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Vier Musiker kämpfen mit sich und den Gesetzen des Marktes. Sieben Jahre nach ihrem ersten Auftritt wagt die Band ohne Namen ein Comeback: gegen die Fliehkräfte des Alters, die prekären Arbeitsbedingungen und die Ästhetik des Mainstreams. Die Band mit Gitarre, Bass, Schlagzeug und Gesang will ihre alten Songs in marktfähige Hits verwandeln. Schaffen Sie das oder brechen die alten Konflikte wieder auf? Als die Influencerin Mona als Agentin der Plattenfirma das Studio betritt, überstürzen sich die Ereignisse. Ausgezeichnet mit dem Grand Prix Nova 2019 und dem BBC Audio Drama Award 2020.

Text von Ulrich Bassenge 

Vom Verschwinden der Musik: JJ, Hannes, Georg, und Yogo – zusammen bilden sie die fiktive und namenlose Band des Hörspiels „Bier auf dem Teppich. Ein Menschenexperiment“ (2012)  – kehren zurück, nach sieben Jahren wiedervereinigt in einem zum Abriss bestimmten Hörspielstudio; alive & kickin' selbst im Angesicht von Alter, Prekarisierung und Spotify. Die Musiker mit den losen Mundwerken begegnen einem Produzenten, einer Influencer*in und einem Hausmeister / Studiobesitzer. Und natürlich hat sich das (fast) alles wieder echt so abgespielt. „Im Laufe dieser lustigen und manchmal schmerzhaften Geschichte erfahren wir, dass sich Menschen ändern und dass die alten Zeiten nicht immer die besten waren“, befand die Jury des Grand Prix Nova in Bukarest. Hörbar wird der raue Sound gesprochener Sprache, die süddeutsche / amerikanische Dialekt- und Akzentpalette ist diesmal um Farben des Hochalemannischen und Ripuarischen erweitert.

Die bedrohliche Unterströmung des Hörspiels heißt Obsoleszenz. Alle sind betroffen: Medien, Produktionsmittel, Arbeitsmethoden, Künstler, Kunst geraten schleunig aus der Mode, während sie vom Konzernkapitalismus zum Lifestyle-Hintergrundrauschen formatiert werden. Mit dem Verschwinden physischer Tonträger geht der Bedeutungsverlust der Musik einher, die schleichende Entwertung des Konzepts „Album“ als Gesamtkunstwerk. Passend in einem dem Untergang geweihten Radiostudio angesiedelt, fängt das Stück den kritischen Moment ein, in dem sich Musik in Playlists verwandelte. Ist das Kunst oder kann das weg? Man möchte sagen: beides.

Es ist in diesem Zusammenhang wohl kein Zufall, dass die Musik die geringste Rolle spielt. Im Aufnahmeraum, wo sie geschehen soll, passiert stattdessen verbale Interaktion, garniert mit permanenten Abbrüchen und Fehlstarts, die schließlich im Nichtentstehen der Musik kulminieren. Die Kontrolle über das Narrativ hat Influencer*in Mona, die im Stil des neuen Jahrtausends für die Plattenfirma bloggt, die Beteiligten und die Umstände vorstellt. Wie allen anderen Mitspielern dieser Improvisation steht auch ihr eine Metamorphose bevor, die sie sich anfangs nicht träumen lässt. 

Im Regieraum werden wir punktuell Zeugen der Verhandlung über die Musiker auf technischer Ebene. Produzent und Tontechniker übernehmen die Unterdrückung des Rauschens und des Rausches. Am Ende mutiert die Musik zu einem Stück robofizierten Computerpops, aus dem die Musiker verschwunden sind und schließlich, als auch das kein Vordringen in den Mainstream verspricht, zu einem Hörspiel.

„Diese verführerische Komödie, die aus der Improvisation entwickelt und gekonnt zu einer dreiaktigen Erzählung über die Kommerzialisierung von Kreativität montiert wurde, kombiniert Lauschangriffs-Aufnahmen, bizarre Wendungen, fantastisch prätentiöse Songtexte und perfekte Darbietungen. Die Jury war vom Prozess inspiriert und vom Ergebnis beeindruckt.“ (Urteil des BBC Audio Drama Award)

Ulrich Bassenge

Hörspielmacher, Audiokünstler, Filmkomponist, Musiker, Privatgelehrter beschäftigte sich in seinen Radioarbeiten mit Themen wie O-Ton-Montage, Sprachsynthese und Trivialmythen. Er ließ die Archive sprechen ("schallarchiv - die trilogie" BR 2003 m. Bernhard Jugel) und vier Musiker sich verbal und instrumental um Kopf und Kragen improvisieren ("Bier auf dem Teppich", WDR 2012). Mit Philip Stegers produzierte er „Sirius FM“ (WDR/SWR/DLF 2017) über das Studio für Elektronische Musik. Als Dozent beim Hörspielforum NRW (2006-2012) und an der Bauhaus-Universität Weimar (WS 2016) gab er sein Wissen an künftige Generationen weiter. Für "Rauschunterdrückung. Ein Aufnahmezustand" (WDR / SRF 2019)  erhielt Bassenge den Grand Prix Nova 2019 sowie die Auszeichnung „Best European Drama“ der BBC 2020.

Mit: Yogo Pausch, Georg Karger, Johannes Mayr, JJ Jones, Mona Petri, Michael Stauffer, Ulrich Bassenge u.a.
Komposition und Regie: Ulrich Bassenge
Produktion: WDR / SRF 2019

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