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Der Karl-Sczuka-Preis 2020 geht an den französischen Klangkünstler Frédéric Acquaviva für sein Hörstück "ANTIPODES for voices and dead electronics".

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Die Verleihung des diesjährigen Karl-Sczuka-Preises für Hörspiel als Radiokunst wird auf das Jahr 2021 verschoben.

Die Verleihung war ursprünglich für den 17. Oktober im Rahmen der Donaueschinger Musiktage geplant, die ebenfalls abgesagt wurden.

Gespräch mit dem Preisträger Frédéric Acquaviva:

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„Es ist ein Stück das uns alle mit unseren Hörgewohnheiten konfrontiert hat!“

Olaf Nicolai, Vorsitzender der Jury

Begründung der Jury

Der Karl-Sczuka-Preis des Jahres 2020 geht an Frédéric Acquaviva (* 1967) für sein polarisierendes Hörstück "ANTIPODES for voices and dead electronics", ein vielschichtiges Werk, das seine klanglichen Inspirationen aus heterogenen Kontexten der klassischen Avantgarden bezieht: der Tradition akustischer und Bildender Kunst, des experimentellen Musiktheaters und der Literatur (von Dante bis Isidore Isou).

Kunstansprüche und die Position des Autors werden unterlaufen, indem avantgardistische Purismen in Pasticcio-Form collagiert und in eine Burleske überführt werden.

Auf der musikalischen Ebene findet sich diese Haltung in der Polarität von menschlicher Stimme und synthetisch erzeugten Klängen. Die Jury versteht seine Arbeit als ein provokantes Zeichen vor dem Hintergrund der heutigen Hörlandschaft.

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Der Preisträger Frédéric Acquaviva

Frédéric Acquaviva, geboren 1967 in der Nähe von Paris, ist Autodidakt, experimenteller Komponist und avantgardistischer Klangkünstler, der in Paris, Berlin und London lebt. Er arbeitet mit Stimme, Instrumenten, Elektronik, Film- und Körpergeräuschen.

Acquaviva ist seit 1990 in der Underground- und Experimentalmusikszene tätig. Er hat mit bedeutenden Persönlichkeiten der historischen Avantgarde zusammengearbeitet, darunter Isidor Isou, Marcel Hanoun, Pierre Guyotat, Bernard Heidsieck, Maurice Lemaître und Henri Chopin sowie Kreativen der neueren experimentellen Szene wie den Dichter-Künstlern Jean-Luc Parant und Joël Hubaut, dem Dichter-Filmemacher F. J. Ossang, dem Cellisten Anton Lukoszewieze, der Geigerin Chihiro Ono, dem Posaunisten Thierry Madiot, dem Pianisten Mark Knoop und der Mezzosopranistin Loré Lixenberg.

Als Urheber von "chronopolyphonischen" Installationen arbeitet er seit 1990 mit der Idee des "Oxymoron". An der Schnittstelle des Instrumental- und Sprachklangs setzt er Computerbearbeitungen ein und mischt sie mit physischen Körpergeräuschen. Manche Arbeiten schließen Videotexte oder Live-Streams ein.

Seine Musikstücke müssen von der Kompositionsphase bis zur Form des endgültigen Werks betrachtet werden, was gut in folgenden Ausstellungen zu sehen war: In seiner retrospektiven Klangausstellung "Frédéric Acquaviva, Music & Multiples Multiple Musics" im Projektraum "La Plaque Tournante" in Berlin (2017), in der ersten Ausstellung zu seiner Zeitschrift "CRU", die von Martha Willette Lewis in der Galerie der Institute Library in New Haven kuratiert wurde, oder in der umfassenden Ausstellung seiner "CRU" Ausgaben in der Librarie-Galerie Lecointre et Drouet in Paris im Jahr 2018.

Seine Arbeiten wurden in Konzertsälen und Galerien wie dem Palais de Tokyo und dem Centre Pompidou in Paris, dem Moderna Museet Stockholm, dem Weserburg Museum in Bremen, der Turbinenhalle in der Tate Modern in London, La Fenice in Venedig, Fylkingen in Stockholm, Pauline Oliveros' Deep Listening Institute und Phill Niblocks Experimental Intermedia in New York, der Galerie Lara Vincy in Paris, der Galerie White Box in New York City, dem Zentrum für zeitgenössische Kunst Le Lieu in Québec, dem Spor Festival in Aarhus, dem Futura Festival in Crest, dem Licences Festival in Paris, dem ZKM in Karlsruhe, XP in Beijing, Hamburger Bahnhof und der Kantine im Berghain in Berlin und dem Palazzo Bertalazzone in Turin aufgeführt.

Er hat zudem Werke für Radiostationen auf der ganzen Welt geschaffen: France Culture, Radio Libertaire, BBC Radio3, Resonance FM, WGXC Radio New York, Deutschlandradio Kultur, RadioWebMacba, Radio Canada.

Vom Musikkritiker Franck Mallet stammt der Aufsatz: "Introducing Frédéric Acquaviva". Im Pariser Kunstmagazin Art Press veröffentlichte Yoann Sarrat eine Sonderausgabe seiner Zeitschrift "Freeing (Our Bodies) # 2" über die Musik von Frédéric Acquaviva. Darin Beiträge von Henri Chopin, Maurice Lemaître, Dorothy Iannone, ORLAN und Jacques Lizène , Jean-François Bory, Philip Corner, Bernard Heidsieck, Tom Johnson, Esther Ferrer.

1998 erhielt Acquaviva einen Auftrag vom französischen Kulturministerium, 1999 und 2018 vom ACR (France Culture), 2009 von Motus / Palais de Tokyo. Er war als Komponist bei der Emily Harvey Foundation in Venedig (2009, 2011 und 2016) und in den EMS-Studios in Stockholm (2015 und 2019) tätig. Außerdem erhielt Acquaviva das renommierte Beinecke-Stipendium der Yale University in den USA (2012 und 2017). Er kuratierte seit 2003 mehr als 40 Ausstellungen zu avantgardistischer Kunst und Poesie (Gil J Wolman und Isidore Isou u. a.) in Museen wie dem Barcelona Museum of Contemporary Art (MACBA), Serralves und dem Museo Reina Sofia. Im Juni 2019 wurde Acquaviva mit seiner ersten Monographie über Isidore Isous Kunstwerke (Editions du Griffon) bei FILAF mit dem Preis für das beste Buch für zeitgenössische Kunst des Jahres ausgezeichnet.

Mit der Stimmkünstlerin und Mezzosopranistin Loré Lixenberg gründete er 2014 in Berlin den Künstler- und Experimentalmusikraum La Plaque Tournante. Dieser wird aus dem Archiv AcquAvivA gespeist - einem umfangreichen Sammlung zu Arbeiten der Lettristen und Dokumenten zur experimentellen Kunst von Mitte des 20. Jahrhunderts bis heute. Er betreibt auch das CD-DVD-Web-Site-Magazin CRU (vertreten in den Sammlungen des Centre Pompidou, Paris; MACBA, Barcelona; Fondazione Bonotto, Italien).

Zudem veröffentlichte Acquaviva mehr als 100 Publikationen: neben seinen eigenen musikalischen Werken und Multiples (herausgegeben von Al Dante oder Les Presses du Réel) zahlreiche Künstlerbücher über Lettrismus, Körper- und Biokunst, Klangkunst und Komponisten (herausgegeben bei den Labels Casus Belli, Editions AcquAvivA, £@B und B@£).

Das Preiswerk "ANTIPODES"

Frédéric Acquaviva
ANTIPODES (2019)
for voices and dead electronics, 69'

mit den Stimmen von Joël Hubaut, Dorothy Iannone und Loré Lixenberg
Text: Joël Hubaut

Frédéric Acquaviva schreibt über sein Stück:

"Ich wollte schon lange eine groß angelegte Arbeit machen, die auf Arbeiten meines Freundes, des Dichters und Künstlers Joël Hubaut, basiert. Ich bat Joël, einige Worte zu performen, die auf Zeichnungen seiner Serie "Epidemik Diary" erscheinen. Die Aufnahmen fanden im Juli 2019 im Londoner Resident Studio statt. Die Titel von Joëls Bildtafeln werden von der amerikanischen Künstlerin Dorothy Iannone gesprochen, deren hypnotische Stimme ich einige Wochen zuvor in ihrem Berliner Studio aufnehmen konnte. Die Umsetzung der Partitur und Komposition von ANTIPODES fand im legendären EMS Studio in Stockholm statt und wurde im November 2019 in meinem eigenen Studio in London fertiggestellt. Das Stück basiert auf meiner zehn Jahre währenden Zusammenarbeit mit Loré Lixenberg, die mit meinem Projekt AATIE (2010-2011) begann. ANTIPODES nutzt das großartige Stimmspektrum der britischen Mezzosopranistin. Joël Hubaut kontrastiert ihre Parts mit seiner dunklen und kraftvollen Stimme.

Alle visuellen Arbeiten von Joël Hubaut befassen sich mit dem Begriff des Virus und dem Konzept der Epidemie. Die aktuelle Corona Krise war nicht ihr Anlass."

ANTIPODES besteht aus drei Teilen:

I. Hölle / II. Fegefeuer / III. Paradies

Jeder Teil ist wiederum in sechs Abschnitte unterteilt, analog zu den Zeichnungen, die den Ausgangspunkt des Werks bilden.

"Anfangs dachte ich daran, viel einfacher zu komponieren als üblich, nach dem Motto 'never repeat yourself'. Wenn es mir gelungen ist, etwas Neues zu schaffen, dann durch eine Komposition, die sowohl Einfachheit als auch Komplexität miteinander verbindet. Eine merkwürdige Komplexität, in der sich vermeintlich einfache Elemente wechselseitig verstärken und ANTIPODES zu einer Art Hölle einer göttlichen Komödie machen."

ANTIPODES existiert in unterschiedlichen Werkausgaben, wie häufig bei Acquaviva:

- als QR-Code Plattenhülle ohne Platte
- als Serigraph mit QR-Codes auf Leinwand (50x70cm)
- als Raumklangkonzert (Erstaufführungen: CMMAS, Mexico und Experimental Intermedia, New York)
- als radiophonic diffusion

Im April 2020 hatte ANTIPODES seine Premiere auf der Website studioconcreto.net. Das Stück lief als Loop über 24 Stunden.

69 Wettbewerbsbeiträge aus 25 Ländern

Der international renommierte Karl-Sczuka-Preis für Hörspiel als Radiokunst wird jährlich an die „beste Produktion eines Hörwerks, das in akustischen Spielformen musikalische Materialien und Strukturen benutzt“, verliehen. In diesem Jahr wurden 69 Wettbewerbsbeiträge aus 25 Ländern eingereicht.

Über die Preisträger hat am Freitag, 10. Juli 2020, in Baden-Baden eine unabhängige Jury unter Vorsitz von Olaf Nicolai entschieden. Weitere Jurymitglieder waren Julia Cloot, Michael Grote, Thomas Meinecke und Julia Mihály.

Der Karl-Sczuka-Preis

Der Karl-Sczuka-Preis ist nach dem Hauskomponisten der SWF-Gründerjahre benannt und wurde erstmals 1955 vergeben.

Seit 1972 wird er bei den Donaueschinger Musiktagen verliehen und ist seitdem zur international wichtigsten Auszeichnung für avancierte Werke der Radiokunst geworden.

Ausgezeichnet werden soll seit 1972 laut Satzung die „beste Produktion eines Hörwerks, das in akustischen Spielformen musikalische Materialien und Strukturen benutzt“.

Mauricio Kagel, Luc Ferrari, Gerhard Rühm, John Cage, Heiner Goebbels, Friederike Mayröcker, Pierre Henry, Oswald Egger, Christina Kubisch oder Olaf Nicolai waren im Laufe der Jahre Preisträger, die nach Donaueschingen kamen.

Der Karl-Szuka-Preis ist mit 12.500 Euro dotiert.

Sekretariat des Karl-Sczuka-Preises

Ekkehard Skoruppa Leitung

Straße:
Südwestrundfunk
Ort:
76522 Baden-Baden
Telefon 49-(0)7221-929-22282
Telefax 49-(0)7221-929-22072
E-Mail:
sczuka@swr.de

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