SWR2 Hörspiel-Studio Monsieur Mortin (1/3)

Hörspiel von Robert Pinget - Aus dem Französischen von Gerda und Helmut Scheffel

Dieses Hörspiel steht für ein Jahr zum Download bereit

Die Wahrheit über das Leben und Sterben eines Mannes namens Mortin soll über verschiedene Aneignungsweisen gefunden werden: in der Beobachtung seiner aktuellen Lebensumstände, in nachträglichen Interviews und schließlich in der Rekonstruktion von Aufzeichnungen seines engsten Bekannten.

Mortin scheint ein Sonderling (gewesen) zu sein. Einer seiner Lebens-Erforscher kannte ihn sogar persönlich, führte vor mehr als zehn Jahren für sechs Monate seinen Haushalt, bis er entlassen wurde.

Dauer

Über ein sechsteiliges Episodendrama spielt Pinget die Unmöglichkeit durch, die Wahrheit über einen Menschen und dessen Lebensumstände zu ergründen. Je näher man ihm zu kommen scheint, umso stärker entzieht er sich. Sei es über den Versuch, voyeurhaft sein Alltagsleben zu begleiten, sei es darüber, ihn einfach nur in seinen Taten und seinem Denken aus der Erinnerung zu beschreiben oder sei es über die Rekonstruktion auf der Grundlage dokumentarischen Materials.

Trotz oder vielleicht auch wegen des am Ende vergeblichen Mühens entsteht dabei ein faszinierendes Vexierbild dessen, was eine Existenz vielleicht war. Ob dieses Bild erdichtet und fiktional ist oder nur Ergebnis der eigenen Projektionen, das ist unwesentlich und mindert nicht das Vergnügen.

Legendär war die Hörspiel-Dramaturgie des Süddeutschen Rundfunks in Stuttgart in den 1960er-Jahren. Sie richtete ihr Augenmerk auf Originalhörspiele von Samuel Beckett und von Vertretern des französischen Nouveau Roman. Die deutsche Literatur war zu dieser Zeit international durchaus zweitrangig. 1963 schrieb Pinget für den SDR dieses Originalhörspiel. Seit über 30 Jahren fand es wegen seiner Länge von 137 Minuten keinen Sendeplatz mehr. Der SWR stellt es nun wieder vor, ohne es willkürlich nach Zeitvorgaben von Sendeplätzen zu zerschneiden oder zu gliedern. Pinget hat das Stück in sechs selbstständige Teile strukturiert; jeweils zwei sind in der dreiteiligen Version zu hören.

Robert Pinget (1919 – 1997) geboren in Genf, gestorben in Tours. Pinget arbeitete zuerst in der Schweiz als Rechtsanwalt, ging aber bereits 1946 nach Paris, um Kunst zu studieren. Ab 1951 publizierte er zahlreiche, vielfach ausgezeichnete Romane, Dialoge und Hörspiele, schloss sich Alain Robbe-Grillet und vor allem Samuel Beckett an. 1966 nahm er die französische Staatsbürgerschaft an. Er gilt als einer der Hauptvertreter des französischen Nouveau Romans.

Die Rollen und ihre Sprecher:
Die flüsternden Beobachter zu Lebzeiten Mortins: Lukas Amann und Günter Lüders
Interviewer und Vermieterin: Gerd Baltus und Erika von Thellmann

Regie: Heinz von Cramer
(Produktion: Süddeutscher Rundfunk und Radio Bremen 1964)

Teil 2: Donnerstag, 11. April, 22:03 Uhr
Teil 3: Donnerstag, 18. April, 22:03 Uhr

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