Udo Wüstendörfer, Lutz Glandien und Jean Szymczak
Final Mix | Jean Szymczak
Komposition | Cathy Milliken
Musikarrangement und Regie | Dietmar Wiesner
Dramaturgie und Redaktion | Manfred Hess
Produktion | SWR 2022

STAND
AUTOR/IN
Cathy Milliken und Dietmar Wiesner