Bitte warten...

Filmkritik: Familie Brasch Liebe, Verrat, Ideologie

Filmkritik von Rüdiger Suchsland

In den 70er und 80er Jahren waren die aus der DDR ausgebürgerten Thomas Brasch und Katharina Thalbach ein Traumpaar der Bundesrepublik. Die beiden Brüder Brasch waren in der DDR bekannte Künstler, der gemeinsame Vater ein bedeutender DDR-Kulturfunktionär.

Die Filmemacherin Annekathrin Hendel erzählt die Geschichte dieser ungewöhnlichen Familie – eine hochspannende Geschichte über deutsche Lebensläufe im 20.Jahrhundert, über Kultur in Ost- und West und über schwere Vater-Sohn-Konflikte.

Faszinierende Ost-West- und Epochengeschichte

"Ein Taxi brachte uns nach Manhattan. Ich sah die Skyline. Ich war in New York..." – mit einer Reise nach Amerika beginnt der Dokumentarfilm "Familie Brasch - Eine deutsche Geschichte" von Annekatrin Hendel.

Man hört die Stimme von Marion Brasch, Schriftstellerin und Journalistin, der jüngsten Tochter von Horst und Gerda Brasch. Im "Deutschen Haus" in New York liest sie aus ihrem Roman "Ab jetzt ist Ruhe – Roman einer fabelhaften Familie": "Es gibt von jeder Familiengeschichte eine Version jedes Mitglieds dieser Familie. Und jedes Mitglied erzählt seine Version. Und ich erzähle meine Version."

Familie Brasch

Druck von beiden Seiten: Marion Brasch, geboren 1961, die jüngste Tochter von Horst und Gerda Brasch, steht hier fast sinnbildlich für die Geschichte ihrer Familie.

Die Geschichte der DDR – und ihres Fortlebens nach 1989

Hendels Film ist keine Verfilmung dieses Buches, aber er erzählt diese Geschichte. Sie ist traurig und schön. Es ist die Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert, aus Sicht einer sehr bürgerlichen, also gebildeten und kunstsinnigen Familie. Und es ist eine Geschichte der DDR, auch deren Fortleben nach 1989.

1/1

"Familie Brasch" von Annekatrin Hendel

Bekannte Zeitzeugen

In Detailansicht öffnen

Die Liedermacherin Bettina Wegner ist Mitte der 1960er Partnerin von Thomas Brasch und Mutter des gemeinsamen Sohns Benjamin (geb. 1968). Von 1970 bis 1982 ist sie mit dem Schriftsteller Klaus Schlesinger verheiratet.

Die Liedermacherin Bettina Wegner ist Mitte der 1960er Partnerin von Thomas Brasch und Mutter des gemeinsamen Sohns Benjamin (geb. 1968). Von 1970 bis 1982 ist sie mit dem Schriftsteller Klaus Schlesinger verheiratet.

Ursula Andermatt spielt in Thomas Braschs Film »Der Passagier - Welcome to Germany« (1988) ihre erste Filmhauptrolle.

Der Schriftsteller Christoph Hein

Florian Havemann (geb. 1952), Sohn des DDR-Regimekritikers Robert Havemann, freundet sich als 14-jähriger mit Thomas Brasch an.

Bekannte Zeitzeugen und die ganze Familie Brasch

Man kennt die Namen: Bettina Wegner, die Liedermacherin, Katharina Thalbach und Ursula Andermatt, Schauspielerinnen, Christoph Hein, Robert und Florian Havemann, Schriftsteller und natürlich alle Braschs:

  • Horst Brasch, ein jüdischer Junge zur Nazizeit, mit dem Kindertransport nach England geschickt, Kommunist, später stellvertretender Kulturminister der DDR, FDJ-Vorsitzender, ein harter Mann und offensichtlich ein kalter Vater
  • Gerda Wenger, seine Frau, in Wien aufgewachsen, ebenfalls jüdische Emigrantin, die gegen ihren Willen in die DDR gedrängt wurde.

    Ihre vier Kinder:
  • Thomas Brasch, der bekannte Schriftsteller, Filmregisseur und glamouröse Sprössling der Familie
  • Klaus Brasch, der früh verstorbene DEFA-und Volksbühnen-Schauspieler
  • Peter Brasch, der Hörspielautor
  • Tochter Marion, die Jüngste
Klaus, Peter, Marion, Gerda und Thomas Brasch

Klaus, Peter, Marion, Gerda und Thomas Brasch

Der Vater: DDR-Anhänger – der Sohn: ausgebürgert

"Familie Brasch" ist ein hervorragender Film. Es geht um den Traum vom Sozialismus und um den Familienzwist, um die kaputten Strukturen in einer nach Außen perfekten Funktionärsfamilie. Denn an autoritärem Gehabe, einem Erbe von Kaiserreich und Nazi-Zeit standen die kommunistischen Väter und Onkel ihren Brüdern und Cousin im kapitalistischen Westen in nichts nach.

Vater Horst Brasch war ein leidenschaftlicher Antifaschist und DDR-Anhänger. Seine Ehe war schlecht, der geniale Sohn Thomas würde zum Literaturstar und zugleich Aushängeschild der Opposition. 1976 folgte die Ausbürgerung aus der DDR.

"Er hat dann auch drauf geachtet, dass er bestimmen kann, wie diese Ausreise nach Biermann gewertet wird." So Thomas Braschs Lebensgefährtin Katharina Thalbach über die gemeinsame Ausreise.

Der Verrat gehörte strukturell dazu

Es war ein Familienleben, bei dem jeder sehr besorgt war, um das Bild, das er erzeugte, um die Meinung der Anderen, ein Familienleben, bei dem Privates immer auch öffentlich war.

Dies ist ein Film über Familienkonflikte, über die Macht der Ideologie, zu der der Verrat strukturell dazugehört. Ein faszinierendes Zeitpanorama zwischen Ost und West. Es handelt von Zerstörung, und von endlosen existenziellen Kämpfen zwischen Familienmitgliedern. Sie waren nicht selten tödlich. Überlebt hat die Schwester.

"Klaus war immer so der Clown der Familie, der war immer lustig, hat sich über alle lustig gemacht, hat sich auch über meinen Vater lustig gemacht, auch in seiner Anwesenheit."

Ein ostdeutsches Pendant zu Heinrich Breloers Geschichte der Familie Mann

Annekatrin Hendel hat schon mehrere ostdeutsche Künstlerportraits gemacht. Zusammengenommen bietet ihr Werk eine sehr gelungene, sensible und facettenreiche kulturelle Chronik der DDR.

Die reale Familiensaga "Familie Brasch" hat Ansätze ein ostdeutsches Pendant zu Heinrich Breloers Geschichte der Familie Mann zu bieten – auch dort ist es die jüngste Tochter, die Nachzüglerin, die als gute Beobachterin im Rückblick zur kritischen Historikerin wird.

"Peter war zu nahe an mir dran und Thomas war zu weit weg."

Hendel mischt Archivmaterial und Interviews, sie verzichtet klugerweise auf mit Schauspielern inszenierte Spielszenen.

Ein herausragender Dokumentarfilm, den man sehen muss.

Weitere Themen in SWR2