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Filmkritik: "Rey" von Niles Atallah König der Mapuche

Von Rüdiger Suchsland

Im 19. Jahrhundert segelte der französische Anwalt und Adelige Orélie-Antoine de Tounens nach Südamerika. Er wollte König der Mapuche werden, dem unabhängigsten und am wenigsten erforschten Indianerstamm des Kontinents. Er setzte sich für die Indianer ein, verteidigte sie gegen die Ignoranz der chilenischen Regierung und kämpfte für ihre Unabhängigkeit. Für kurze Zeit entstand ein eigener Staat: Mit eigener Flagge, eigener Währung, einer eigenen Regierung.

Dies ist eine fantastische Geschichte. Sie handelt von einem, der auszog ein wildes Land zu erobern; einem Mann, der König sein wollte. König von Patagonien, jeder unberührten Region bei Feuerland im Süden Chiles und Argentiniens.

Es gab diesen Mann wirklich, er war ein französischer Anwalt, den es um 1860 nach Lateinamerika verschlagen hatte.

Nur scheinbar ein Western

Der chilenische Regisseur und Drehbuchautor Niles Atallah erzählt diese wahre Geschichte in Spielfilmform. Oberflächlich sieht alles wie ein Western aus: Weiße Männer tragen Hüte und Gewehre, reiten durch Wälder und treffen irgendwann auf die Indianer, denen das Gebiet schon seit unzähligen Jahren gehört.

König von Araucana

Zu Anfang streift ein Mann namens Orélie-Antoine de Tounens durch die Wälder. Bald nach der Begegnung mit den Mapuche-Stämmen, die die Gegend bewohnen, sieht er seine Chance.

Er fasst den Plan, die Stämme zu vereinen, ein Königreich namens Araucana zu gründen und sich selbst zu deren König zu machen.

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Kinostart 03.01.

Rey von Niles Atallah

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Der Film erzählt die wahre Geschichte des französischen Abenteurers Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa) und seine Reise durch Südchile und Argentinien.

Der Film erzählt die wahre Geschichte des französischen Abenteurers Orélie-Antoine de Tounens (Rodrigo Lisboa) und seine Reise durch Südchile und Argentinien.

Er ist besessen von der Vision, auf dem Gebiet der Mapuche ein eigenes Königreich zu gründen und es selbst anzuführen.

Mit einer Flagge, einer selbstgeschriebenen Verfassung und Münzen im Reisegepäck setzt er alles daran, seine Vision zu verwirklichen.

Als er das Gebiet der Mapuchen erreicht, beansprucht er es als sein Königreich.

Obwohl er die Häuptlinge von seiner Idee überzeugen kann und sogar zum König gewählt wird, schlägt sein Plan fehl. Er wird von der chilenischen Regierung verhaftet und ihm droht der Verlust von allem.

Unglaubliche aber wahre Geschichte

Die Gesichte klingt unglaublich , erst recht, wenn man weiß, dass die Mapuche als besonders selbstbewusst und den europäischen Kolonisatoren gegenüber feindselig gelten. Fast alles ist aus Quellen überliefert, es steht in den Schriften Tounens und in den Akten der Gerichtsprozesse, denen er sich stellen musste.

Film setzt auf die Kraft des Traumes

Denn irgendwann war es mit dem Traum vorbei: Die Chilenen nahmen den Franzosen fest. Der Film aber setzt auf das Utopische und Imaginäre dieser Geschichte, auf die Kraft des Traums.

All das erinnert an Geschichten von Rudyard Kipling und Joseph Conrad, etwa an "Das Herz der Finsternis", jenen berühmten Roman, den Francis Ford Coppola zu seinem Vietnam-Epos "Apocalypse Now" verarbeitete.

Obwohl er die Häuptlinge von seiner Idee überzeugen kann und sogar zum König gewählt wird, schlägt sein Plan fehl. Er wird von der chilenischen Regierung verhaftet und droht, alles zu verlieren.

König Orllie-Antoine der Erste (Rodrigo Lisboa)

Zauberhafte Geschichte und Magie des Kinos

Die Bilder und die Machart dieses Films sind psychodelisch, traumartig, phantastisch; also ganz und gar ihrem Gegenstand angemessen. Sie transportieren gleichermaßen den märchenhaften Zauber dieser Geschichte wie die magische Kraft des Kinos.

Filmmaterial im eigenen Garten vergraben

Der Regisseur hat nicht digital gedreht sondern auf klassischen Film-Material in den Formaten Super 8, 16mm und 35mm. Teile der Aufnahmen hat er danach in seinem eigenen Garten vergraben und so erstaunliche Effekte erzielt, die zeigen, was die Materialität richtigen Filmzelluloids von den digitalen Bildern unterscheidet.

Effekte wie aus der Stummfilmzeit

Die Bilder sind auf sehr unterschiedliche Weise gealtert, zum Teil zerkratzt, verrottet und beschädigt. Dadurch sieht es mitunter aus, als handele es sich um alte Filmrollen aus der Stummfilmzeit; ein wunderbarer Effekt.

Hinzu kommen tatsächliche alte Bilder und Aufnahmen von erblühenden Pflanzen, von Tieren im Dschungel. So entsteht ein ganz eigener Kosmos, eine Kinowelt, die sich ganz und gar vom Gewohnten unterscheidet.

Er ist besessen von der Vision, auf dem Gebiet der Mapuche ein eigenes Königreich zu gründen und es selbst anzuführen.

"Rey" von Niles Atallah lief bereits auf zahlreichen Festivals weltweit und hatte seine Deutschlandpremiere 2018 auf dem Filmfest München.

Film bietet auch Angriffsfläche

Man kann gewiss das eine oder andere an diesem Film kritisieren, zum Beispiel die Verwendung von Masken in manchen Passagen. Zum Beispiel, dass sich der Macher dem Kampf der Indigenen um Rechte und Anerkennung verschreibt, dass er aber einen Weißen zur Hauptfigur macht.

Trip durch den Dschungel am Rande des Wahnsinns

Dem Filmemacher geht es allerdings gerade um den Blick der Eroberer auf die indigenen Stämme. Ein Thema des Films ist auch der Wahnsinn. Die Hauptfigur Tounens hat einen irrlichternden Blick. Seinen Trip durch den Dschungel montiert der Regisseur parallel gegen Verhörszenen.

Fantasy- Kino für Erwachsene und Cinephile

Die Erfahrung, den Film "Rey" zu sehen, ist mit alldem trotzdem nur ungenau beschrieben. Regisseur Atallah will der offiziellen Geschichtsschreibung paroli bieten und unseren Sinn für das Vage, Verträumte, Märchenhafte schärfen. Das ist ihm mit diesem Film gelungen. "Rey" ist Fantasy- Kino für Erwachsene und Cinephile.

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