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Film Drei Geschwister in der Midlife-Crisis: „All My Loving“ von Edward Berger

Von Julia Haungs

„All My Loving“ ist der zweite Kinofilm des deutschen Regisseurs Edward Berger, der bereits internationale Erfolge gefeiert hat. Seine deutsch-deutsche Spionage-Serie „Deutschland 83“ lief im US-Fernsehen. „All My Loving“ erzählt die Geschichte dreier Geschwister, die sich mit Mitte 40 neu erfinden müssen.

Grundlegende Entscheidungen im Leben

Job, Kinder, Partnerschaft - im Alter von 40 Jahren sind die grundlegenden Entscheidungen im Leben gefallen. Man arbeitet sich daran ab, mit den Konsequenzen zu leben. Die drei Geschwister, um die es in „All My Loving“ geht, haben sehr unterschiedliche Wege gewählt.

1:58 min

Kinotrailer All My Loving

Der Kümmerer

Tobias, der Jüngste, ist der Kümmerer der Familie: Hausmann, Vater von drei Kindern und stets zur Stelle, wenn es darum geht, sich um den kranken Vater zu kümmern.

Kein Wunder, dass die Diplomarbeit seit Jahren nicht fertig wird.

Lars Eidinger als Pilot Stefan in "All my Loving"

Stefan (Lars Eidinger)

Der coole Hund

Bruder Stefan, der gern den coolen Hund gibt, ist Pilot und überzeugter Single. Wegen Gehörproblemen darf er allerdings seit einigen Monaten nicht mehr fliegen und stellt plötzlich fest, dass sein Leben ohne Job ziemlich leer ist.

Nele Müller Stöfen als Julia Hoffmann in "All my loving"

Julia (Nele Müller Stöfen) und ihr Mann Christian (Godehard Giese)

Die Trauernde

Auch seine ältere Schwester Julia spürt eine große Leere: den Tod ihres Sohns kompensiert sie mit einer manischen Fürsorge für ihren Hund Rocco. Ihr Mann spielt nur noch eine Nebenrolle.

Eine Reise nach Turin soll das Paar einander wieder näher bringen. Beim gemeinsamen Mittagessen tauschen sich die drei Geschwister aus.

1/1

Kinostart 24.05.

All My Loving von Edward Berger

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In "All My Loving" suchen die drei Geschwister Julia (Nele Müller-Stöfen), Stefan (Lars Eidinger) und Tobias (Hans Löw) das Glück - für sich selbst und als Familie.

In "All My Loving" suchen die drei Geschwister Julia (Nele Müller-Stöfen), Stefan (Lars Eidinger) und Tobias (Hans Löw) das Glück - für sich selbst und als Familie.

Stefan ist Pilot und lebt sein Single-Leben auf der Überholspur. Als er jedoch sein Gehör verliert und nicht mehr fliegen darf, verzweifelt er: abends geht er mit seiner Pilotenuniform in Bars, um Frauen abzuschleppen.

Julia versucht hingegen, ihre angeschlagene Ehe bei einem verlängerten Wochenendtrip nach Turin zu retten.

Währenddessen wird Tobias damit betraut, bei den Eltern nach dem Rechten zu sehen. Seine Frau bleibt Zuhause und versorgt die Kinder, die Tobias immer wieder als Ausrede für sein stagnierendes Studium herhalten lässt.

Schon bald wird Stefan von der Realität eingeholt: seine Tochter Vicky (Matilda Berger), die aus einer losen Affäre entstand und bei ihr Mutter lebt, nimmt Reißaus. Erstmals merkt Stefan, dass er sich nach Verbindlichkeit sehnt. Er wünscht sich etwas, das bleibt.

Und auch bei Julia und ihrem Mann Christian läuft das Wochenende nicht ganz so, wie erhofft. Als sie zufällig Zeuge werden, wie ein Straßenhund angefahren wird, kümmert sich Julia nur noch um den Hund - nicht mehr um ihren Mann.

Als Tobias erkennt, dass sein Vater Pit (Manfred Zapatka) dringend einen Arzt braucht, wird ihm plötzlich klar, dass es für die Eltern der Geschwister so nicht mehr weitergehen kann.

Regisseur Edward Berger sagt über seinen Film: "All my loving" ist kein lauter Film, kein radikales Drama, keine Geschichte, die uns schockiert, sondern ein Film über Menschen aus der bürgerlichen Mitte, der Leichtes in der Melancholie sucht und seine Radikalität im Alltag wiederfindet."

 Film mit einem Schuss Melancholie

Es sind privilegierte Leben der urbanen Mitte, von denen „All My Loving“ erzählt. Keine der Lebenskrisen, egal wie tief empfunden, ist wirklich existenzbedrohend.

Ein solcher Film könnte leicht larmoyant wirken. Doch Regisseur und Drehbuchautor Edward Berger trifft mit leichter Hand und einem Schuss Melancholie genau den richtigen Ton. Unversehrt ist mit 40 wohl keiner mehr.

Bindungsloser Bruder will plötzlich Verantwortung übernehmen

Ausgehend von dem gemeinsamen Mittagessen beobachtet der Film in drei Episoden die weiteren Wochen im Leben der Geschwister. Äußerlich passiert nicht viel, und doch verändern sich für alle drei grundlegende Dinge, die ihr Leben seit Jahren negativ bestimmen.

So entdeckt zum Beispiel der bindungslose Stefan, wie gut es sich anfühlt, Verantwortung für jemanden zu übernehmen. Auch wenn seine halbwüchsige Tochter, die bei der Mutter lebt, mit diesem plötzlichen Interesse nichts anfangen kann. 

Regisseur Edward Berger sagt über seinen Film: "All my loving" ist kein lauter Film, kein radikales Drama, keine Geschichte, die uns schockiert, sondern ein Film über Menschen aus der bürgerlichen Mit

Regisseur Edward Berger sagt über seinen Film: "All my loving" ist kein lauter Film, kein radikales Drama, keine Geschichte, die uns schockiert, sondern ein Film über Menschen aus der bürgerlichen Mitte, der Leichtes in der Melancholie sucht und seine Radikalität im Alltag wiederfindet."

Ausgezeichnete Hauptdarsteller: Lars Eidinger, Hans Löw und Nele Müller-Stöfen

Mit großem Einfühlungsvermögen versetzen sich die ausgezeichneten Hauptdarsteller Lars Eidinger, Hans Löw und Nele Müller-Stöfen in die Lebenssituation der Figuren. Müller-Stöfen hat dabei auch am Drehbuch mitgeschrieben.

Mut zur Unaufgeregtheit im Kino

Die Sorge um die alten Eltern, die Überforderung mit den Kindern, das Job-Aus, der Verlust eines engen Angehörigen - all das erzählt der Film mit bewundernswertem Mut zur Unaufgeregtheit, die aber trotzdem nie fad wirkt.

Deutscher Film mit seltener Eleganz

„All My Loving“ handelt vom Festhaltenwollen und Loslassenmüssen. Und davon, wie schwierig es ist, in einer Familie im Spektrum zwischen Übergriffigkeit und Achtlosigkeit den richtigen Abstand zueinander zu finden. Mit welcher Eleganz Edward Berger das ins Bild setzt hat ein Niveau, wie man es im deutschen Film nicht oft sieht.

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