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TV-Kritik Stuttgart-Tatort „Anne und der Tod“

Pflegebedürftige Menschen sterben, das gehört zum Alltag von Pflegekräften. Immer wieder stehen aber auch überforderte Pflegekräfte unter Mordverdacht. Der neue Stuttgarter ARD Tatort spielt genau mit diesem Verdachtsmoment: Eine Pflegerin wird festgenommen, weil zwei ihrer Patienten kurze Zeit hintereinander gestorben sind. Der ARD Tatort „Anne und der Tod“ ist in der ARD Mediathek zu sehen.

Musterexemplar einer Pflegekraft

Anne Werner ist das Musterbeispiel einer Pflegekraft: herzlich, mitfühlend, zupackend wenn es sein muss, und zuverlässig. Sollte diese Frau zwei alte Männer umgebracht, dem einen die falschen Tabletten verabreicht, den anderen von der Treppe gestoßen haben? 

Im Haus des Ehepaars Hinderer kniet Altenpflegerin Anne (Katharina Marie Schubert) vor ihrem Patienten Christian (Christoph Bantzer).

Altenpflegerin Anne (Katharina Marie Schubert) und ihr Patient Christian (Christoph Bantzer)

Zuschauer ist den Ermittlern voraus

Einen guten Teil seiner Spannung bezieht dieser Tatort daraus, dass man als Zuschauer immer ein kleines bisschen mehr weiß als die Protagonisten. Irgendwie kann man nicht anders als Anne Werner glauben, während die Kommissare Lannert und Bootz sich immer wieder an ihr festbeißen.

Raffinierte Krimidramaturgie

Die meisten Szenen spielen im Verhörraum, unterbrochen von vereinzelten Rückblenden in Annes Privat- und Berufsleben oder den Faktenchecks der Polizisten. Schnell ineinander geschnitten ergibt das einen Fall, der nicht von vorne bis hinten durcherzählt wird, sondern vor und zurückspringt, und einem sowohl Anne Werner als auch die Toten in kleinen Portionen näher bringt.

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Das Erste

Stuttgart-Tatort „Anne und der Tod von Jens Wischnewski

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Christian Hinderer (Christoph Bantzer) ist alt und pflegebedürftig. Weil seine Frau ihm nicht mehr alleine helfen kann, sieht Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) regelmäßig nach ihm.

Christian Hinderer (Christoph Bantzer) ist alt und pflegebedürftig. Weil seine Frau ihm nicht mehr alleine helfen kann, sieht Altenpflegerin Anne Werner (Katharina Marie Schubert) regelmäßig nach ihm.

Eines Morgens wird Christian Hinderer am Fuß einer Treppe tot aufgefunden.

Seine Witwe Gundula (Marie Anne Fliegel) ist fest davon überzeugt, dass die Altenpflegerin Anne etwas mit dem Tod ihres Mannes zu tun hat.

Auch die junge Hausärztin Maxi Scheller (Julia Schäfle) schaut ganz genau hin. Ob ihr Verdacht nach dem Tod von Paul Fuchs (Harry Täschner) berechtigt ist oder nicht, müssen Sebastian Bootz (Felix Klare, li.) und Thorsten Lannert (Richy Müller) herausfinden.

Die Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) befragen die Altenpflegerin und stoßen bald auf ein interessantes Detail.

Anne Werner streitet den Verdacht, dass sie in das Sterben der beiden Männer verwickelt sein könnte, nachdrücklich ab.

Egal wen die Ermittler aus dem Umfeld Anne Werners befragen, alle äußern sich löblich über die Altenpflegerin. Nur die Witwe von Christian Hinderer hält vehement an ihrer Theorie fest.

Ihr Patient Eberhard Rees (Falk Rockstroh) lobt die Zuwendung von Anne Werner in den höchsten Tönen.

Doch Thorsten Lannert und Sebastian Bootz lassen nicht locker: sie wollen hinter die Fassade von Anne Werner blicken und herausfinden, was wirklich geschehen ist.

 

Tristesse des deutschen Pflegealltags

Ungeschönt zeigt der Krimi die Tristesse des deutschen Pflegealltags: Termin- und Leistungsdruck bei den Pflegediensten, die Einsamkeit alter Menschen, die nicht mehr allein auf Toilette gehen können. Die Patienten vegetieren vor sich hin, was sie nicht daran hindert, sexuell übergriffig zu werden. Wie geht eine Pflegerin damit um, die sich Empathie und Mitleid eigentlich gar nicht leisten kann. Sie verdient zwar nur 1.500 Euro im Monat, will aber um alles in der Welt nicht dem Klischee einer alleinerziehenden Mutter entsprechen.

Sozialer Druck im Wohlstandskessel Stuttgart

Anne fährt einen kleinen Mercedes und kauft dem Sohn teure Turnschuhe. Und das macht sie verdächtig. Es ist die perfide Logik des sozialen Drucks im Wohlstandskessel Stuttgart, die die Ermittler und Anne Werner in eine Art Abnutzungskampf aus Suggestivfragen und Beteuerungen spannt. 

Anne Werner gespielt von Katharina Marie Schubert.

Anne Werner streitet den Verdacht, dass sie in das Sterben der beiden Männer verwickelt sein könnte, nachdrücklich ab.

Betroffenheitsfalle geschickt vermieden

Der Tatort „Anne und der Tod“ schafft es, den Pflegenotstand angemessen darzustellen und dennoch nicht in die Betroffenheitsfalle zu tappen. Weil er die Aufklärung eines Todesfalles immer wieder mit der Frage kurzschließt, was ein guter Mensch ist und was den Wert des Lebens ausmacht. Anerkennung im Beruf, Status, Familie, oder vielleicht das Gefühl, das Richtige zu tun? Darauf gibt der Film keine einfachen oder wohlfeilen Antworten.

Kommissare auf hoher moralischer Warte

Lannert und Bootz begegnen den Zeugen und der Angeklagten von einer hohen moralische Warte aus. Irgendwann müssen auch sie erkennen, dass sie mit ihren Maßstäben von Recht und Gesetz nicht bis zum Kern des Menschen vordringen.

Anne Werner (Katharina-Marie Schubert)

Anne Werner (Katharina-Marie Schubert)

Katharina Marie Schubert überzeugt als Altenpflegerin Anne

Schauspielerin Katharina-Marie Schubert als Anne gelingt dabei das Kunststück, ein komplexes Wesen hinter einer scheinbar einfachen Persönlichkeit anzudeuten und den Film zwischen Sozialstudie und Seelenerkundung in einer irritierenden Balance zu halten. "Anne und der Tod" ist bis zum überraschenden Ende ein sehr sehenswerter Tatort.

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