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Der Bassist und Krautrockerfinder Hellmut Hattler "Der Bass ist eigentlich zu mir gekommen..."

Kaum ein deutscher Musiker hat eine so markante Sprache entwickelt wie der 65-jährige Bassist und Komponist Hellmut Hattler. Seit den 1970ern war er Motor der Krautrock-Gruppe Kraan, dann Partner des HipJazz-Duos Tab Two, ab 2000 dann Leiter der Elektronik-Jazz-Band, die einfach "Hattler" heißt. Zusammen mit der Gospelsängerin Siyou Ngnoubamdjum hat er das Duo Siyou'n'Hell gegründet. Moden rannte er nie hinterher, seine Stile prägte er stets selbst.

Hattlers Haus ist voller Exoten: Im Garten halten zwei Statuen mit spitzen Hauben Wache. Im Wohnzimmer hängen geheimnisvolle Masken. Hattlers Lieblingsstück blinzelt aus halbgeschlossenen Augen den Besucher an.

Man muss man ja nicht gleich alles in die Welt rausposten

"Das sind diese balinesischen Wächtermasken. Man hat so das Gefühl, hinter den halbgeschlossenen Augen verbirgt sich eine Macht, ein Wissen, das dann aber nicht so raus gelassen wird. Das gefällt mir eigentlich als Bild. Weil, wenn man irgendwas kann und irgendwas weiß, das muss man ja nicht gleich in die Welt raus posten, sondern kann das erst mal für sich behalten".

Mit Hattler kam ein neuer Typ des Bassisten auf die Bühne

Angefangen hat alles mit der Band Kraan. 1975 schießt erst in Deutschland, später auch international, ihr Album "Kraan Live!" durch die Decke. Konzentrierte musikalische Energie, eine Band, die sich blind versteht; Klänge, die man zuvor nie gehört hat. Und ein Bassmann, der alles will, nur nicht Brummeln im Background.

Mit Hattler kommt ein neuer Typus Bassist auf die Bühne – einer der die Schwerkraft aufheben kann. Hellmut Hattler ist schon in dieser Anfangszeit von sich und von der Band Kraan absolut überzeugt. So überzeugt, dass er die Schule schmeißt. Er habe sechs Wochen vor dem Abitur so sicher gewusst wie nichts sonst, dass er den normalen Schulbetrieb verlassen müsse und sei dann wirklich Profi geworden mit knapp 19.

Hellmut Hattler

Mit Helmut Hattler kam ein neuer Typ des Bassisten auf die Bühne.

Kraan - von Ulm über Berlin in den Teutoburger Wald

Ulm ist der Startpunkt der Band. Dann lockt Berlin. Und irgendwann beginnt das Leben in Gut Wintrup, einer Landkommune im Teutoburger Wald. Hier findet eine Zeit lang alles statt. Kunst und Kochen, Lieben und Leben. Deutschlands erstes selbstverwaltetes Irrenhaus, meint Hattler.

Es ist an der Wohnform erkennbar, an der Musik, Kleidung, den Brillen, der Selbstorganisation: Kraan ist auch ein politisches Statement. Der deutsche Weg dieser Bandgeneration, ihre besondere Ästhetik, die Lust am Neuen, der aufgeladene Zeitgeist bekommen einen Namen: Krautrock.

"Und ich glaube, das war auch das, was diese ganze Krautrock-Bewegung damals verbindet. Das war wie ‘ne kleine Kulturrevolution, der Gedanke, sich neu zu positionieren. Und als gemeinsame Bewältigung von diesen ganzen Nachkriegswirren war das extrem wichtig auch zur Emanzipation der deutschen Musik oder europäischen Musik.“

HipJazz mit dem Duo "Tab Two"

Cover: No flagman ahead, The Tab Two

Tab Two Cover: No flagman ahead

Die Band Kraan existiert bis heute, hat allerdings einige Häutungen und Zellteilungen hinter sich. In den 80ern kommt der Trompeter Joo Kraus dazu, der nicht nur sein Instrument im Griff hat, sondern auch seine Stimme und die Elektronik. Als die Band Kraan sich gerade mal wieder auflöst, gründen Hellmut Hattler und Joo Kraus das Duo "Tab Two" und erfinden ein neues Label: Die beiden machen HipJazz. Eine Mischung aus elektronischen Grooves und HipHop-Elementen mit einem jazzigen Kern. Der Mix kommt international gut an.

Es dauert nicht lange und Tab Two hat einen neuen Fan: Tina Turner

Die Sängerin nimmt sogar ein eigens für sie komponiertes Stück von Tab Two auf. Helmut Hattler: "Und dann habe ich das electronic press kit von ihr gesehen und war sehr erfreut, dass es Tina Turners Lieblingssong von ihrem Album ‚Wildest Dreams‘ geworden ist. Und das freut mich dann doch sehr".

Aus einem Tief entsteht "Hattler"

Auf dem Höhepunkt des Erfolgs kommt der Absturz: Joo Kraus beendet - für Hattler völlig überraschend - die Zusammenarbeit. Die Fassungslosigkeit sitzt tief, weil er auch privat eine Trennung zu verarbeiten hat. Die Krise ist der Startpunkt für ein neues Bandprojekt: Hattler! Der Bassist ist der Kopf und der Motor dieser Gruppe aus hochqualifizierten Jazz- und Popgrößen und Elektronikspezialisten.

Hellmut Hattler und Band

Hellmut Hattler und Band v.l.n.r.: Fola Dada (voc), Torsten de Winkel (git), Oli Rubow (dr), Hellmut Hattler (b)

Fast so etwas wie ein Gegenentwurf zu den raffinierten, wie aufwändigen Sounds der Band Hattler ist die jüngste unter den Formationen des Bassisten: Siyou’n’Hell. Klingt wie: See you in hell – wir sehen uns in der Hölle. Ist aber eigentlich das knackige Kürzel der Namen der Akteure: Sängerin Siyou Isabelle Ngnoubamdjum und Hellmut Hattler.

Neues Album zum 65. Geburtstag im April erschienen

Hellmut Hattler hat viele Konzepte entwickelt und höchst unterschiedliche Bands gegründet. Das Verrückte ist: Alle Besetzungen haben wieder zusammen gefunden und zu Hattlers 65. Geburtstag im April 2018 ein neues Album eingespielt. Der Kraan-Titel "Hoch das Bein" bekommt in diesem Alter jedenfalls eine geradezu philosophische Bedeutung. Wie lange geht das noch gut?

Hellmut Hattler am Bass

Hellmut Hattler am Bass

"So lange die Beine tragen! Und die Finger auch. Keine Ahnung. Mein Vater ist gestorben, als er 46 war. Da dachte ich, alles was danach kommt, ist Freispiel. Und genau so leb‘ ich halt auch. Und ich bin wirklich superglücklich, dass ich spielen kann, dass ich touren kann, dass ich mein Zeug schleppen kann. Und dass ich komponieren und texten kann, dass ich ein warmes Haus hab. Das ist phantastisch".

Im Programm

Franz Liszt:
Fantasie über ungarische Volksmelodien S 123
Nareh Arghamanyan (Klavier)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Alain Altinoglu
Johann Gottlieb Graun:
Konzert a-Moll
Akademie für Alte Musik Berlin
Wladyslaw Szpilman:
Concertino
Ewa Kupiec (Klavier)
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: John Axelrod
Peter Tschaikowsky:
"Manfred"-Sinfonie op. 58
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Leitung: Vasily Petrenko

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