Gespräch mit dem Vorsitzenden der James Joyce Foundation Zürich

Joyce - Dichter und Verdichter

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Das Gespräch führte Reinhard Hübsch. Webfassung: Klaus Rudloff und Candy Sauer

Fritz Senn ist Vorsitzender der James-Joyce-Stiftung Zürich und ein Kenner des Werks von James Joyce, dessen "Ulysses" vor 90 Jahren erschienen ist.

Herr Senn, warum hat die Joyce-Foundation gerade in Zürich ihren Sitz?

Joyce kam durch Zufall nach Zürich. Man hatte ihm eine Stelle versprochen; das war aber nichts, und er ist dann weitergegangen nach Triest. Im Ersten Weltkrieg ist er wieder nach Zürich zurückgekehrt und war dann vier Jahre dort. Das hat aber mit der Joyce-Stiftung direkt nichts zu tun.

Ich habe mich sehr früh auf Joyce eingelassen, weil es mich einfach absorbiert hat; ich konnte mich damit beschäftigen. Dass ich nun zufällig auch in Zürich aufgewachsen bin, hat vielleicht etwas dazu beigetragen. Aber ich habe mich über Jahre mit Joyce beschäftigt, und da kam einiges an Büchern und Unterlagen zusammen. Das ist dann durch glückliche Umstände, die es heute nicht mehr gäbe, von einer Bank zu einer Stiftung mit Anfangskapital gemacht worden. Das hat uns durch die Jahre am Leben erhalten.

Diese Prosa "Ulysses" hat Literaturgeschichte geschrieben. Nun können wir nicht voraussetzen, dass alle den Roman kennen. Warum hat dieser Roman quasi die Literaturgeschichte des 20. Jahrhunderts geschrieben?

Ich wünschte, ich hätte eine kurze Antwort darauf. Ich weiß es auch nicht. Joyce war sicher sehr ehrgeizig. Er wollte sich messen mit Homer, mit Dante und Shakespeare – das hat er einmal in einem Brief angedeutet. Er hatte also Großes im Sinn und wollte, wie immer, über sein eigenes Dublin schreiben, in dem er aufgewachsen ist.

Im Grunde ist es ein ganz provinzieller Roman, der sich aber nach allen Seiten ausweitet und alles in sich aufnehmen will wie eine Art Endmoräne, in die alle Literatur hineinfließt. Das Wunder ist, dass es ihm offenbar gelungen ist, so etwas in mühseliger Arbeit herzustellen; im Ganzen dauerte das ja sieben Jahre. Mich hat fasziniert, dass Joyce einfach mit Sprache umgehen und sehr viel damit anfangen kann.

Dazu kommt, dass er offenbar nie nur etwas ausgedrückt hat, sondern dass immer mehr mitschwingt. Es ist viel 'eingewickelt'; das Bekannteste ist die Odyssee, aber das ist nicht das Einzige. Die Prosa ist sehr voll, sehr dicht – als ob das Wort "Dichter" daher käme. Joyce ist ein großer Verdichter, auch ein großer Bearbeiter, Recycler. Er nimmt, wie es früher auch üblich war, die vorhergehende Literatur – und nicht nur die Literatur – in sein Werk auf. Er hat also sehr viel hineingepackt.

Der Roman ist auf Englisch geschrieben. Gibt es eine deutsche Übertragung, von der Sie sagen, die ist vorbildlich? Oder steht die noch aus?

Ich will das Wort "vorbildlich" nicht verwenden ...

... sagen wir kongenial ...

Da ist mir auch ein bisschen unbehaglich. Dass wir dafür kein Wort haben, dafür kann niemand etwas. Es gibt eine Übersetzung von Wollschläger, die zweite. Und da ich daran als eine Art 'Innenlektor' beteiligt war, bin ich auch ein bisschen mitverantwortlich, obwohl Wollschläger als ganz großer Stilist natürlich das letzte Wort hatte. Diese Übersetzung ist sicher etwas geworden, das in sich selbst Bestand hat.

Dass natürlich nicht alles übertragbar ist, liegt einfach in der Sache. Literatur ist, glaube ich, an sich nicht richtig zu übertragen. Was nicht geht, das macht eben oft die Literatur aus. So müssen sich die armen Übersetzer eben damit behelfen, was möglich ist. Und hier hat Wollschläger einiges geleistet.

Es ist durchaus wahrscheinlich, dass neue Übersetzungen entstehen. Jede Generation soll ja ihre eigenen haben, vor allem weil Joyce jetzt frei ist. Es kann sich nun also jeder daran versuchen und eine Übersetzung rechtsfrei herausgeben.

Es ist keine Prosa, die eine Handlung erzählt. Es ist ein gigantischer innerer Monolog zur Zeit. Es wird vielfach verglichen mit Marcels Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit", aber schauen wir doch noch ein bisschen in die deutschsprachige Literatur. Welche Folgen hat das gehabt? Gibt es Autorinnen oder Autoren, die sich in die Spur von Ulysses gesetzt haben?

Man sagt das von Döblin mit seinem "Berlin Alexanderplatz". Das wird sehr oft verglichen. Da ist etwas über Berlin, auch gewöhnliche Handlungen. Offenbar hat Döblin, so wie wir es jetzt wissen, den "Ulysses" auf Deutsch gelesen, als er 1927 herauskam. Er hat vermutlich einiges aufgenommen, bestand aber immer darauf, dass er selbständig seinen Roman angefangen hat, dass er also nicht ein Epigone ist. Das ist eine Entwicklung, die es sehr oft gibt.

Joyce hat natürlich die Stadt als Stadt zum Literaturobjekt erhoben. In seinem Fall ist es eine ganz konkrete Stadt mit richtigen Straßen, Läden und Einrichtungen, die es tatsächlich gab. Es ist auch etwas Neues, dass Joyce nicht nur Literatur wie Homer oder Shakespeare benutzt, sondern dieses modernen Mittel der Kommunikation oder Überzeugung, die Werbung. Denn Bloom, die Hauptfigur, lebt in der Tat davon, dass er Inserate in die Zeitung bringt.

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Das Gespräch führte Reinhard Hübsch. Webfassung: Klaus Rudloff und Candy Sauer