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Filmkritik: "Welcome to Sodom" Sodom – die größte Müllhalde Europas

Von Rüdiger Suchsland

3:42 min | Mi, 1.8.2018 | 18:40 Uhr | SWR2 Kultur aktuell | SWR2

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Neu im Kino: "Welcome to Sodom"

Sodom – die größte Müllhalde Europas

Rüdiger Suchsland

"Welcome To Sodom - Dein Smartphone ist schon hier" ist ein kühl und ruhig beobachtender Dokumentarfilm über die größte Deponie für Elektroschrott aus Europa – einer der giftigste Orte der Welt.

Sodom liegt in Ghana

Es sind eindrucksvolle, unerwartete Bilder, mit denen der Film beginnt: eine alte Legende aus der afrikanischen Mythologie wird erzählt, dazu sehen wir Großaufnahmen einer Echse.

"Welcome To Sodom - Dein Smartphone ist schon hier" - der Titel dieses Films lässt scheinbar wenig Deutungs-Spielraum zu. Aber dieser Film ist weniger moralisierend, als der Titel erwarten lässt. "Sodom", diesen menschlichen Sündenpfuhl aus dem Alten Testament, den Gott einst vernichten ließ, indem er Schwefel und Feuer auf es herabregnen ließ, diesen Ort gibt es wirklich.

2:05 min

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Kinotrailer Welcome to Sodom

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Elektroschrott wird zu einem schwarzen Moloch aus Rauch und Gestank

So nennen seine Bewohner Agbogbloshie die größte Müllhalde Europas. Sie liegt mitten in Afrika, am Rand von Ghanas Hauptstadt Accra in einem ehemaligen Sumpfgebiet, das heute einer der giftigsten Plätze der Erde ist: ein schwarzer Moloch aus Rauch, Gestank und Müll. Über 40.000 Menschen und ungezählte Tiere leben in diesem Moloch von nichts anderem als vom Ausschlachten des Elektroschrotts aus den Wohlstandsregionen. Fast alle unsere Notebooks, Tablets und Smartphones landen hier.

Der Film von Florian Weigensamer und und Christian Krönes blickt hinter die Kulissen dieses Ortes, auf seine Ökonomie und auf die Lebensumstände der Menschen hier. Sie stehen am untersten Ende der globalen Wertschöpfungskette.

"I will work hard, not like the white man"

Die Filmemacher arbeiten Individualitäten heraus: "Any work God will give me, I will do, I will work hard, not like the white man. This is Africa." Etwa einen typischen Arbeitssuchenden, der erklärt, jede Arbeit zu tun, die Gott ihm gibt: Ich werde hart arbeiten, nicht wie ihr Weißen. Denn dies ist Afrika.

Oder den Laienprediger dieses Slums, von dem man nicht genau weiß ob er ein eifernd Gläubiger ist, oder einfach wahnsinnig: "Immortal God ... This place is wicked, wicked, wicked ... Jehova, Allah." Jehova und Allah, sie alle kommen in seinen Reden zusammen. Böse, böse, böse sei dieser Ort – da kann man ihm kaum widersprechen.

Das junge Mädchen verkleidet sich als junger Mann

Alles hier wird verwertet. So gesehen ist Sodom ein notwendiger und ganz natürlicher Teil des Kapitalismus, nicht sein Gegenteil. Dazu gehört auch das Geschlecht. Und die spannendste Figur, die der Film vorstellt, ist ein junges Mädchen, dass sich burschikos gibt und den Kopf geschoren hat, um als Jüngling durchzugehen - den so kann man mehr Geld verdienen. "I also have to keep my secrets. That is why I shave my head, and dress like the boys here. I am a boy, I never wanted to be a girl since I was little. I am good in acting."

Auch in Afrika ist das Leben eine Bühne auf der die Kunst der Verstellung regiert. Und der besten Darsteller des Lebens ist das Chamäleon, das jede Rolle spielen kann.
Es ist der Kapitalismus und die ihm einhergehende Effizienzsteigerung und Verwertung auch des Körpers, die sogar noch Geschlechteridentität vorgeben - selten hat das ein Film so klar vorgeführt, wie dieser.

Ein kühl und ruhig beobachtender Dokumentarfilm

Eine gewisse, postkoloniale Faszination für das Slum-Leben und diesen Ort, den sich kein Mensch ausdenken kann, ist in diesem Film erkennbar. Dies ist kein hysterisch aufgeheizter, sondern ein kühl und ruhig beobachtender Dokumentarfilm. Im Gegensatz zu vielen anderen Filmen über die Übel unserer Welt setzen die Macher nicht auf einfache Appelle, die radikal Umkehr fordern. Die Filmemacher gewinnen diesem höllischen Ort viele Seiten und Facetten ab - es gibt in Sodom sogar eine Radiostation, und eine Rap-Gruppe, die Sodom besingt: "Welcome to Sodom..." Dies schafft aber keine falschen Idyllen, es verklärt oder beschwichtigt nicht. Es zeigt nur dass es auch hier, im schwarzen Herz der Hölle, Leben und Menschlichkeit gibt.

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