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71. Filmfestival Locarno Ort für junge Filmemacher und junge Themen

Am 9.8.2018 von Rüdiger Suchsland

Locarno im Tessin ist ein Rentnerparadies und zu Filmfestivalzeiten auch ein Ort der Jugend und der Neuentdeckungen. Das meint junge Filmemacher, es meint aber auch junge Figuren und Stoffe, die mit Erwachsenwerden, Weltentdeckung, aber auch Verlust der Unschuld und der Illusionen zu tun haben.

Ein Lehrer in der Schule flippt aus und schmeißt den Schüler Guillaume aus dem Klassenzimmer. Guillaume ist klug, zu klug für seine 16 Jahre, er ist fasziniert von dem charismatischen Geschichtslehrer, aber er erkennt auch dessen Schwächen und provoziert ihn durch zynisch-arroganten Spott. Dabei hat Guillaume genug mit sich selbst zu kämpfen.

"Genesis" von Philippe Lesage

Wir befinden uns an einer Boarding-Shool für Jungen in Kanada. Guillaume ist dort Schüler, er ist eine der Hauptfiguren in "Genesis", dem Film des Frankokanadiers Philippe Lesage im Wettbewerb von Locarno.

Die zweite Hauptfigur ist Guillaumes Schwester Charlotte, die noch zuhause bei Vater und Stiefmutter lebt. Sie verbringt viel Zeit mit ihren Freundinnen, hat einen Freund, der sie langweilt, beginnt ein Liebesverhältnis mit einem wesentlich älteren alleinstehenden Mann und hat wie ihr Bruder einen gewissen Hang dazu, Situationen zu provozieren, die sie in Schwierigkeiten bringen, fast, so könnte man sagen, eine masochistische Ader. Ein dritter Erzählstrang zeigt die etwa 12-jährigen Beatrice und Félix, die in einem Ferienlager ihre erste Liebe erleben.

Entstanden aus den Erlebnissen des Autors

Regisseur Philippe Lesage hat bisher mehrere Dokumentarfilme gemacht und autobiographisch eingefärbte Spielfilme. Und auch "Genesis" ist aus den Erlebnissen des Autors entstanden.

Philippe Lesage

Philippe Lesage

Er erzählt in bewusst überhöhten Szenen, musikalisch und traumwandlerisch schwebend. Ein Film der Sehnsucht und Sehnsüchte, voller visueller, sinnlicher Reize, der versucht, das unklare Erleben Heranwachsender in eine filmische Erfahrung zu verwandeln.

Film über die Katastrophen und Paradiese der Kindheit

"Genesis" ist ein Film, der bewusst nicht auf den Punkt, auf einen bestimmten Punkt kommen will, sondern der kleine und große Katastrophen, kleine und große verlorene Paradiese der Kindheit aneinanderreiht zu einem Reigen der Erfahrungen.

Was treibt sie um die Jugendlichen knapp 20 Jahre nach der Jahrtausendwende?

Harte Schale, weicher Kern könnte man sagen. Alle Menschen spielen Rollen, halten sich mit kleinen und größeren Alltagslügen die schlimmsten Zumutungen des Lebens vom Leib - aber wer sich selbst erst noch finden muss, nicht weiß, wer er ist und was er will, der kann zwischen Wahrheit und Lüge auch nicht so klar unterscheiden, wie die Erwachsenen.

Sensibles Portrait der Weiblichkeit: "Likemeback"

Die drei Freundinnen, die gerade ihr Abitur gemacht haben und in dem italienischen Film "Likemeback" von Leonardo Guerra Seràgnoli auf eine Bootstour in der adriatische See gehen, leben nicht nur wie alle Jugendlichen in ihrer eigenen Welt, sondern jede von ihnen auch noch in ihrer ganz persönlichen Filterblase.

Leonardo Guerra Seràgnoli

Leonardo Guerra Seràgnoli

Permanent hängen sie an ihren Smartphones, nehmen ihre Umwelt kaum wahr, bis sich die beiden Welten dann doch plötzlich wieder vermischen, und virtuelles Handeln sehr reale Folgen hat.

"Likemeback" ist ein sensibles Portrait verschiedener Facetten der Weiblichkeit und zeigt vor allem in starker Weise die Wechselbeziehungen zwischen den drei jungen Frauen.

"Hatzlila": Portrait der komplexen israelischen Gesellschaft

Wenn man in Israel aufwächst, wird man sowieso auch schon als Jugendlicher permanent mit der realen Welt und dem sogenannten "Ernst des Lebens" konfrontiert.

Quasi spiegelbildlich zu den drei Mädchen in "Likemeback" zeigt "Hatzlila" von Yona Rozenkier drei junge Männer, drei Brüder, die sich in dem Kibbuz treffen, in dem sie aufgewachsen sind, um ihren Vater zu beerdigen. Zwei Tage später muss der jüngste von ihnen, der gerade seinen Militärdienst leistet, an eine gefährliche Front. Er holt sich Rat bei den Brüdern - aber allmählich eskalieren die Gespräche.

Und so zeichnet dieses israelische Debüt ein subtiles, manchmal humorvolles Portrait der komplexen israelischen Gesellschaft, die sich von ihrem alten Staatsmodell - säkular, liberalsozialistisch, westlich-orientiert - längst innerlich verabschiedet und sich mehrheitlich ins Konservativ-Autoritäre wandelt: Am Horizont erscheinen die Konturen eines jüdischen Gottesstaats.

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