Hörspiel nach dem Roman von James Joyce

"Was ist das denn Verrücktes?"

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AUTOR/IN
Manfred Hess

Alle Folgen ab dem 27. Dezember

Der "Ulysses" von James Joyce zählt zu den Büchern, die selbst mutige Leser vor lauter Ehrfurcht nicht lesen, sondern nur bestaunen. Die SWR-Hörspielfassung hat jetzt den Deutschen Hörbuchpreis 2013 als bestes Hörspiel gewonnen und wurde zuvor bereits als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet.

Bei einem Hörspiel-Großprojekt wie dem "Ulysses" gibt es zahllose künstlerische Fragen zu entscheiden. Aber auch die organisatorischen Probleme müssen gelöst werden. Das verlangt von allen Beteiligten Flexibilität, Einsatz und Erfindungsreichtum, wie SWR2-Chefdramaturg Manfred Hess berichtet. Erst dann kann wer die nötige Kondition hat am Bloomsday 22 Stunden "Ulysses" hören.

Als Roman umfasst der "Ulysses" rund 1000 Seiten. Seine Besonderheit sind ununterbrochene, viele Seiten lange Gedankenströme. Das Hörspiel wird in SWR2 am 16. Juni an einem Stück gesendet? Wer kann so etwas durchgehend hören?

Kein Mensch kann das. Dieser Radiotag ist ein Kulturevent, er zeigt, dass der SWR als öffentlich-rechtliche Sendeanstalt nicht nur Kultur widerspiegelt, sondern auch, wie bei seinen Festspielen, Konzerten und Musikreihen, Kultur produziert. Das steht hier – neben dem Ereignis "Bloomsday" – im Vordergrund.

Wie sorgen Sie dafür, dass Hörer, die erst im Laufe des Tages einsteigen, dennoch jederzeit der Geschichte folgen können?

Wir bieten dem Hörer zuallererst ein klares Sendeschema, nach dem die einzelnen Teile des Romans, die 18 Kapitel, jeweils nur zur halben oder vollen Stunde beginnen, begleitet von einer kurzen Einführung und Zusammenfassung des Geschehens. Ausführlichere Informationen findet der Hörer dann in einer kleinen, praktischen Broschüre, unserem "Hörplan".

Nicht zuletzt bietet der Roman selbst den Quereinstieg an, denn jedes Kapitel hat einen eigenen literarischen Stil und ein Thema. Er ist zwar ein großes Ganzes, lässt sich aber auch in seinen Teilen – und das ist vielleicht das 'Postmoderne' an ihm – 'konsumieren'. Es sind also in gewissem Sinne 18 unterschiedliche Hörspiele, die den Hörer erwarten.

Mit der Produktion eines 22stündigen Hörspiels sind enorme Anstrengungen verbunden. So ein großes Projekt kann nur über eine Vielzahl von Beteiligten realisiert werden und die Verantwortlichen von SWR2 mussten zuvor Etats und Sendezeit freimachen. Was waren die größten Schwierigkeiten bei der Realisierung?

Renommierte Schauspieler kommen gerne für ein bis zwei Tage ins Hörspielstudio, da sie hier anständige und niveauvolle Texte sprechen können. Sehr schwierig wird es hingegen, wenn der namhafte Schauspieler in einem Zeitraum von drei bis fünf Monaten immer wieder für einzelne Tage und insgesamt zehn bis zwanzig Tage verpflichtet werden muss. Wir konnten ja nicht einfach die Rolle umbesetzen, wenn Manfred Zapatka oder Dietmar Bär zu den Terminen nicht konnten oder krankheitsbedingt absagen mussten.

Normalerweise würde dann die Produktion stecken bleiben. Hier nun mussten wir alle, vor allem Regisseur Klaus Buhlert, die Nerven bewahren. Wir mussten an anderen Teilen weiterarbeiten, das Ganze aber dabei immer im Kopf behalten und flexibel Lösungsmöglichkeiten entwickeln.

Für mich als Dramaturg hieß das: Sich immer wieder neu zu konzentrieren und mit dem Erarbeiteten nicht deshalb einverstanden zu sein, nur weil es lange gedauert hat. 

Was hat Sie bewogen, Klaus Buhlert als Bearbeiter und Regisseur anzufragen?

Klaus Buhlert ist in meinen Augen der Geeignetste für dieses Projekt. Er verfügt technisch über das nötige Know-how, um flexibel produzieren zu können: Er hat in den USA am Massachusetts Institute of Technology (MIT) geforscht und ist ausgebildeter Tonmeister. Er kennt wie kaum ein anderer in der Hörspielbranche längere Probenkonstellationen und große Drucksituationen, vor allem durch seine langjährige Arbeit als Theaterkomponist von George Tabori.

Nicht zuletzt ist er ein 'alter Hase' in der Umsetzung von literarischen Hörspiel-Großprojekten. Neben Robert Musils "Der Mann ohne Eigenschaften" oder Hermann Brochs "Die Schlafwandler" hat er 2008 die "Ilias" in der Neuübersetzung von Raoul Schrott realisiert.

So wie der Joyce-Roman viele Stilregister zieht, von beinahe postmodern zu nennenden Stilexperimenten und Montagetechniken bis hin zu klassischen Erzählformen, hat Buhlert all diese Formen in seinen verschiedenen Einzelprojekten erprobt und umgesetzt, so dass er sich jetzt an sein 'opus magnum' machen konnte.

Nicht zu vergessen: Ich arbeite schon lange mit ihm zusammen und für so einen Radiotag braucht man Vertrauen in die Zusammenarbeit, auch wenn's zwischendurch mal 'kracht'. 

Wie kamen Sie und Klaus Buhlert darauf, die Hauptrolle des Leopold Bloom mit Dietmar Bär zu besetzten, den die meisten nur aus dem "Tatort" kennen?

Viele Rollen waren Klaus Buhlert und mir recht früh klar und die Schwierigkeit des Besetzungsbüros bestand darin, für die längeren Aufnahmen Zeitkorridore zu finden – so bei Corinna Harfouch, Thomas Thieme, Manfred Zapatka, Jens Harzer oder Werner Wölbern. Dagegen war die Figur des Leopold Bloom lange Zeit offen.

In Gesprächen mit Ursula Wein-Schaeffer vom SWR-Besetzungsbüro kam dann der Name Dietmar Bär plötzlich ins Spiel. Mit ihm hat tatsächlich ein Casting stattgefunden: Klaus Buhlert, der zuvor nicht mit Bär gearbeitet hatte, traf sich mit ihm zwei Mal zu Proben - und dann sind sie es beide angegangen. 

Noch ist die Produktion nicht vollständig abgeschlossen. Wie lange wird es beim "Ulysses" von der Idee bis zum fertigen Hörspiel dauern?

Seit Januar 2011 sitzen wir konkret an der Textfassung, wobei gut ein Jahr zuvor eine gründliche Lektüre und Entwicklung einer Konzeption eingesetzt hatte. Im Mai 2011 begannen die ersten Wortaufnahmen mit den Schauspielern und seit November 2011 sitzt Klaus Buhlert an der Mischung einzelner Kapitel.

Dazwischen wurde und wird der Text überarbeitet, erfolgen Nachaufnahmen und so weiter. Abgeschlossen wird das Projekt dann im Mai 2012 sein. Also: reine Arbeitszeit eineinhalb Jahre und ein Jahr Reifung der Idee und konzeptionelle Vorbereitung. 

Welche persönlichen Erwartungen verbinden Sie mit diesem Projekt? Welche Resonanz auf die Ausstrahlung im Radio erwarten Sie?

Neben dem vordergründigen Öffentlichkeitseffekt wünsche ich mir, dass die Hörerinnen und Hörer – ob am Radiotag oder später, wenn die Einzelfolgen in SWR2 wiederholt werden – den Respekt vor den großen Meisterwerken verlieren.

Ich habe natürlich die Hoffnung, dass sie die Sinnlichkeit der akustischen Umsetzung zu der Frage führt: "Was ist das denn Verrücktes? Sowas habe ich ja noch nie gehört!" Sie mögen bemerken, wie reich sie mit Erfahrungen, die sie zuvor vielleicht nicht hatten, beschenkt werden, wenn sie sich auf solche Texte einlassen.

Wenn der SWR2-Hörspielfassung dies gelingen sollte, wäre ich sehr froh und wüsste, dass die Arbeit erfolgreich war und sich der Kulturauftrag des Senders erneut unter Beweis gestellt hat.

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Manfred Hess