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First Steps Awards 2017 Aufbruch zu neuem deutschem Kino

Kulturthema am 19.9.2017 von Rüdiger Suchsland

Am 18.9. wurden in Berlin die Nachwuchsfilmpreise "First Steps" Awards verliehen. Die meisten der ausgezeichneten Filme könnten unter normalen deutschen Förderbedingungen gar nicht entstehen. Noch problematischer wird es für die Jungfilmer nach dem allerersten Kinofilm. Es ist äußerst schwierig, nicht nur eine Kino-Eintagsfliege zu bleiben, sondern sich in der deutschen Filmszene zu etablieren, meint SWR2 Filmkritiker Rüdiger Suchsland.

"Luft" von Anatol Schuster

Echtes Kino voller Luft und Sonne, zwei junge Frauen und ihre Geschichte, die ganz und gar in Bildern erzählt wird, in erlesenem Farbdesign mit Musik. Es geht um die Suche nach der wahren Liebe. Man kann diesen Film einfach nur spüren und genießen. Man kann mit ihm mitschwingen und sich mit jeder Pore von ihm durchdringen lassen. Er ist ein großes Wunder, das man bestaunen muss. So entschieden schiebt er alles beiseite, was man sonst von einem Film erwartet. Ein Film wie ein Gedicht, das komplexe Zustände unseres Lebens auf die Leinwand bringt, mit allen Geschichten, Farben, Klängen und Strukturen. Kino, das mit ganz wenig unglaublich viel bewegt.

"Luft" von Anatol Schuster

"Luft" von Anatol Schuster. Die verträumte Manja lebt mit ihrer kasachischen Familie in einem bizarren Wohnblock am Rand der Stadt, die furchtlose Louk stammt aus einem bürgerlichen Arzthaushalt. Zwischen den beiden so unterschiedlichen Mädchen entsteht eine erste Liebe – zart wie die Luft.

Anatol Schusters Film "Luft" ist ein sehr origineller, überaus gelungener Film und - mit sehr wenig Etat im Saarland und in Frankreich in prachtvoller Natur gedreht - auch eine gigantische Produktionsleistung der Münchner Filmstudentin Isabelle Bertolone, die für diesen Abschlussfilm gestern Abend mehrfach bei dem Nachwuchsfilmpreis "First Steps" nominiert war.

"LOMO" von Julia Langhof

"Lomo" von Julia Langhof

Ausgezeichnete Beispiele für die Fähigkeiten der Nachwuchsfilmer

Ein zweites Beispiel: Julia Langhofs "Lomo" - ein mitunter witziges, souverän inszeniertes und sehr stilbewusstes Jugendmelodram ums Erwachsenwerden, über das Netz und was es mit uns allen tut. In einer Art Coming-of-Age-"Matrix" führt ein Abiturient ein Doppelleben als Internet-Idol und gefällt sich als Wahrheitsgenerator für seine Umgebung.
Auch Nina Vukovic's Studentenfilm "Detour" und das Drama "Die beste aller Welten" von Adrian Goiginger sind ausgezeichnete Beispiele für die Fähigkeiten der Nachwuchsfilmer.

First Steps Nominierungen

"Detour" von Nina Vucovic. Eine junge Frau überredet den Lieferanten Bruno, sie mit nach Berlin zu nehmen. Der Junge, den sie bei sich hat, scheint nicht ihrer zu sein. Bruno erkennt ihre Verlorenheit und verrennt sich in den Gedanken, sie könnten sich näher kommen.

Unterwegs zu etwas Neuem

Es scheint, als ob junge, in Deutschland arbeitende - aber nicht immer deutsche - Filmemacher gerade unterwegs seien zu etwas Neuem. Wer wäre nicht diskret angeödet von den Dilettantismus-Etüden des sogenannten "deutschen Mumblecore", vom Langsamkeitsfetischismus mancher älterer Filmemacher und von der Ästhetik der "Tatorte" und Fernseh-Serien - die eher Honigfallen für Talente sind, als Startrampen. Es sind zum Teil ausgezeichnete Filme, die gestern Abend in Berlin für die "First Steps" - Awards nominiert waren.

Das Drumherum der Preisverleihung hat nichts mit den Lebenswelten der Nachwuchsfilmer zu tun

Die Veranstaltung selbst und der etwas billige Glitter drumherum hat mit einem Nachwuchspreis hingegen sehr wenig zu tun und befriedigt eher die Geschmäcker der älteren Funktionäre.
Ein "Mercedes-Benz Driving Event" für die Nominierten lockte bereits am Sonntag, nach dem "Networking Dinner" gab es dann noch eine "Beauty-Lounge" - kann man das eigentlich auch anders, als auf Amerikanisch ausdrücken? - und einen Empfang der GALA - bestimmt ein Heft, das jeder Jungregisseur unterm Kopfkissen liegen hat. Mit jugendlichen Lebenswelten hat das alles wenig zu tun, eher schon mit der Abrichtung für ein deutsches Pseudohollywood, für eine Glamourwelt, die zu den nominierten Filmen in himmelschreienden Widerspruch steht.

First Steps Nominierungen

"Die beste aller Welten" von Adrian Goiginger. Adrian ist sieben und ein aufgeweckter Junge. Seine Mutter verbringt viel Zeit mit ihm. Dass sie heroinsüchtig ist, realisiert er nicht. Helga gelingt es, ihre Welt zwischen der Zuwendung zu ihrem Sohn und ihrer Sucht auszubalancieren. Sie erschafft eine glückliche Kindheit: eben die beste aller Welten.

Schwierig wird es für Jungfilmer, sich in der Kinoszene zu etablieren

Die wirklichen Probleme beginnen aber erst jetzt, nach den Preisen und nach dem allerersten Kinofilm. Denn den Anfängern geht es relativ gut im deutschen Film - wirklich schwierig wird es auch für erfolgreiche Jungfilmer, ihren nächsten Kinofilm zu stemmen, und nicht nur eine Kino-Eintagsfliege zu bleiben, sondern sich in der deutschen Filmszene zu etablieren. Es ist schon mehr als paradox, es ist geradezu pervers, dass immer mehr Filmhochschule-Plätze und Nachwuchsförderprogramme für viel Geld aus dem Boden gestampft werden - und die bundesdeutsche Filmförderanstalt FFA erklärt nicht einmal mehr hinter vorgehaltener Hand, dass es ihr am liebsten wäre, wenn viele Filme gar nicht erst gemacht würden.

Anspruchsvolles Kino wird derzeit von deutscher Kulturpolitik erdrosselt

Die meisten der gestern nominierten Filme könnten unter normalen deutschen Förderbedingungen gar nicht entstehen, weil die Besserwisser und Schlaumeier in den Gremien sie nicht fördern und in seitenlangen Papieren erklären, warum solche Filme angeblich kein Publikum finden. Hier müsste die Noch-Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters ansetzen, wollte sie ihren regelmäßigen Jubel-Pressemitteilungen zum deutschen Film wirklich Taten folgen lassen. Oder eine neue, hoffentlich bessere Kulturstaatsministerin. Bis jetzt wird anspruchsvolles Kino schon von der Kulturpolitik erdrosselt, und ist nur mehr unter prekären Bedingungen überhaupt möglich.

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