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Letzter "Polizeiruf 110" mit Matthias Brandt Deutschlands eigenwilligster Fernsehkommissar geht

Von Karsten Umlauf

Hans von Meuffels, der eigenwilligste unter den deutschen Fernsehkommissaren, quittiert nach seinem 15. Fall den Dienst. Fans hatte der Star des Münchner "Polizeiruf 110" nicht nur unter Krimidauerguckern, sondern auch unter Freunden des gepflegten Arthaus-Films. Das Erste zeigt Matthias Brandts letzten Polizeiruf 110: "Tatorte" am 16.12.

Offene Bilder

An die Fernsehkrimis von Christian Petzold müssen sich die Augen erst gewöhnen. Vieles wirkt zu dunkel, unterbelichtet. Im Ungefähren. Und das ist auch bei der Folge "Tatorte" genau so beabsichtigt. Klar und eindeutig ist eben gerade nichts in diesen Petzold-Polizeirufen.

Polizeiruf 110: Tatorte von Christian Petzold

Regisseur Christian Petzold, Nadja Micoud und Matthias Brandt

Menschen und ihre Motive sind wichtiger als der Fall

Diesem Regisseur geht es am wenigsten darum, einen Mordfall zu seiner Lösung zu bringen. Um Menschen und ihre Motive zu verstehen, nicht auf den ersten Eindruck hereinzufallen, darum lässt Petzold die Bilder so offen und uneindeutig. Damit gelingt es ihm noch genauer hinter die Kulissen der menschlichen Seele zu blicken.

und Nadja Micoud (Maryam Zaree)

Kommissar Hans von Meuffels (Matthias Brandt) wird telefonisch von seiner Assistentin Nadja Micoud (Maryam Zaree) über einen Mord im Autokino informiert. Neben der Leiche wurden regenverwaschene, pornografische Fotos gefunden.

Kein Nerv für Mordermittlung

Eine Frau ist auf dem Parkplatz eines Autokinos brutal erschossen worden, ihre Tochter nur knapp einem Mord entgangen. Hans von Meuffels muss den Ausführungen seiner ehrgeizigen neuen Kollegin Nadja lauschen, für Beweisaufnahme und Organisation am Tatort hat der wortkarge Grübler aber keinen Nerv.

Kommissar mit Beziehungsstress

Von Meuffels ist in Gedanken ganz woanders. Seine große Liebe und kriminalistische Kollegin Constanze, gespielt von Barbara Auer, hat ihn verlassen. Beim Versuch sie zurückzugewinnen, kommt von Meuffels an seine Grenzen.

Polizeiruf 110: Tatorte von Christian Petzold

Constanze Hermann (Barbara Auer)

Verblüffendes Finale

Der Film schafft es, den Kriminalfall und die persönliche Ebene allmählich miteinander zu verknoten bis sie sich in einem verblüffenden Finale lösen. Der Weg dahin besteht aus Dialogen, die die Sprache, Beobachtung und Selbstbeobachtung zum Thema machen.

Automatenkaffee und klassische Musik

Sein letzter Fall versammelt Reminiszenzen an frühere Fälle der Krimikunstfigur Hans von Meuffels. Und zeigt dabei noch einmal alles, was diese Filme stark gemacht hat: ein kunstvolles Geflecht aus Rollenspielen, messerscharfe Fallanalysen während der Autofahrt und immer wieder Automatenkaffee und klassische Musik.

Strategie- Analyse

Wie durchschaut man die Strategie eines Täters? Oder überhaupt eines anderen Menschen? Wie hilft einem dabei ein künstlicher Tatort, wie ihn Constanze als Dozentin an der LKA-Polizeischule immer wieder arrangiert?

Polizeiruf 110: Tatorte von Christian Petzold

"Ich habe in den letzten Jahren mit sehr unterschiedlichen Autoren und Regisseuren an dieser Rolle gearbeitet und das ist mal mehr, mal weniger gut gelungen, finde ich. Kann aber auch gar nicht anders sein, wenn man eine künstlerische Arbeit als ein ständiges Herausfinden betrachtet und nicht als Erfüllen oder Abliefern. Jetzt wird es Zeit, mich mit anderen Dingen zu beschäftigen, bevor die Gewöhnung zu groß und es womöglich noch gemütlich wird, denn das wollte ich immer vermeiden. Der richtige Moment zu gehen also. Es war eine erlebnisreiche Zeit und ich bin glücklicherweise auch traurig, dass sie nun zu Ende ist." (Matthias Brandt)

Von der Kamera arrangierte Menschen

Was sagt ein Krimi wie dieser, der wenig Angebote zur spannungsgeladenen Identifikation mit einer Figur macht, sondern stattdessen die Kamera benutzt, um Bilder zu arrangieren? Menschen im Rahmen. Letztendlich ist alles eine Erzählung, bei diesem Film eine sehr gelungene Erzählung, deren Vexierspiele es zu entdecken gilt.

Matthias Brandt wird fehlen

In seiner knorrigen und zugleich zerbrechlichen Art wird Matthias Brandts Version des Ermittlers fehlen. Im kongenialen Trio mit Barbara Auer und Regisseur Christian Petzold hat er den Krimi als Liebes- und Lebenserklärung ein Stück weit neu definiert. Zumindest so, wie es bei einem Lied in diesem Film heißt: "It’s the same old song but with a different meaning".

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