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Zwei Personen in Schutzkleidung zerstören Möbel in Wutraum

Anti-Stress-Programm Dampf ablassen im Wutraum

Etwas kaputt zu machen, kann Spaß machen. Auch normale Bürger sollten daher der Lust am Zerstören ab und an freien Lauf lassen, das sagen Betreiber von so genannten Wuträumen. Psychologen sehen das mit Skepsis.

Im Sommer 2014 wurde der erste Wutraum Deutschlands in Halle errichtet. Dort können Kunden eine ganze Zimmereinrichtung kurz und klein schlagen. Inzwischen ist das auch in München und Berlin möglich. In der Hauptstadt heißt der Wutraum auch Crashroom. Reporterin Julia Beißwenger hat zwei junge Frauen bei ihrem Besuch im Crashroom begleitet.

Stressabbau mit dem Baseballschläger

Christian Block begrüßt die zwei Frauen im Crashroom. Laut Block können die beiden hier Stress abbauen, Spaß haben und aus sich herausgehen. Die Besucherinnen des Crashrooms haben die Wahl zwischen Golfschlägern, Baseballschlägern, Vorschlaghammer oder Spaltaxt. Berit und Jessika sind Anfang 30 und gut drauf. Die Wände in dem kleinen Raum sind weiß und haben unzählige Dellen und Macken. Das passt nicht ganz zur Einrichtung, die an ein Wohnzimmer aus den 1980er Jahren erinnert. Auf dem Boden liegt ein alter Teppich, darauf stehen ein Tisch und zwei Stühle, mehrere Holzkommoden sind mit bunten Glasschalen dekoriert, auch ein alter Röhrenfernseher ist aufgebaut. Berit ist vom Fernseher begeistert: Sie will den Fernseher nicht anschalten, sondern zertrümmern, so wie alle anderen Gegenstände und Möbel im Raum.

Frau zerstört Laptop mit Hammer

Der Berliner Crashroom ist bei Frauen besonders gefragt. Besitzer Christian Block meint, dass liege daran, dass Frauen immer zu Zurückhaltung erzogen worden seien.

Einmal Wutraum zum Geburtstag

Berit erzählt, ihr Freund habe ihr den Besuch im Crashroom zum Geburtstag geschenkt. Vor ein paar Monaten habe sie gesagt, sie habe schon immer einmal eine Wand einreißen wollen. Da sei ihm die Idee gekommen, ihr etwas zu schenken, wo sie einfach einmal um sich schlagen könne. Es habe damit zu tun, einmal Dampf abzulassen und vor allen Dingen dabei Spaß zu haben. Dann habe sie ihre Freundin Jessika mitgenommen, denn zu zweit mache es mehr Spaß. Die beiden Frauen freuen sich auf die Aktion.

Schutzkleidung für Aggressive

Bevor die Frauen loslegen, müssen sie sich passend einkleiden. Christian Block reicht ihnen zwei Maleranzüge, dazu Helme und Schutzbrillen, denn beim Zertrümmern wirbelt einiges durch die Luft. Der Crashroom-Besitzer gibt noch Tipps: "Das Schlimmste ist der Fernseher: Es kann passieren, dass das nach vorne splittert. Das heißt, lieber von oben beziehungsweise von der Seite reinschlagen. Auch wenn man mit dem Vorschlaghammer oder mit dem Golfschläger ausholt , nicht dem Hintermann oder der Hinterfrau auf den Kopf hauen." Eine Stunde haben die zwei Frauen Zeit, eine Pause ist auch erlaubt. Christian Block wünscht viel Spaß, dann machen Berit und Jessika sich ans Werk.

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Kaputt machen nach Lust und Laune

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Der Wutraum in München ist als Büro eingerichtet: Hier können die Kunden sich vom Stress bei der Arbeit befreien.

Der Wutraum in München ist als Büro eingerichtet: Hier können die Kunden sich vom Stress bei der Arbeit befreien.

Nach der Benutzung des Münchner Wutraums ist von der Büroatmosphäre nicht mehr viel übrig.

Deutschlands erster Wutraum in Halle wurde 2014 eröffnet: Noch sieht alles ganz geordnet aus.

Die Kunden in Halle dürfen den Wutraum eine halbe Stunde lang belegen. Das Angebot beinhaltet Sicherheitskleidung, Werkzeug zum Zerstören, Möbel und passende Musik.

Im Wutraum kann man einmal so richtig Dampf ablassen.

Nach der Benutzung ist der Wutraum kaum mehr wiederzuerkennen: Sämtliche Möbel sind kurz und klein geschlagen.

Frauen als Hauptkunden

Während die beiden Frauen mit ihrer "Arbeit" beginnen, geht Christian Block in einen Nebenraum und dreht die Musik auf. Die ist wichtig, damit die Kunden aus sich herauskommen, sagt er. Im Wutraum wird es immer lauter. Mit schweren Äxten dreschen die Frauen auf eine Kommode ein. Früher war das Gebäude eine KFZ-Werkstatt, erzählt Christian Block. Heute gibt es zwei Wuträume und ein kleines Lager. Darin türmen sich Schrottreste neben alten Möbeln - überwiegend aus Wohnungsauflösungen

Christian Block hat erst vor kurzem sein BWL-Studium abgeschlossen, im Frühjahr 2015 eröffnete er seine Wuträume. Ein bis zwei Kunden kommen am Tag oder besser gesagt: Kundinnen, denn mindestens 70 Prozent sind weiblich, sagt er. Grund dafür sei, dass Männer eben Fußball spielen oder ihre Aggressionen anderweitig herauslassen könnten. Frauen seien hingegen immer dazu erzogen worden, zurückhaltend zu sein - der Wutraum biete ihnen die Möglichekeit dies einmal nicht zu sein.

Psychologin: Wuträume fördern aggressives Verhalten

Berit und Jessika scheinen das zu bestätigen. Psychologen mahnen aber zur Vorsicht. Verschiedene Studien zeigen nämlich, dass Menschen, die Aggressionen ausleben, aggressives Verhalten eher wiederholen, so die Psychologin Barbara Krahé von der Universität Potsdam. Ihre experimentellen Studien zeigen, dass wer sich in einem Setting wie dem Wutraum ausgetobt habe und sich dadurch gut fühle, bei entsprechenden Gelegenheiten später mehr Aggressionen zeige.

Laut Krahé lässt sich dieses Verhalten relativ einfach psychologisch erklären: Wenn man sich beim Zerstören von Dingen gut fühle, sei dies sozusagen ein Selbstbelohnungsmechanismus für aggressives Verhalten. Es finde eine Art emotionale Konditionierung statt. Die Psychologin meint: "Ich verbinde das aggressive Handeln mit dem guten Gefühl und nehme das als einen Hinweis darauf, dass ich auch in Zukunft durch dieses aggressive Verhalten dieses gute Gefühl wieder produzieren kann."

Geballte Faust

Doch können Wuträume wirklich dabei helfen, Aggressionen abzubauen?

Entspannt aus dem Crashroom

Berit und Jessika zerlegen Möbel, Gläser und Fernseher. Nach einer dreiviertel Stunde ist der Boden übersät mit Schrott. Die Frauen sehen zufrieden aus. Berit meint: "Ich fühle mich wie nach einer Stunde joggen gehen, voller Glücksgefühle und ruhig, durchgeschwitzt, ja, total entspannt eigentlich." So geht es vielen Kunden von Christian Block. Sie kommen einmal, um etwas zu tun, was sonst im Alltag verboten ist, und fühlen sich hinterher entspannt. Wer jedoch viel Wut oder gar Aggression im Alltag aufstaut, sollte nicht in den Wutraum gehen, sondern eher auf die Ursachen schauen, sagt Barbara Krahé. Nichtsdestotrotz schadet den meisten ein einziger Besuch im Crashroom wohl nicht. Das macht eher einfach Spaß.

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