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Neu im Kino: "Nach dem Urteil" von Xavier Legrand Scheidungskrieg aus Sicht eines Elfjährigen

Von Rüdiger Suchsland

Der französische Regisseur Xavier Legrand begann seine Karriere als Kinderdarsteller. In seinem Spielfilmdebüt "Nach dem Urteil" zeigt er einen Scheidungskrieg, geschildert aus Kindersicht, mit den starken Hauptdarstellern Denis Ménochet, Léa Drucker und dem jungen Thomas Gioria - in einem Familiendreieck härtester Auseinandersetzungen.

Ungleicher Streit vor dem Scheidungsrichter

Von Anfang an sind die Kräfteverhältnisse - die körperlichen - klar verteilt: Eine Frau, eher zart und mager, und ein bulliger Mann stehen vor der Scheidungsrichterin.

Es geht darum, wer das Sorgerecht für den elfjährigen Sohn bekommen soll.

Die Vorstellung von Gewalt schwingt mit

Auch Gewalt ist von Anfang an mit anwesend, zumindest als Phantasie, in der Vorstellung des Zuschauers. Denn die Mutter legt dar, dass der Vater der älteren Schwester des Jungen einmal die Hand gebrochen habe.

Ist das eine Lüge, um das Sorgerecht zu bekommen, oder entspricht es der Wahrheit?

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Neu im Kino: "Nach dem Urteil" von Xavier Legrand

In permanenter Angst

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Nach der Scheidung von ihrem Mann bekommt Miriam Besson (Léa Drucker) das alleinige Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Sie zieht in eine andere Stadt und versucht ihrer Familie ein neues Leben aufzubauen.

Nach der Scheidung von ihrem Mann bekommt Miriam Besson (Léa Drucker) das alleinige Sorgerecht für ihre beiden Kinder. Sie zieht in eine andere Stadt und versucht ihrer Familie ein neues Leben aufzubauen.

Ihr Ex-Mann Antoine (Denis Ménochet) will dies jedoch nicht auf sich sitzen lassen. Er folgt seinen Kindern und zerrt die Familie vor Gericht.

Denis erringt einen Teilerfolg: für seinen elfjährigen Sohn Julien (Thomas Gioria) erlangt er, zum Entsetzen seiner Mutter, das Besuchsrecht.

Julien wünscht sich, genau wie seine große Schwester Josephine (Mathilde Auveneux) selbst entscheiden zu können, ob er seinen Vater trifft. Stattdessen muss er nun jedes zweite Wochenende mit ihm verbringen.

Auch wenn Antoine bemüht ist, sich dem Jungen anzunähern und die Rolle des guten Vaters auszufüllen, so sind die Wochenenden für Julien eine Qual.

Der Zuschauer erahnt zunächst nur, was in der Familie Schlimmes geschehen sein muss, das die Fronten so verhärtet hat.

Doch auch für Miriam sind die Wochenenden eine Tortur: sie ist in steter Sorge um das Wohl ihres Sohnes.

Julien weiß irgendwann nicht mehr, wem er glauben soll.

Für Regisseur Xavier Legrand ist der Fokuspunkt des Filmes die Angst: "Die Angst, die von einem Mann ausgeht, der bereit ist, alles zu tun, um wieder mit seiner Frau zusammenzukommen, die seinem gewalttätigen Verhalten entkommen und ihn verlassen will."

Elternrecht scheint wichtiger als Freiheit der Kinder

Julien, der Junge wünscht sich, genau wie seine volljährige Schwester selbst entscheiden zu können, ob er die Wochenenden bei seinem Vater verbringt. Das Gericht aber geht dieser Bitte nicht nach und zwingt den Sohn, samstags und sonntags zum Vater zu ziehen.

Das Wohl und das Recht der Eltern ist aus juristischer Sicht wichtiger als die Freiheit der Kinder.

Ist der Vater wirklich ein Monster?

Mutter Miriam ist entsetzt. Doch Vater Antoine bemüht sich, ein guter Vater zu sein und sich dem Jungen anzunähern – zunächst ohne Erfolg.

Ist er wirklich das Monster, für das ihn seine Ex-Familie hält?

Filmtrailer von "Nach dem Urteil"


Vorbilder: "Kramer gegen Kramer" und "The Shining"

Der Franzose Xavier Legrand hat sich für seinen ersten Langfilm große Vorbilder ausgesucht: Das Scheidungsmelodrama "Kramer gegen Kramer" von Sidney Pollack, den Thriller "The Night of the Hunter" von Charles Laughton und Stanley Kubricks Horrorfilm "The Shining".

Dies ist ein herausragender Film, in dem Form und Inhalt einander entsprechen, dem es gelingt, das Gleichgewicht zwischen filmischen Mitteln und Stärke seiner Geschichte zu halten.

Auch wenn Antoine bemüht ist, sich dem Jungen anzunähern und die Rolle des guten Vaters auszufüllen, so sind die Wochenenden für Julien eine Qual.

Auch wenn Antoine bemüht ist, sich dem Jungen anzunähern und die Rolle des guten Vaters auszufüllen, so sind die Wochenenden für Julien eine Qual.

Nur langsam erweist sich der Vater als unberechenbar

Tatsächlich beginnt "Nach dem Urteil", der im Original "Jusqu’à la garde" heißt, als ein psychologisches Drama, das einen harten Scheidungskrieg porträtiert.

Danach aber nimmt der Film bald eindeutig Partei und schlägt sich auf die Seite der Mutter, indem er den Vater als unberechenbaren und gewalttätigen Psychopathen entlarvt.

Rosenkrieg aus Kinderperspektive

Damit mutiert alles zum Horrorfilm aus dem realen Leben.

Der besondere Reiz liegt darin, dass der Regisseur den Rosenkrieg der Eltern so weit wie möglich aus Kinderperspektive, hier aus der Sicht eines Elfjährigen, schildert: Der Junge will bei der Mutter bleiben, den Vater nicht treffen.

Doch auch für Miriam sind die Wochenenden eine Tortur: sie ist in steter Sorge um das Wohl ihres Sohnes.

Für Miriam sind die Wochenenden eine Tortur: sie ist in steter Sorge um das Wohl ihres Sohnes.

Familienterror - ohne Wehleidigkeit geschildert

Doch der Ex-Mann erhält Besuchsrecht, der Junge muss jedes zweite Wochenende mit ihm verbringen. Der Vater ist auch fürsorglich, aber immer wieder bedrohlich und vor allem manipulativ. Er versucht über den Jungen die ganze Familie zu terrorisieren.

Das ist effektiv inszeniert. Sozialkino ohne Wehleidigkeit, ohne billiges Mitleid, sondern hart und realistisch, so wie das Leben ist.

Permanente Atmosphäre der Angst

Es entsteht eine permanente Atmosphäre der Angst. Legrand filmt viele Szenen in sehr langer oder nur einer einzigen Einstellung. Er überblendet viel und mischt Dialoge mit Geräuschen und Bildern - das verstärkt die Anspannung und zwingt, genau hinzusehen.

Für diese behutsame, sensible, kluge Inszenierung bekam Legrand vor einem Jahr in Venedig den "Silbernen Löwen" für die Beste Regie - absolut verdient.

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