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Immigration Game | Kino Flüchtlinge als Freiwild

Kulturthema am 5.7.2017 von Rüdiger Suchsland

Deutschland als zynische, kaputte Wohlstandsgesellschaft, die offenen Sadismus lebt - das ist die dystopische, tiefschwarze Zukunfts-Vision der Bundesrepublik Deutschland in "Immigration Game". Einwanderungs- und Flüchtlingsfragen werden in Form einer sozialdarwinistischen Medien-Gaudi entschieden, in der Menschen Freiwild sind und nur die Stärksten überleben. Krystof Zlatniks Film ist weder politisch engagiertes Kino, noch funktionierende Unterhaltung. Immerhin, in puncto Kampfkunst muss sich dieser deutsche Martial-Arts-Film nicht vor ähnlichen Filmen aus Fernost verstecken. Für die politische Agenda des Films kann es aber keine wohlwollende Verharmlosung geben: Zu viele, zu primitive Klischees kommen hier zusammen.

Eine Jagd, ein Kampf, rock'n'rollige Brutalität und eine zynische, kaputte Wohlstandsgesellschaft, die offenen Sadismus lebt. Das soll Deutschland sein, fast in unserer Gegenwart. Aber es ist natürliche eine Dystopie, eine - sehr wohlwollend formuliert - alternative und tiefschwarze Zukunfts-Version der Bundesrepublik Deutschland. In ihr es gibt es zwar Flüchtlingsströme, aber keine Willkommenskultur, keine abgewogene Integrationspolitik, sondern eiserne Abschottung und statt bayerischer Obergrenzen eher Berliner Untergrenzen.


Brutaler Kampf um die Aufenthaltserlaubnis

Zu allem Überfluss gibt es auch noch eine sozialdarwinistische Gaudi, die jedem Römischen Zirkus unter dem wahnsinnigen Kaiser Caligula Ehre gemacht hätte. Denn für die wenigen, die es aus Afrika oder dem Nahen Osten bis nach Deutschland geschafft haben, bleibt als einzige Möglichkeit für eine Aufenthaltserlaubnis ein Kampf auf Leben und Tod, der in einer Zone zwischen dem brandenburgischen Umland und Berlin-Mitte ausgetragen wird.

Die Polizei setzt dort unbewaffnete Flüchtlinge aus, die Freiwild, für Wutbürger und Fremdenhasser aller Art sind. Sie dürfen morden, wen sie kriegen, nur wer sich bis zum Fernsehturm am Alexanderplatz durchgeschlagen hat, ist sicher. Dies ist das titelgebende "Immigration Game", das "Einwanderungsspiel", eine Fernsehpolitshow, die Mord, Totschlag, Hatz und Hass live ins Internet überträgt.

Empathischer Yuppie kümmert sich um Flüchtlinge

Der Plot der Story kreist um Joe (gespielt von Mathis Landwehr), Banker und Versicherungsmakler im feinen Brioni-Zwirn. Ausgerechnet dieses Parade-Exemplar eines Yuppies ist voller Mitleid mit den Flüchtenden, nimmt einen von ihnen in seiner Limousine mit und verteidigt ihn gegen die Mordbuben. Dabei tötet er einen und zur Strafe - der Rechtsstaat spielt in diesem Film so wenig eine Rolle, wie die Logik - muss er selbst, obschon deutscher Pass-Inhaber, an dem Überlebensspiel teilnehmen. Wie gut, dass das hübsche Jüngelchen in seiner Freizeit Karate- und Kampfkunstkurse genommen hat.

Als ernstzunehmender Beitrag zur politischen Debatte kann diese Fiktion des in Stuttgart geborenen Regisseurs Krystof Zlatnik daher wohl kaum verstanden werden. Muss sie auch nicht, denn Kino als politisches Manifest oder moralische Anstalt ist all zu oft nur öde. Aber was ist es dann? Unterhaltung ja wohl auch nicht. Denn "Immigration Game" ist zwar durchaus ungewöhnlich: Ein deutscher Martial-Arts-Film, dessen Kampfszenen sich zumindest vor ähnlichen Filmen diesseits des Fernen Ostens nicht verstecken müssen.

Ein Film voller Klischees

Zugleich aber überaus vorhersehbar und unglaublich schlecht gespielt. Hier immerhin kann man den Filmemachern zugute halten, dass ihr Film mit No Budget in nur 14 Drehtagen entstand. In punkto Inszenierung, als deutscher Genrefilm mit Massenszenen, Verfolgungsjagden und Kampfkunstkämpfen ist "Immigration Game" gar nicht so schlecht.

Für die politische Agenda des Films aber kann es keine verharmlosende Formulierung geben. Denn auch wenn dieser Film sich vielleicht als unpolitisch versteht, und womöglich nicht den Anspruch hat, irgendetwas zur gegenwärtigen Lage im Wahlkampfjahr auszusagen, ist er das natürlich nicht.

"Immigration Game" trieft zum Einen nach allen Seiten von Klischees: Klischees über die Deutschen als Ausländerhasser, aber auch Klischees über Fremde, die gefährlich sind und viel zu viele. Klischees über die Polizei, die zu hirnlosen, kryptofaschistischen Gewaltdienern werden. Klischees schließlich über die Medien und die Demokratie:

Dies ist kein Film, der irgendwelche Erkenntnisse vermittelt, sondern diffus aufhetzt und der bestenfalls aus Naivität zynisch ist. Er appelliert distanz- und bruchlos an die niederen Instinkte des Publikums, an Voyeurismus und Gewaltlust, er spielt mit Männerkitsch und rassistischen Klischees.

Faschistische Fantasien

Immerhin gibt es einen Moment, da kritisiert der Film sich selbst ziemlich treffend, aber im Gesamtzusammenhang dann eben auch recht wohlfeil: "Einige Kritiker meinten, die Show sei inhuman, sie sei die Faschisten-Fantasie einer darwinistischen Welt des Überlebens, um die Starken von den Schwachen zu trennen."

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