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Filmkritik "Werk ohne Autor" von Florian Henckel von Donnersmarck Das Leben von Malerstar Gerhard Richter

Von Rüdiger Suchsland

Mit "Werk ohne Autor" hat Oscar-Preisträger Florian Henckel von Donnersmarck die Biografie von Malerstar Gerhard Richter verfilmt. Es ist der deutsche Beitrag im Wettbewerb der Filmfestspiele von Venedig. Mit seinem dritten Spielfilm ist der Regisseur bereits als deutscher Kandidat für den Auslands-Oscar nominiert. Am 4. Oktober läuft der Film in den deutschen Kinos an. Ein starker Stoff, aus dem Henckel von Donnersmarck zu wenig macht.

Überzeugende Newcomerin Saskia Rosendahl 

Sie ist der eigentliche Star dieses Film, im doppelten Sinne: die Schauspielerin Saskia Rosendahl. In "Werk ohne Autor", dem dritten Spielfilm von Florian Henckel von Donnersmarck, verkörpert sie Elisabeth, die Tante eines etwa sechs Jahre alten, begabten und an Malerei interessierten Jungen.

Schönheit der Avantgarde

Sie besucht mit ihm im Jahr 1938 die Nazi-Propaganda-Ausstellung "Entartete Kunst", die in Dresden Station macht, und versucht dem Kind die Schönheit der Avantgarde nahezubringen - entgegen der Propaganda. 

Wenig später wird diagnostiziert, sie sei "schizophren". Bald darauf wird sie von NS-Ärzten euthanasiert, als "lebensunwertes Leben" ermordet.

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Kinostart 4.10.

Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck

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Dem jungen Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) gelingt beim Bau der Mauer die Flucht nach Westdeutschland.

Dem jungen Künstler Kurt Barnert (Tom Schilling) gelingt beim Bau der Mauer die Flucht nach Westdeutschland.

Entgegen seiner Hoffnung kann er auch im Westen kein friedliches Leben führen.

Die Erinnerungen an seine schwere Kindheit im NS-Regime quälen ihn.

Kurt Barnert konnte nie wirklich verarbeiten, was er als Kind und später auch in der DDR unter dem SED-Regime erleben musste.

Erst als er die Studentin Elizabeth "Ellie" (Paula Beer) kennenlernt, ändert sich für Kurt Barnert alles. In Ihr findet er die Liebe seines Lebens, die ihm ermöglicht, seine Traumata in der Kunst zu bewältigen.

Überschattet wird das junge Glück jedoch vom fordernden Schwiegervater Professor Seeband (Sebastian Koch), der eine Mitschuld an den Ereignissen in Kurt Barnerts Leben trägt.

In seiner Malerei verarbeitet Kurt Barnert nicht nur die eigenen Erlebnisse, sondern die einer ganzen Generation.

Traumatischer Verlust als emotionaler Kern des Films

Diese traumatische Geschichte aus dem Leben eines kleinen Jungen, aus dem später mal ein berühmter Künstler wird, bildet den emotionalen Kern dieses Films. Für die restlichen zweieinhalb Stunden des Films wird das Bild der ermordeten Tante nicht verblassen, weder im Herzen der Zuschauer, noch in dem der Hauptfigur.

Dieses Bild legt sich über jenes der Frau, die der junge Künstler kennen und lieben lernt. Und es scheint durch jede Leinwand hindurch, die der Künstler als junger Mann bemalt.

Eine Doppelgänger-Geschichte

Dies ist in seinem Plot ein deutsches "Vertigo", eine Doppelgänger-Geschichte, in der ein traumatisierter Mann immer nach der Frau sucht, die er einst verlor. 

Diese traumatische Geschichte hat sich der Regisseur und Drehbuchautor Donnersmarck keineswegs ausgedacht. Bis in Einzelheiten entspricht sie dem Leben Gerhard Richters, des wichtigsten lebenden deutschen Malers.

Erst als er die Studentin Elizabeth "Ellie" (Paula Beer) kennenlernt, ändert sich für Kurt Barnert alles. In Ihr findet er die Liebe seines Lebens, die ihm ermöglicht, seine Traumata in der Kunst zu b

In der Studentin Elizabeth "Ellie" (Paula Beer) findet Kurt Barnert die Liebe seines Lebens.

Bizarrer Zufall: Richter heiratet die Tochter des Mörders seiner Tante

Jürgen Schreiber hat diese Geschichte in seiner Biografie recherchiert und erzählt. Ein besonders bizarrer Zufall: Richter heiratet später die Tochter jenes führenden SS-Arztes, der die Ermordung seiner Tante zu verantworten hat.

Tom Schilling als Maler, Sebastian Koch als SS-Doktor

Viele Einzelheiten mögen erfunden sein, aber "Werk ohne Autor" ist im Wesentlichen eine fiktionale Biografie über die jungen Jahre Gerhard Richters bis zu seinen Durchbruch als Künstler.

Tom Schilling spielt den Maler, Oliver Massucci Joseph Beuys, Sebastian Koch (ein weiteres Mal in perfekt sitzender Nazi-Uniform) den SS-Doktor, der darüber schwadroniert, er sei der "Wächter am Ufer des Erbstroms". Auch später schwört er seinen perversen Wertvorstellungen nicht ab. 

WOA neu

WERK OHNE AUTOR erzählt über drei Epochen deutscher Geschichte von den dramatischen Lebenslinien des Künstlers Kurt.

Zu glatter Kostümfilm

"Werk ohne Autor" ist über drei Stunden lang. Entsprechend komplex und verwinkelt ist seine Geschichte. Technisch gut gemacht ist sie, ästhetisch konservativ. Wie von diesem Regisseur gewohnt, wirkt sie gediegen, mitunter auch etwas spießig.

Alles in diesem Kostümfilm sieht ein bisschen zu kostümiert, zu perfekt, zu glatt aus. Schade.

Überschattet wird das junge Glück jedoch vom fordernden Schwiegervater Professor Seeband (Sebastian Koch), der eine Mitschuld an den Ereignissen in Barnerts Leben trägt und ihm das Leben schwer macht.

Sebastian Koch (Professor Seeband) gibt ein weiteres Mal in perfekt sitzender Nazi-Uniform den SS-Doktor.

Der Film bündelt mehrere Männerphantasien

Der Film ist zu lang, fesselt zwar, schweift aber auch ab und wirkt unkonzentriert. Allzu oft muss sich Paula Beer als Geliebte des Malers ausziehen.

"Werk ohne Autor" bündelt mehrere Männerphantasien: Neben der Phantasie von der Frau als Objekt der Begierde auch jene von männlicher Gewalt und deren Sublimation durch die Kunst, und schließlich die Idee der Kunstreligion. Kunst als reiner, wahrer Zustand: Eine Utopie, die das faschistische Bündnis von Kitsch und Tod kontert.

Regisseur misstraut seinem Film

Viel zu viel Musik hat Donnersmarck über seine Bilder gekleistert. Ein Zeichen, dass er selbst seiner Geschichte nicht ganz traut. Das hätte er aber können, denn die Geschichte von einem jungen deutschen Künstler zwischen Geschichte und Gegenwart, Trauma und Verdrängung, Ost und West, hat große Kraft und wirkt lange nach.

"Sieh nicht weg! Nie wegsehen. Alles, was wahr ist, ist schön." Das ist die vielleicht etwas schlichte Moral dieses Films. Aber nicht wegzusehen, das ist in jedem Fall eine gute Lektion für das Leben.

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